Doris Knecht - Alles über Beziehungen

Doris Knecht - Alles über Beziehungen

Doris Knecht - Alles über Beziehungen

Von Oliver Pfohlmann

Impulskontrollstörung – Doris Knecht lässt die Möchtegern-Bohéme mit Kurzzeitaffären und One-Night-Stands jonglieren.

Doris Knecht
Alles über Beziehungen
Rowohlt Verlag Berlin, 2017
288 Seiten
22,95 Euro

Alles über Beziehungen

Der Titel lässt eher an einen Ratgeber für Paare denken. Zumal er am Inhalt vorbeigeht; "Alles übers Fremdgehen" wäre treffender gewesen. Denn Liebesbetrüger und Seitenspringer sind fast alle Figuren in Doris Knechts neuem Roman. Vor allem natürlich die Hauptfigur, Viktor. Als Vollprofi in Sachen Affären weiß der Wiener Theaterintendant und Familienvater sein fröhliches Doppelleben zu schützen, mit festen Regeln nämlich. Finger weg von Frauen, die mit seiner Lebenspartnerin Magda befreundet sind, lautet die erste, und die zweite: Nichts wie weg, sobald eine seiner Geliebten Single wird.

"Denn alleinstehende Frauen und Frauen am Weg zur Alleinstehung waren gefährlich; sie neigten dazu, mehr zu wollen, als Viktor wollte, wollen konnte und wollen wollte. Frauen ohne fixen Partner standen auf Viktors Unfuckable-Liste ganz oben, als Gruppe, und sobald sich eine seiner Geliebten trennte, war Viktor auch weg, hatte keine Zeit mehr, kam ihm ständig etwas dazwischen, vertschüsste er sich."

Doris Knecht - Alles über Beziehungen

WDR 3 Buchrezension | 09.05.2017 | 05:25 Min.

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Hypersexuell bedeutet nicht schuldig

Das klingt ganz schön ausgebufft – sollte aber nicht allzu ernst genommen werden. Sexsüchtig, wie Viktor nun einmal ist, macht er bei sich bietender Gelegenheit natürlich doch das, was den größeren Kick verheißt. Darauf, sexsüchtig zu sein bzw. "hypersexuell", legt Knechts Protagonist übrigens großen Wert. Nicht gegenüber seiner Freundin Magda natürlich, aber vor sich selbst, wenn ihn doch einmal das schlechte Gewissen drückt. Wegen seiner "Impulskontrollstörung" ist er sogar – wir sind schließlich in Wien – heimlich in Therapie. Die wenig erfolgreiche Behandlung spielt nicht nur eine wichtige Rolle in seinem Gefühlshaushalt, sondern soll ihm am Tag X, falls er doch einmal auffliegt, auch den Hals retten.

Doris Knecht

Doris Knecht

"Bitte, seht her, Viktor bemühte sich, ein besserer Mensch zu werden, jeden ersten Donnerstag im Monat von vierzehn bis fünfzehn Uhr, er bezahlte dafür, er stellte sich seiner Krankheit, er trat ihr entgegen, mannhaft, er kämpfte gegen sie. Er war nur eben noch nicht stark genug, um vollends gegen sein Leiden anzukommen oder es gar zu besiegen. Stattdessen besiegte es noch immer ihn, zwei-, drei-, im Idealfall viermal die Woche."

Gespielinnen... keine Opfer!

Dass der Tag nahe ist, an dem Viktors Lügengebäude zusammenstürzt, daran lässt Doris Knechts Roman von Beginn an keinen Zweifel. Alles andere wäre auch unglaubwürdig angesichts von Viktors haarsträubendem Jonglieren mit neurotischen Dauer- und Exgeliebten, Kurzzeitaffären und One-Night-Stands. Was zu der Frage führt, warum sich eine Frau eigentlich auf einen wie Viktor einlässt. Denn der fast 50-jährige Schürzenjäger mit Glatze und Bluthochdruck ist alles andere als ein Schönling und als Mann die personifizierte "Durchschnittlichkeit".

Es gehört zu den Stärken von Doris Knechts Roman, dass Viktors Gespielinnen allesamt keine Opfer sind. Das weiß man, weil die Erzählerin zwischendurch auch in ihre Köpfe schlüpft. Und da zeigt sich: Jede hat ihre eigenen Gründe, sich mit diesem Wiener Casanova einzulassen. Die Anwältin Helen beispielsweise tröstet sich mit dem larmoyanten "Kulturzampano" über ihre Ehetragödie mit einem gewalttätigen Alkoholiker hinweg:

"Sie wollte es nicht genauer wissen, wo er noch hinging, mit wem er noch schlief, was für One-Night-Stands er hatte, (…) aber es machte ihr nicht viel aus, denn sie kriegte von Viktor ziemlich genau das, was sie wollte, plus, er war wichtig und anerkannt, und sie konnte ihn sich als eine Art unsichtbare Trophäe auf ein Regal in ihrer Kanzlei stellen."

Die Lässigkeit der "Bobos"

Als dann wirklich alles auffliegt, ist es Helen natürlich durchaus nicht egal, dass sie nur eine von vielen Geliebten Viktors gewesen ist. Zumal sie unter ihren Freunden plötzlich als Ehe-Zerstörerin und Schlampe gilt. So lässig und liberal, wie sie zu sein glauben, sind die "Bobos" eben doch nicht. Die Bobos: Das ist jene Wiener Gesellschaftsschicht aus hippen, schicken Kreativmenschen, die Doris Knecht nun schon zum vierten Mal in Romanlänge genüsslich seziert – und die es übrigens auch in deutschen Großstädten gibt. Die spöttische Botschaft dieses herrlich bösen Gesellschaftsromans lautet: Wenn es um Untreue geht, werden die Möchtegern-Bohemièns plötzlich – Zitat – "konservativ und reaktionär", mit anderen Worten: spießig. Und das in einer Zeit, in der sich die jüngere Generation längst beherzt in den Beziehungsnetzen der Polyamorie verstrickt.

2011 durchleuchtete die Kolumnistin Doris Knecht erstmals in Romanform die modernen Lebenslügen und Liebesreigen ihrer Generation; mit "Alles über Beziehungen" avanciert sie endgültig zur würdigen Nachfolgerin ihres Landsmanns Arthur Schnitzler. Ganz so geglückt wie ihr Erstling "Gruber geht" ist ihr neues Werk freilich nicht, weil hier zu viel gezeigt statt erzählt wird. Auch ächzt die Gegenwartsebene des Romans unter der Last der Rückblenden und Exkurse, etwa über Untreue im Facebook-Zeitalter. Ein großes Lesevergnügen bietet dieser Roman dennoch – schon allein aufgrund des süchtig machenden "Knecht-Sounds", gewürzt mit wundervollen Ausdrücken wie "Leiberl" oder "Trutscherl" und Wiener Schmäh.

Stand: 09.05.2017, 09:05