Arthur Schnitzler - Später Ruhm

Arthur Schnitzler - Später Ruhm

Arthur Schnitzler - Später Ruhm

Von Anja Hirsch

Arthur Schnitzler war einunddreißig, als er 1894 seine Erzählung "Später Ruhm" über einen alten Mann begann - lange vor seinen großen Erfolgen. Das Hörspiel mit Musik von Max Nagl erspürt feinste Seelen-Regungen.

Arthur Schnitzler
Später Ruhm
Novelle

Hörspiel-Bearbeitung: Helmut Peschina und Harald Krewer
Musik: Max Nagl. Regie: Harald Krewer
Sprecher: Michael Rotschopf, Joachim Bißmeier, Thomas Reisinger, Petra Morzé u.a.
Produktion: Norddeutscher Rundfunk 2015
Verlag speak low, Berlin 2017
ISBN 978-3-940018-19-9

m die Veröffentlichung von Arthur Schnitzlers früher Novelle "Später Ruhm" gab es 2014, als zum ersten Mal im Paul Zsolnay Verlag die Langfassung erschien, große Aufregung in den Feuilletons. Die Erzählung über einen älteren Herrn, der mit nur einem Gedichtband aus seiner Jugend bekannt wurde, danach verstummte und jetzt von jungen Wiener Kaffeehausliteraten hofiert wird, hatte den Krieg in einem vom britischen Ministerium versiegelten Wiener Zimmer nach Schnitzlers Tod im Jahre 1931 überlebt. Danach ruhte sie Jahrzehnte in der Cambridge University Library und wurde 1977 gekürzt gedruckt. Jetzt ist sie - auf Grundlage der poetischeren Langfassung - als Hörspiel zu erleben, und es wird schnell deutlich, dass Schnitzler, der die Erzählung 1894 mit 31 Jahren begann - also lange vor seinen großen Erfolgen "Leutnant Gustl" oder "Traumnovelle" - schon hier seinen Ruf als "Seelenkundler" begründet.

Es war ein schöner Wintertag

Gemächlich beginnt diese Geschichte über einen vergessenen Dichter im Wien der Jahrhundertwende 1900. Alles nimmt seinen angestammten Gang.

"Herr Eduard Saxberger kam vom Spaziergang nach Hause und schritt langsam die Stiege zu seiner Wohnung hinauf. Es war ein schöner Wintertag gewesen, und gleich nach Schluss der Amtsstunden hatte sich der alte Herr, wie er es gerne zu tun pflegte, auf den Weg gemacht und war in der frischen Luft herumgebummelt, recht weit über die Vororte hinaus."

Die innere Zufriedenheit des beginnenden Alters

Eduard Saxberger, Junggeselle und verbeamtet mit Aussicht auf baldige Pensions-Sicherheit, hat alles, was er braucht. Eine Haushälterin, Routine im Beruf, schöne Spazierwege und die innere Zufriedenheit des beginnenden Alters. Wohl war er mal der Dichter der "Wanderungen" gewesen, eines erfolgreichen Lyrikbandes. Aber diese Existenz als Autor ist nun schon so lange her, dass sich Saxberger bald selbst kaum mehr daran erinnern kann - bis ein junger Dichter als Abgesandter der gegenwärtigen Wiener Kaffeehaus-Szene ihn eben dieses Gedichtbandes wegen aufsucht.

"Redete dieser junge Mann wirklich von ihm? War es denn möglich, dass der junge, ihm ganz fremde Mensch ihn und dieses vergessene Buch kannte?"

Der Dichter des Unbewussten

Ein Mann mit länglichem Bart stützt sich sinnend auf seine linke Hand.

Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler, der Autor der Wiener Moderne, gilt als Dichter des Unbewussten. Sein Zeitgenosse Sigmund Freud verbeugte sich vor seinem psychologischen Gespür. Dass ist bereits in dieser frühen Erzählung spürbar. Schnitzler nannte sie "Geschichte vom greisen Dichter". Ihm war sie dann selbst zu lang, weshalb er sie zusammenstrich. Sie erschien trotzdem erst posthum 1977 und nochmals 2014 in der Langfassung unter dem Titel "Später Ruhm", die jetzt auch dem Hörspiel zugrunde liegt. Die Ausleuchtung der Figur durch den inneren Monolog war bahnbrechend für die Literatur der Moderne.

