Barbara Hahn - Endlose Nacht. Träume im Jahrhundert der Gewalt

Barbara Hahn - Endlose Nacht. Träume im Jahrhundert der Gewalt

Barbara Hahn - Endlose Nacht. Träume im Jahrhundert der Gewalt

Faszinierendes Dunkel – Barbara Hahn entziffert ein Jahrhundert der Gewalt aus den Nachtmaeren, die es hervorgebracht hat.

Der Anfang vom Ende

1928 war so etwas wie der Anfang vom Ende der Weimarer Republik. Just in diesem Jahr veröffentlichte der Philosoph Walter Benjamin sein Buch "Einbahnstraße", eine Sammlung von Aphorismen, Fragmenten, Prosastücken – und Träumen. Einer dieser Träume ging so:

"Ich sah im Traum ein ›verrufenes Haus. Ein Hotel, in dem ein Tier verwöhnt ist. Es trinken fast alle nur verwöhntes Tierwasser. Ich träumte in diesen Worten und fuhr sofort wieder auf. Vor übergroßer Ermüdung hatte ich mich im erhellten Zimmer in Kleidern aufs Bett geworfen und war sogleich, für einige Sekunden, eingeschlafen."

Ein Traum - nicht besser als andere

Theodor W. Adorno, Soziologe

Theodor W. Adorno

Dass Walter Benjamin seine Träume direkt neben tiefschürfendste Reflexionen stellte, spaltete die Kritiker. Für den jungen Theodor W. Adorno etwa artikulierte sich gerade in dieser Passage besonders deutlich Benjamins Philosophie. Eine Einschätzung, die Ernst Bloch wiederum als groteske Übertreibung zurückwies. Schon deshalb, weil Benjamin ja nicht einmal eine Deutung mitgeliefert, sondern seinen Traum lediglich kommentarlos wiedergegeben hatte. Daher war dieser Traum für Bloch letztlich "nicht besser als andere" – mit anderen Worten: beliebig.

Walter Benjamin (1930)

Walter Benjamin

In ihrem 200-Seiten-Essay "Endlose Nacht. Träume im Jahrhundert der Gewalt" erinnert Barbara Hahn an die Debatte um Benjamins Traum. Und schlägt sich dabei klar auf Adornos Seite. Damit verbunden ist eine Absage an die Psychoanalyse: Für Sigmund Freud offenbarte ein Traum ja immer nur etwas über den jeweiligen Träumer, über dessen individuelle unbewusste Konflikte – und auch nur dann, wenn dessen Einfälle und Assoziationen zur Verfügung standen, um den Traum zu entschlüsseln. Barbara Hahn dagegen sieht in Träumen "historisches Material": In ihnen spiegelten sich geschichtliche Umbrüche und Erfahrungen – in prägnanten, hochgradig verdichteten Bildern und Gefühlen. Das gelte besonders für die Traumaufzeichnungen aus dem 20. Jahrhundert.

"Im Rückblick auf all die Träume, die uns das vergangene Jahrhundert hinterlassen hat, erscheinen Konturen einer verborgenen Geschichte. Einer Geschichte, an der viele, viele mitgeschrieben haben. Das Zwanzigste war ein Jahrhundert des Traums. Und das heißt auch: ein Jahrhundert der Nacht."

Traumnotat

Tatsächlich haben nach 1900 auffallend viele Menschen ihre Träume aufgezeichnet, darunter zahlreiche Schriftsteller und Künstler. Etliche dieser Träumesammler lässt Hahn in ihrem Buch in einen Dialog treten, unter ihnen Franz Kafka, Anna Achmatowa und Hélène Cixous, Jorge Semprún, Primo Levi und Franz Fühmann. Es sind Erfahrungen wie Krieg und Revolution, Verfolgung und Konzentrationslager, die sich in ihre Notate eingeschrieben haben. Eine wichtige Quelle Hahns ist dabei Charlotte Beradts Studie "Das Dritte Reich des Traums", eine ungemein faszinierende Sammlung von Träumen gewöhnlicher Menschen in der Nazi-Diktatur, die jüngst neu aufgelegt wurde. So viele Traumaufzeichnungen wurden überliefert, dass sich Barbara Hahn zu der These versteigt, das "Traumnotat" – das nicht interpretierte Traumprotokoll – sei letztlich das "Genre des Jahrhunderts" gewesen. Das dürfte denn doch etwas übertrieben sein. Noch problematischer ist, dass sich die Germanistin mit ihrem Plädoyer fürs einfache Notat in ein Dilemma begibt: Wenn das Besondere an den ausgewählten Traumbildern ist, dass sie für sich selbst sprechen und auf Deutungen verzichten – was ist dann die Aufgabe Barbara Hahns? Selber analysieren will die Germanistin zwar nicht, aber mehr als eine bloße Anthologie zusammenstellen schon. Also paraphrasiert sie, erzählt die zitierten Träume noch einmal in eigenen Worten. Dieser einfühlsame Umgang ist zwar bei besonders enigmatischen Träumen durchaus hilfreich. Doch vermisst man rasch erhellende Deutungsangebote, wie sie gerade Hahns Vorgängerin Charlotte Beradt formulierte. Die größte Leistung der Germanistin ist daher das Arrangement ihres Materials, die behutsame Systematisierung: Beispielsweise finden sich in den ausgewählten Traumnotaten auffallend viele apokalyptische Träume unter einem leeren Himmel oder solche, die in Zügen spielen, die ausweglos in ein finsteres Nirgendwo fahren.

"Traumnotate ohne Deutung führen in andere Welten. In ihnen helfen die gewohnten Wege des Lesens nicht weiter. Leicht, sich dort zu verlieren oder zu verirren. Schwer, auch nur zu beschreiben, was in der Begegnung mit diesen Texten geschieht. Manchmal erschrockenes Befremden, manchmal einfach nur Ratlosigkeit. Manchmal ein Wiedererkennen von Bildern und Motiven, manchmal die Begegnung mit völlig Unbekanntem."

Vom träumen und aufwachen

Was es mit Walter Benjamins "verwöhntem Tierwasser" auf sich hat, erfahren wir daher von der Germanistin nicht. Wohl aber, dass es dem Philosophen mit seinem Buch darum gegangen sei, die Weimarer Republik aus ihrem Schlaf zu reißen. Eine Erkenntnis, die nicht jeden Leser befriedigen dürfte.

Faszinierendes Dunkel - Barbara Hahn

WDR 3 Buchrezension | 20.01.2017 | 05:06 Min.

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Stand: 17.01.2017, 15:59