Andreas Altmann - Gebrauchsanweisung für das Leben

Andreas Altmann, Gebrauchsanweisung für das Leben

Andreas Altmann - Gebrauchsanweisung für das Leben

Von Christian Kosfeld

Der vielfach preisgekrönte Reiseschriftsteller Andreas Altmann liest seine autobiographischen Geschichten und Reportagen, mitreißend, anrührend, nachdenklich.

Andreas Altmann
Gebrauchsanweisung für das Leben
Gelesen vom Autor

Komposition Musik von Alexandre Treille
GRIOT Hoerbuch Verlag
6 CDs
ISBN 978-3-959980-16-6

Wir Deutschen sind Reise-Weltmeister, auch in Zeiten, da man sich jeden Ort per Internet nach Hause holen und Soziale Netze die ganze Welt umspannen. Es gibt allerdings die Menschen, die alles selbst sehen und erleben wollen, und ihr Leben lang reisen. Andreas Altmann gehört dazu. Der Autor wuchs in Altötting auf, war in den 70ern Schauspieler am Staatsschauspiel München, in den 80ern begann er zu schreiben. Er ist einer der bekanntesten Reiseschriftsteller, wurde mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Seume-Literaturpreis ausgezeichnet. Altmann lebte in einem japanischen Kloster, einem indischen Ashram, durchquerte mehrmals Afrika und die USA. Seit 25 Jahren ist er in Paris beheimatet. Sein neues Buch hat er dort selbst als Hörbuch aufgenommen für den Griot Verlag ("Grio"). "Gebrauchsanweisung für das Leben" lautet der bescheidene Titel.

Doch keine Gebrauchsanweisung

Nein, stellt er zu Beginn klar: natürlich könne er keine Gebrauchsanweisung liefern für dieses Wunder, das man "Leben" nennt, das die einen wegwerfen oder zerstören, andere aber feiern, mit allen Sinnen, mit allen Abgründen und Höhepunkten erfahren wollen. Zu letzteren gehört auch Andreas Altmann, und in diesem Buch sind Betrachtungen über sein eigenes und das Leben überhaupt. Er hat viel von der Welt gesehen und erlebt. Als jugendlicher Rebell kam er aus kleingeistigen Altöttinger Verhältnissen nach Paris:

"Ich war besoffen von dieser Stadt. Zuviel hatte ich gesehen, zuviele mondäne Avenuen, zu viele Märchenbrücken, zu lange auf die Seine gestarrt und den nachtroten Himmel über ihr, zu vielen Frauen hinterher geschaut, zu viele elegant gekleidete Männer beneidet, zu lange die Sprache, die Sprache der Auserkorenen vernommen, zu lange auf dem obersten Stockwerk der Galerie Lafayette gestanden und auf die Zinkdächer mit ihren Schornsteinen geblickt, ja, ein Paar beobachtet, ein kicherndes, das in einem Fensterrahmen lehnte und schmuste und mir schwante, dass Liebemachen in Paris zu sieben Wundern eines Menschenleben gehört, zu oft weit nach Mitternacht den „murmur“ gelauscht, dem Murmeln und Flüstern, das Balzac einmal erwähnte, als er die Poesie und das Geheimnis der stillen Gassen und Plätze beschrieb... (Musik)"

Ein Teil seiner Geschichten

Altmann ist ein genauer Beobachter, doch nie distanziert, sondern immer Teil seiner Geschichten. Dennoch reflektiert er, dass er nicht das Maß aller Dinge ist, auch als Chronist und Protagonist. Er verbindet Reportage, Essay, Autobiographie, und streut immer wieder kurze "Momente des Lebens" ein, Episoden wie die aus einer U-Bahn in Boston. Dort beobachtete er einen Einbeinigen mit Krücken, der sich unter Schmerzen abmüht, um sich von seinem Sitz zu erheben:

