Paul Auster - 4 3 2 1

Paul Auster, 4 3 2 1

Paul Auster - 4 3 2 1

Von David Eisermann

Sein neuer Roman mit dem Titel 4 3 2 1 sei das Buch, sagt Paul Auster, an dem sein Werk und sein Ruf als Schriftsteller künftig gemessen werde.

Paul Auster
4 3 2 1
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz,
Karsten Singelmann, Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag, 2017
1264 Seiten
29,95 Euro

Ich hob fargessen!

"Der Familienlegende zufolge verließ Fergusons Großvater, versehen mit hundert Rubeln, die ins Futter seines Jacketts eingenäht waren, zu Fuß seine Heimatstadt Minsk, gelangte über Warschau und Berlin nach Hamburg und buchte dort die Überfahrt auf einem Schiff namens „Kaiserin von China“, das bei rauen Winterstürmen den Atlantik überquerte und am ersten Tag des zwanzigsten Jahrhunderts im New Yorker Hafen einlief. Sag ihnen, du heißt Rockefeller, sagte einer, damit kannst du nichts falsch machen. Als der neunzehnjährige Reznikoff endlich bei dem Einwanderungsbeamten an die Reihe kam, hatte er den Namen, zu dem Mann ihm geraten hatte, längst wieder vergessen. Ihr Name?, fragte der Beamte. Der müde Einwanderer schlug sich verzweifelt an die Stirn und platzte auf Jiddisch heraus: Ich hob fargessen! Und so begann Isaac Reznikoff sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson."

New York trifft Paris

Paul Auster hat nie den ganz großen Bestseller gelandet oder ein Buch veröffentlicht, das beanspruchen dürfte, heute als moderner Klassiker zu gelten. Aber seit den 80er Jahren hat er mit stupendem Fleiß ein umfangreiches Werk geschaffen, das ihn – in Europa mehr als in den USA – zu einer Berühmtheit gemacht hat: ein großer, gutaussehender Mann, in schwarz gekleidet, der sich in französischer Lyrik auskennt und den Baseball-Sport genauso zu schätzen weiß wie das Oeuvre von Samuel Beckett. Als Schriftsteller steht sein Name für eine stylische und dabei zugängliche Intellektualität - New York trifft Paris. Ein Bewunderer Europas, charmant und poetisch und umgeben von einem Hauch von Avantgarde, der bei einem Mainstream-Publikum Anklang findet. Sein neuer Roman mit dem Titel 4 3 2 1 sei der am meisten realistische Roman, den er bisher geschrieben habe. Tatsächlich verwebt Paul Auster hier eigene Lebenswirklichkeit und Fiktion miteinander – so, wie man das bisher eher von Philip Roth oder John Updike gekannt hat. Er erzählt die Geschichte von Isaac Reznikoffs Enkel Archibald Isaac Ferguson, genannt Archie, gleichzeitig viermal. So erklärt sich auch der Titel des Buchs:

"Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, daß es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte."

Vier ganz unterschiedliche Lebensverläufe

4 3 2 1 – das sind also vier unterschiedliche Romanerzählungen eines Lebens: Archie, Jahrgang 1947 genau wie Paul Auster selbst, wächst auf in den 50er Jahren in Newark, einer Industriestadt, die New York gegenüber liegt im Bundesstaat New Jersey. Archie Ferguson ist nicht die Hauptfigur seines eigenen Lebens – sondern der Held vier ganz unterschiedlicher Lebensverläufe. Jede Erwartung, die man in Paul Austers Ansage gesetzt haben könnte, hier einen realistischen Lebens- und Familienroman zu lesen zu bekommen, zeigt bald Risse und Sprünge: wie war jetzt der Hinweis gemeint, Tante Mildred habe nie geheiratet, wo wir doch gerade den Namen ihres Ehemanns erfahren haben? Und wie kann Onkel Lew denn gleichzeitig mit einer Baseball-Wette ein Vermögen gemacht und sein ganzes Geld verloren haben?

Paul Auster

Paul Auster

Alle vier Archies sind aufgeweckt und wollen gern Schriftsteller werden. Alle vier verlieben sich in ein und dieselbe fesselnde Amy, aber jedes Mal nimmt die Beziehung einen anderen Verlauf. Der eine Archie Ferguson hat einen Autounfall und verliert mehrere Finger; einer ist bisexuell; einer verliert seinen engsten Freund; einer fristet lieber ein bescheidenes Leben in Paris als zu Hause zu studieren, und einer schließlich verliert seinen Vater, als Verbrecher das Warenlager anzünden. An dieser Stelle stößt Austers vielgleisige Perspektive an eine Grenze. Um sich vorbehaltlos auf die Trauer um den geliebten Vater einlassen zu können, müssen Leser jede Metafiktionalität notwendig ausblenden:

"Am meisten sehnte er sich danach, seinen Vater sprechen zu hören. Das fehlte ihm am allermeisten, und auch wenn sein Vater nie ein Mann vieler Worte gewesen war, ein Meister in der Kunst, auf lange Fragen kurze Antworten zu geben, hatte Ferguson den Klang seiner Stimme, seiner sanften, melodischen Stimme immer geliebt, und die Vorstellung, daß er sie nie wieder hören würde, erfüllte ihn mit grenzenloser Trauer, einem Schmerz, so tief und weit, daß der ganze Pazifische Ozean hineingepaßt hätte, der größte Ozean der Welt: Heute wird ein kalter Tag, Archie. Vergiß nicht, deinen Schal zu tragen, wenn du in die Schule gehst."

Der Platz in der amerikanischen Gesellschaft

Es sind solche Passagen, die einem klarmachen, dass zwischen den unterschiedlichen Erzählsträngen durchaus auch ungewollte Interferenzen entstehen können. Subkutan transportiert der Roman ja auch ein besonderes Thema: die Schwierigkeit von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa und ihren Nachkommen, ihren Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu finden. Dort ist man ihnen ja mit weitaus stärkeren Vorbehalten begegnet als anderen europäischen Einwanderern. Ein Thema, das mit eigenen, ernsten Forderungen verbunden ist, die sich dem metafiktionalen Gedankenspiel entziehen, das 4 3 2 1 zu Grunde liegt. Dafür erweist sich allerdings Paul Austers Augenmerk für historisch signifikante Elemente der Zeitgeschichte als so scharf wie sonst nur in den Romanen von Philip Roth, Richard Ford oder Jonathan Franzen: der Kalte Krieg und die Hinrichtung des Ehepaars Rosenberg als sowjetische Spione; die Morde an Präsident Kennedy und Dr. Martin Luther King, Kriegsverbrechen in Vietnam und die Studentenunruhen. So erweist sich der Erzählfluss, der von einem unstillbaren Interesse an dem Leben der Menschen, an Schicksalen und Zeitumständen lebt, als die eigentliche Stärke des Buchs. Paul Auster gelingt es, einen von der Ernsthaftigkeit seines Projekts zu überzeugen – das eigentliche Leben und Erleben, das er hier kritisch reflektiert, bedeutet am Ende mehr als alle mit dem Rührbesen geschlagenen, literaturtheoretisch informierten Phantasien. Das ist dann ziemlich nah dran an dem, was wir von einer anderen bedeutenden Akteurin der zeitgenössischen amerikanischen Literatur kennen – von der großen Siri Hustvedt, mit der Paul Auster verheiratet ist. Ihr hat er dieses Buch gewidmet.

Paul Austers neuer Roman "4 3 2 1"

WDR 3 Buchrezension | 16.03.2017 | 06:20 Min.

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Stand: 15.03.2017, 17:40