Szilárd Borbély - Kafkas Sohn

Szilárd Borbély - Kafkas Sohn

Szilárd Borbély - Kafkas Sohn

Von Ulrich Rüdenauer

Heraus aus dem Lebens-Labyrinth: aus dem Nachlass erscheint ein beeindruckender Kafka Roman von Szilard Borbély.

Szilárd Borbély
Kafkas Sohn
Prosa
Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort
von Heike Flemming und Laszlo Kornitzer
Suhrkamp Verlag, 2017
200 Seiten
24,00 Euro

Eine unüberwindbare und unerfüllbare Erlösungssehnsucht

Immer, wenn ein Werk unvollendet bleibt, versucht man aus den vorhandenen Bruchstücken etwas Ganzes zu formen – der Leser wird mehr als sonst zum Mit-Autor, ergänzt, wo ganze Abschnitte fehlen, schreibt weiter, wo die Sätze ins Leere laufen. Und so ist zwar die Gestalt des nachgelassenen Romans von Szilárd Borbély kaum fassbar; sein Wesen aber ist es durchaus: In Kafka hat Borbély die eigene Verlorenheit gespürt – und eine unüberwindbare und unerfüllbare Erlösungssehnsucht, die man motivisch in den verschiedenen Miniaturen des nun erschienenen Fragments wiederfindet. Die schockhafte Lektüreerfahrung des Jugendlichen, dem eines Tages Kafkas "Proceß" in die Hände gefallen war, hallt hier nach. Borbély erinnerte sich vor einigen Jahren an diese Entdeckung des "Proceß"-Romans

"Indem Kafkas Parabel über das Ausgeliefertsein und die Erniedrigung die gemeinsame Sprache der Literatur benutzt und nicht die trennende Sprache der Religion, scheint in der Figur des Josef K. das jüdische Schicksal auf, wie es in der Tiefe des Christentums verborgen ist. Und umgekehrt. Das mag es gewesen sein, was mich bei der Lektüre des Prozesses so sehr erschütterte, weil es mir unsäglich, wirklich unsäglich bekannt war. Es war ein so starkes Erlebnis, dass man es nicht erzählen kann."

Vater und Sohn

Weil dieses Erlebnis nicht nachzuerzählen war, musste es forterzählt werden. Genau das tut Szilárd Borbély in "Kafkas Sohn" auf respektvolle, aber keineswegs ehrfurchtsvolle Weise. Meisterlich montiert er Episoden aus Kafkas Leben zusammen mit eigenen Erfahrungen der Kindheit; er spinnt sie weiter, geht mit dem jungen Franz durch Prag oder sitzt mit ihm am Mittagstisch im Haus der Kaufmannsfamilie, wo die Konflikte zwischen Vater und Sohn offen zutage treten und Fragen nach dem Judentum immer wieder ins Zentrum rücken. Borbély imitiert nicht Kafkas Ton, sondern verwandelt ihn sich an. Und er wechselt immer wieder die Perspektive. Der Titel "Kafkas Sohn" deutet es an: Hermann Kafka, dem Vater, wird das Wort erteilt. Dieser antwortet auf den berühmten Brief seines Sohnes. Zugleich ist Borbély selbst ein Nachfahre Kafkas. Die Nähe zum Ahnen, dessen Literatur sich in das eigene Schreiben eingeprägt hat, ist bedrückend und berückend zugleich. Borbély lässt Kafka formulieren, was seiner Poetik zugrunde liegt:

Szilárd Borbély

Szilárd Borbély

"Alle Gestalten, denen ich während des Schreibens begegnet bin, alle Figuren meiner Schriften irrten durch das Nichts, und ich versuchte sie aus ihm herauszuführen. Ich bin gescheitert, weil ich niemandem einen Ausweg zeigen konnte, am wenigsten mir selbst, der sie begleitete, um ihnen einen Weg zu eröffnen in dem Labyrinth, in dem ich auf meine armen Figuren stieß, um mich auch selbst mit ihnen zusammen zu verirren. Ich konnte ihnen nicht von Nutzen sein, während ich mich selbst verlor, ich verwischte den Rückweg, ich tappte so lange durch den Schnee, bis die Spuren, die ich hinterließ, auch mir selbst nicht mehr halfen."

Ein Buch mit Subtext

Das Labyrinth ist eine Konstante, eine über die Zeit hinweg geteilte Erfahrung. Der Roman spiele in Osteuropa, heißt es im ersten Satz des Buches, der direkt an den Leser gerichtet ist. Er erzähle vom Reisen, vom Spazierengehen und vom Raum, der all dem ratlos zuschaue. Tatsächlich liegt darin der Schlüssel zu dieser Prosa: Keine Fluchtbewegung hilft dabei, sich selbst und dem Raum zu entkommen, der einen umgibt. Weder entgeht man der Einsamkeit noch der Heimatlosigkeit. Auch das ist eine Erkenntnis, die Borbély mit Kafka teilt. In dem Labyrinth, aus dem Kafka keinen Ausgang fand, gehen wir noch immer verloren. Die Überlieferung, die Mythen, die Religion, auf die Kafka referierte und die ihn umtrieben, sind heute allerdings nicht mehr lebendig. Nach dem Zivilisationsbruch, nach Auschwitz, finden sich lediglich noch Splitter jüdischer Kultur. Das Verschwundene und das Abgebrochene kommen bei Borbély hinzu: Es ist der Subtext, der mitgelesen werden muss. Einmal lässt er einen müden und verzweifelten Anselm Kafka – sein hebräischer Name lautete Amschel – bei einem Rabbi Rat suchen. Der Rabbi hat Schwierigkeiten, sich den Namen seines Gastes zu merken:

"Alles, was wir besitzen, kann nur im Licht der unermesslichen Verluste gesehen werden, die uns treffen. Und so gesehen wird klar, dass unsere Lage eher verzweifelt ist, als auch nur zum geringsten Optimismus Anlass zu geben. Und trotz alledem, und Sie wissen das am besten, trotz alledem müssen wir hoffen, schließlich wären auch Sie nicht hergekommen, wenn Sie nicht hofften, wenigstens auf irgendeine Antwort, wenn schon auf nichts anderes, auf eine Antwort, dass wir das Volk der Hoffnung sind, lieber Adolf."

Schreiben Sie alles auf

Kafka korrigiert den Rabbi sanft, nennt noch einmal seinen Namen Anselm, aber dem Leser steckt da schon der Schreck in den Gliedern: Die Geschichtsebenen verwischen sich, das drohende Unheil hat sich bereits eingeschlichen. Und der Rat, den der Rabbi erteilt, klingt wie ein verzweifelter Auftrag:

"Schreiben Sie alles auf, ich bitte Sie, schreiben Sie immer alles auf."

Auch Borbély musste alles aufschreiben. Ein Roman ist daraus nicht mehr geworden, große Literatur aber schon. Vielleicht wäre es vermessen, eine geschlossene Form schaffen zu wollen, wo doch das Leben ausfranst, sich nicht kontrollieren lässt oder einfach abrupt endet. Und doch enthält jedes noch so kurze Prosastück in „Kafkas Sohn“ das ganze Unglück, die ganze Hoffnung, die ganze Resignation.

Szilárd Borbély - Kafkas Sohn

WDR 3 Buchrezension | 12.09.2017 | 05:44 Min.

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Stand: 10.09.2017, 15:47