Aris Fioretos - Mary

Aris Fioretos, Mary

Aris Fioretos - Mary

Von Wassilios Nikitakis

Aris Fioretos hat sich mit ungewöhnlichen Familienromanen einen Namen gemacht. In seinem neuen Roman "Mary" beschreibt er die verheerenden Folgen politischer Verfolgung.

Aris Fioretos
Mary
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Hanser Verlag, 2016
352 Seiten
24,00 Euro

Eine namenlose Insel

Die Erzählung beginnt da, wo die junge Frau vielleicht enden wird. Auf einer namenlosen Insel. Dorthin hat man sie -zusammen mit anderen Frauen- nach ihrer Verhaftung- gebracht. Sie schaut aus dem Fenster, sieht Gräber, dahinter die endlose See.

"Mal ist sie grau, mal stählern glänzend, meist blau oder grün und ruppig. Schließe ich das Fenster, wird die Brise ausgesperrt, aber der Haken schabt bei Wind (…) Ansonsten hört man nur die Wellen. Sie donnern so regelmäßig, dass ihr Geräusch in meinen Körper eingezogen ist. Jetzt atmet die Brandung in mir wie eine riesige Lunge."

Buchrezension: "Mary" von Aris Fioretos

WDR 3 Mosaik | 09.01.2017 | 03:54 Min.

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Liebe, Haft und Angst

'Maria‘ heißt die junge Frau, genannt wird sie Mary. Warum man sie auf die Gefängnisinsel verbrachte? Mary liebte den falschen Mann. Er war Aktivist in einer Studentenrevolte, die das Militärregime brutal beendete. Ihm gelang die Flucht. Mary aber wurde verhaftet. Dass sie kurz zuvor von ihrer Schwangerschaft erfuhr, macht ihre Situation nicht leichter. Sie muss in der Haft nicht nur Angst um sich haben - sondern auch um das werdende Kind. Von dem sie nichts erzählen darf, weil das für die Peiniger ein zusätzliches Druckmittel wäre.

"Als er keine Antwort bekommt, steht er auf. Es ist nicht ganz einfach zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man ein Telefonbuch auf den Kopf kriegt. Die schwere, stumme Explosion pflanzt sich durch den Körper fort. (...) Der Schmerz wird zusammengeballt, wie Sand in einem Sack."

Unbeugsam

Judith Hermann, Katja Lange-Müller, Aris Fioretos, Peter Wawerzinek, Michael Lentz, Juri Andruchowytsch, Gregor Sander

Aris Fioretos

Mary muss hungern, sie wird gefoltert. Und doch weigert sie sich, den Namen ihres Freundes preiszugeben. Überhaupt irgendeinen Namen, und sei es ihr eigener. Sie ist unbeugsam wie eine Naturgewalt, auch, als man sie schließlich auf die Insel verbannt, Welten entfernt von der Heimatstadt - und ihren Peinigern dort hilflos ausgeliefert. Das werdende Kind ist ihre Achillesferse und ihr Kraftfeld zugleich.

"In nur wenigen Wochen hat sich mein Körper auf verbitterte Juwelen, Schmutz und Hunger reduziert. Trotzdem wachse ich, was mir ehrlich gesagt absurd erscheint, und beherberge eine Sonne, die inzwischen so groß ist wie eine Hagebutte, vielleicht auch zwei. Ich weiß nicht wie ich sie mit diesem Tumult von einem Körper schützen soll. Ich weiß nicht einmal, wie ich das Zittern in den Knien und den Gestank im Mund loswerden soll. Ich weiß nur, dass ich handeln muss wie ein Mensch, der einen anderen enthält, der gerade beginnt."

Eine überlebensgroße Romangestalt

Aris Fioretos beschreibt das Martyrium seiner Heldin, die Solidarität unter den Frauen mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen. Er verzichtet auf historische oder politische Erklärungen, obwohl deutlich wird, dass die griechische Militärdiktatur Anfang der 70er Jahre den Hintergrund seines Romans bildet. Mit "Mary" ist ihm eine überlebensgroße Romangestalt gelungen - kein makelloser Roman. Vielleicht liegt es auch daran, dass seine Mary kaum je von Zweifeln geplagt ist. Vielleicht hätte eine schwächere Heldin die Dramatik des Geschehens forcieren, den Antagonismus der Figuren verstärken können; aus Mary eine ambivalente, spannendere Figur gemacht. In ihrer zugleich verletzlichen wie unfassbaren Widerständigkeit ist sie eher Mysterium als realistische Gestalt. Ein Mysterium immerhin, das man so schnell nicht vergessen kann.

"Irre, eingesperrte Traurigkeit. (…) Es ist nicht die Welt, die sich verändert; sie wird immer hier und jetzt sein und sich anfassen lassen. (...) Ich bin es, die sich verändert. (...) Ich kann mich nicht mehr gegen das dreckige Gefühl wehren, dass etwas dabei ist zu enden. Was tut man gegen die zarte Gleichgültigkeit der Welt?"

Buchrezension: "Mary" von Aris Fioretos

WDR 3 Mosaik | 09.01.2017 | 03:54 Min.

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Stand: 09.01.2017, 11:10