Andreas Altmann

Andreas Altmann

"Der Mann ist zäh. Er will stehen, und nichts wird ihn daran hindern, und keiner hilft, was ich in diesem Augenblick nicht als Mangel an Mitgefühl erlebe, eher als wohlweisliche Zurückhaltung. Jeder weiß um die Empfindlichkeit von körperlich Behinderten, die sich und der Welt beweisen wollen, dass sie „normal“ sind, und dass nicht sofort die Feuerwehr gerufen werden muss, wenn ein Hindernis auftaucht. Irgendwann klappt es. Der Mann fasst nach der Stange, an der sich üblicherweise die stehende Fahrgäste festhalten und richtet sich mit einem letzten Schwung auf. Jetzt kommt es, das Sensationelle. Er sagt zu der Frau, die gewiss nicht älter ist als er, und die als einzige nicht sitzt, sagt ruhig und lässig: Please, have a seat! (Musik)"

Güte und Gier und Donald Trump

In solchen Geschichten denkt Andreas Altmann über unsere Gesellschaften nach, über Güte und Gier und Donald Trump, über die Liebe und die Literatur, über Gott und "German Angst". Seine Geschichten führen von Paris nach Palästina oder Australien, von Neu Delhi nach New York oder Altötting. Er erzählt vom indischen Bettler Amu, von Albert Camus und Karl Lagerfeld, von einem Regisseur in München, einem Zuhälter in Barcelona, und es treten historische Figuren wie der Schneider von Ulm oder Isabell Eberhardt auf:

"Isabell Eberhardt. Ein Vulkanmensch, der 1877 als Tochter einer baltisch-deutschen Lutheranerin und höchstwahrscheinlich eines russischen Ex-Priesters und Anarchisten zur Welt kam, in Genf, als Schweizerin. Nun, weder Ort noch Nationalität sind die besten Vorrausetzungen für ein entfesseltes Leben. Aber das uneheliche Kind wurde von dem wilden Russen unterrichtet, der Kirche, Staat und Schule hasste, ja, der offizieller Hauslehrer der Familie wurde, aber nie als offizieller Vater auftrat. Man sieht: die Verhältnisse änderten sich. Sie wurden interessant. Isabell, das schöne Mädchen, war vom schönen Mädchensein nicht begeistert. Sie trug Hemd und Hosen ihres älteren Bruders, ließ sich die Haare kurz schneiden, fing als Zwölfjährige an zu rauchen, parlierte inzwischen in drei Sprachen, las den Koran, die Bibel und die Thora. Sie sah nicht ein, warum Männer mehr Rechte haben sollten als Frauen."

Eine Produktion mit Herzblut

Andreas Altmann ist natürlich kein professioneller Sprecher, doch er liest mitreißend, packend, voller Begeisterung für das Leben, mit allen Schrecken und Schönheiten. „Gebrauchsanweisung für das Leben“ ist einmal mehr eine ausgezeichnete Produktion des kleinen Griot Verlags. Das Hörbuch wurde mit Altmann in einem Pariser Studio produziert, stimmungsvolle Musiken von Alexandre Treille bilden einen musikalischen Rahmen, die sechs CD Box ist sorgfältig gestaltet.

"Mark war lässig, ganz unaufgeregt. Wann immer wir auf dem Weg angebettelt wurden, an Tankstellen, Rastplätzen, Restaurants, gab er etwas her. Einmal kam ein Bettler an unsern Tisch und Mark bat ihn, Platz zu nehmen und mit zu essen. Einmal fragte er mich, ob ich einverstanden wäre, wenn wir jemanden mitnähmen, der am Straßenrand winkte. Aber das war es nicht, das Interessante. Es lag an seiner Coolness, die nie inszeniert war, nie bemüht, nichts beweisen wollte, ja nie zum Fremdschämen einlud, weil hier kein „Allzeit-Ergriffener“ mit erhabenem Gedöns sein schlechtes Gewissen abarbeitete. Mark, der Bibliothekar, verlautbarte keinen Mucks von wegen „armes Indien, arme Kinder, arme Dritte Welt“, keine Krokodilsträne kam zum Vorschein. The Art of giving."

Hörbuch: Andreas Altmann - "Gebrauchsanweisung für das Leben"

WDR 3 Mosaik | 11.08.2017 | 05:49 Min.

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Stand: 07.08.2017, 20:52