"Der alte Mann hörte aufmerksam zu und nickte mit dem Kopf. Es war so seltsam. "Künstler" (Klaviermusik setzt ein) - wie nur das Wort klang! Wie mit einem Mal verworrene Bilder in ihm auftauchten von fernen Tagen und vergessenen Menschen. Und er sah sich, wie man sich im Traum zu sehen pflegt, als jungen Menschen, sah sich jung, lachend, redend, als einen der Besten und Stolzesten in einem Kreis junger Leute, die sich seitab von der großen Heerstraße hielten und nichts sein wollten als Künstler. Das ist lang her. So lang ist das her."

Die Geschichte des Hörspiels

Harald Krewer

Harald Krewer

Regisseur Harald Krewer, der in Wien Theaterregie studierte und zusammen mit Vera Teichmann im Berliner Hörbuch-Label "speak low" immer wieder besondere Produktionen ans Licht bringt, gestaltet Schnitzlers Erzählung zurückhaltend und ohne Pomp. Um so stärker entwickelt die Geschichte über den alten Saxberger, der sich eine Weile lang mitreißen lässt von der Aufbruchsstimmung im jungen Dichterkreis, eine fast künstlich wirkende Schärfe, wie man sie manchmal in Träumen erlebt, aus denen man später böse erwacht.

"Saxberger wurde ein fleißiger Besucher des Kaffeehauses. Er fühlte sich geradezu jünger werden. Eine neue Epoche seines Lebens schien begonnen zu haben, und zuweilen dachte er mit einem gewissen Befremden an die leeren, letzten Jahre zurück, die ihm mit einem Mal ganz fern zu liegen schienen."

Neue Dichtung mit Absinth

Die Wiener Künstler, deren literarischer Verein sich "Begeisterung" tituliert, wollen den Schritt in die Öffentlichkeit mit einer Lesung wagen. Saxberger wird eingeladen, neue Dichtung beizutragen. Dabei hat er seit Jahren nichts mehr verfasst. Man sitzt mit im Gasthaus, wo abends Gasflammen aufdreht werden. Die Herren tragen schwarze Salonröcke, rauchen "Virginias" und sehnen erwartungsvoll den Vortragsabend herbei. Fürs Theatralische sorgt die einzige Dame im Männerzirkel: Petra Morzé als vergessene "Tragödin" Ludwig Gassteiner.

"Herr Ober! Herr Ober, bringen Sie mir einen Absinth. Für Absinth könnt' ich ein Verbrechen begehen. Morden könnt' ich für Absinth. (lachen)"

Musikalisches und eine Schicksalsgemeinschaft

Max Nagl

Max Nagl

Die Musik von Max Nagl, Jazzmusiker und Komponist, hat viele Färbungen. In typisch-kleiner Kaffeehausbesetzung mit Violine, Cello, Klavier wirkt sie intim... sie klingt humoristisch, wenn die Eitelkeiten der Künstler vorgeführt werden… und bisweilen experimentell... und kündet vom Beginn der Moderne. Manchmal scheint sie die traurige Wendung schon vorwegzunehmen.

"Stimme: Guten Abend…"

Und so ahnt auch der Hörer lange vorher, dass hier eine tragische Geschichte vom Scheitern erzählt wird. Das Grüppchen ist eine Schicksalsgemeinschaft missachteter Künstler.

"- Ja - Sie sind auch von den Leuten zugrunde gerichtet worden. (Streicher)
- Zugrunde gerichtet? Ach.
- Freilich. Ihnen ist's gegangen wie mir. Wissen Sie, zerknetscht haben's mich…"

Der dämmerige Himmel senkte sich tief

Mehr und mehr formt sich alles zu einem fast unwirklichen Zwiegespräch des Dichters mit seinem verjüngten "alter ego". Und fast wie bei Theodor Storm, nur viel subtiler, verdoppelt auch Schnitzler das innere Erleben seiner Figur gerne in Naturbildern.

Michael Rotschopf

Michael Rotschopf

"Die nahen Berge, die ihm gerade gegenüber aufragten, lagen schon in verschwommenen Umrissen dar, und der dämmerige Himmel senkte sich tief auf sie herab."

Michael Rotschopf als Erzähler bringt die nötige Mischung aus Schwere und Leichtigkeit mit. Joachim Bißmeier als Eduard Saxberger intoniert sparsam altersweise mit wenigen Spitzen. Die Gesellschaft um die Jahrhundertwende zeigt sich mit ihren Marotten. Und so schließt sich in dieser unaufgeregten Hörspielinszenierung am Ende ein Kreis, wenn Saxberger nach dem kurzen Adrenalinschub durch die jungen Dichter lieber wieder seine alte Stammkneipe aufsuchen geht.

Arthur Schnitzler "Später Ruhm"

WDR 3 Buchrezension | 06.04.2017 | 06:20 Min.

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Stand: 02.04.2017, 16:32