Atiq Rahimi - Heimatballade

Atiq Rahimi - Heimatballade

Atiq Rahimi - Heimatballade

Von Dina Netz

"Ich war immer anderswo“, schreibt der aus Afghanistan stammende und in Frankreich lebende Autor Atiq Rahimi. Im neuen Buch "Heimatballade" verarbeitet er seine Exil-Erfahrungen.

Atiq Rahimi
Heimatballade
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze
Ullstein Verlag, 2017
192 Seiten
18,00 Euro

Die Sprache der Wahl

Der aus Afghanistan stammende Autor Atiq Rahimi hat seine ersten Bücher auf Persisch geschrieben. Erst die jüngsten zwei Romane hat er in der Sprache des Landes geschrieben, in dem er seit 1984 lebt: auf Französisch. Interessant also, dass Französisch nun auch die Sprache der Wahl war, um über seine Exil-Erfahrungen zu schreiben. Und interessant, dass er ausgerechnet die Wahl der Sprache im Buch nicht thematisiert, wo er doch sonst so viele Aspekte seiner Identität beleuchtet.

Atiq Rahimis frühere Romane spielten in Afghanistan, weil, wie er einmal sagte, sein Heimatland für ihn den Terror der Welt symbolisiere. "Heimatballade" ist nun das erste Buch, das sich nicht unmittelbar mit Afghanistan auseinandersetzt. Es ist nur insofern verortet, als dass Rahimi in seinem Pariser Atelier sitzt und auf einen Einfall wartet, wie er ein Buch über sein Exil beginnen soll. Rahimi lebt zu diesem Zeitpunkt seit 36 Jahren nicht mehr in seinem Heimatland.

Atiq Rahimi - Heimatballade

WDR 3 Buchrezension | 10.05.2017 | 05:18 Min.

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"Es ist Nacht. Und das Wort ist immer noch abwesend."

Mit solch biblischer Wucht beginnt Rahimi den Bericht über seinen Versuch, Worte zu finden. Rahimi ist systematisch vorgegangen, um sich dem Thema zu nähern, hat Fotos von Menschen, die auf der Flucht sind, an die Atelierwand gepinnt. Aber sein Kopf und das Blatt vor ihm bleiben leer. Doch dann setzt ein geradezu proustscher Moment den Erinnerungs- und Assoziationsprozess in Gang: Fast versehentlich zeichnet Rahimi eine geschwungene vertikale Linie auf sein Blatt, den ersten Buchstaben des arabischen und persischen Alphabets, das alif.

"Alif. Eine simple Bewegung der Hand. Eine einzige Linie. Der Buchstabe allen anfangs, den Jorge Luis Borges in einer „El Aleph“ betitelten Erzählung als den Ort definiert, an dem, ohne sich zu vermischen, alle Orte der Welt sind, aus allen Winkeln gesehen. Dieser Strich ist ein Bindeglied zwischen mir und meinen Ursprüngen, zwischen mir und dem Universum, zwischen meinen Träumen und meinem Leben."

"Ich war immer anderswo"

Von diesem Zeichen aus erinnert Rahimi sich an seine Kindheit, an seine ersten Begegnungen mit Schrift, Kalligraphie, aber auch an die Verhaftung seines Vaters 1973, den Auftakt zu all den Verstörungen, deren Spuren Rahimi in seiner "Heimatballade" nachgeht. "Ich war immer anderswo", schreibt er. Frankreich wird nie seine Heimat werden können, und das Afghanistan seiner Kindheit existiert nicht mehr. Rahimi gibt zum Teil intime Einblicke in seine Gefühle, die manchmal den Charakter von Konfessionen annehmen, entblößt sich dabei aber nie.

Atiq Rahimi,

Atiq Rahimi,

"Mein Land ist in Krieg, Terror und Obskurantismus versunken, dort habe ich den Schlüssel zu meinen Träumen, meiner Freiheit, meiner Identität verloren. Darum habe ich dieses Land verlassen in der Hoffnung, meine Schlüssel da wiederzufinden, wo es Licht, Freiheit, Würde gibt... Und ich weiß doch, dass ich sie nie finden werde. Jede schöpferische Arbeit im Exil ist die unaufhörliche Suche nach den verlorenen Schlüsseln."

Kallimorphien

So sind es letztlich wohl, auch wenn Rahimi das selbst nicht ausspricht, die Sprache und sein Schreiben, die ihm zur neuen Heimat geworden sind. Eine Brücke zu seinen Empfindungen bilden ihm seine "Kallimorphien", wie er die Zeichnungen nennt, "Buchstaben von menschlicher Gestalt", die im Buch mit abgedruckt sind.

"In meinen Kallimorphien wage ich die abwesende Gestalt durch die Leere zu offenbaren, die sie in mir und um mich herum aufreißt, in der meine Gesten, mein Körper, mein Atem sich verlieren, ja sogar meine Seele, mein atman, den ich egoistischerweise für bleibend hielt.
Diese Abwesenden sind meine Mutter,
mein Land,
meine Sprache..."

Vakuum meines Daseins

Diese zarten, flüchtigen Gestalten verdeutlichen vielleicht noch besser als Rahimis Text die Haltlosigkeit, die er nicht in Worte fassen kann.

Vor der Intensität der Erlebnisse der Entwurzelung und des Verstummens, die Rahimi beschreibt, vor dem "Vakuum meines Daseins", muss eigentlich jede Literaturkritik ihrerseits verstummen oder kleinlich erscheinen. Dass er Zitate großer Denker aus allen Weltgegenden nur so anhäuft zum Beispiel, wo er all diese Stützen doch gar nicht brauchen würde - geschenkt. Dass sein Bericht zum Teil sehr pathetisch, zum Teil sehr intellektuell wirkt – zwischen diesen Polen schwankt nun einmal offenbar die Rahimische Denkweise.

Rahimi hat sein Buch im Original 2015 herausgebracht. Entsprechend hat er es verfasst, bevor das schreckliche Wort "Flüchtlingskrise" in aller Munde war. Man kann ihm also überhaupt nicht vorwerfen, auf ein gerade virulentes Thema eingestiegen zu sein. Dass sein Buch auf Deutsch nun wie die geschickt platzierte literarische Fußnote zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten wirkt, wird dem Verkauf nicht schaden. Dem Buch aber auch nicht, denn es ist über solche verengenden Sichtweisen und Lektüren erhaben.

Stand: 10.05.2017, 09:36