Felix Ackermann - Mein litauischer Führerschein

Felix Ackermann - Mein litauischer Führerschein – Ausflüge zum Ende der Europäischen Union

Felix Ackermann - Mein litauischer Führerschein

Von Moses Fendel

Ein ebenso erkenntnisreiches wie unterhaltsames Buch, lesenswert sowohl für beschlagene Osteuropa-Kenner als auch für alle, die das, was aktuell östlich von Oder und Weichsel passiert, endlich besser verstehen wollen.

Felix Ackermann
Mein litauischer Führerschein – Ausflüge zum Ende der Europäischen Union
Suhrkamp, 2017
295 Seiten
10,00 Euro

Auf der Suche nach einer Fahrschule

"Besonders brennend interessierte mich, warum der formelle Nachweis des Abschlusses der Fahrausbildung nur auf Deutsch Führerschein heißt. Dabei ist der Führer ja bekanntlich – dank der siegreichen Roten Armee – seit sieben Jahrzehnten tot. […] In allen anderen mir geläufigen Sprachen der Region heißt der Schein einfach nur Recht aufs Fahren. Merkwürdig: In Deutschland der Führer, im östlichen Europa das Recht? Ich beschloss, statt diesen albernen Gedankenspielen nachzugehen, die verbliebenen Jahre in Litauen zu nutzen, um das Recht auf das Fahren eines PKWs mit manueller Schaltung zu erwerben."

Wenn sich jemand während der Suche nach einer Fahrschule Gedanken über den Zusammenhang zwischen dem Autofahren und Adolf Hitler macht, kann eigentlich nur ein verkopfter Akademiker am Werk sein. Gleich vorweg: Felix Ackermanns Buch „Mein litauischer Führerschein“ ist tatsächlich ein bisschen verkopft, aber auf angenehme, sympathische Weise. Ackermann berichtet darin über sein Leben als Uni-Dozent und Familienvater in der litauischen Hauptstadt Vilnius, die auf Deutsch auch als Wilna bekannt ist. Die Geschichte, wie der Autor nach etlichen vergeblichen Anläufen und teilweise haarsträubenden Erlebnissen seinen Führerschein in einer litauischen Kleinstadt erlangt, ist ein Running Gag und Roter Faden des Buches. Es ist aber viel mehr als nur eine launige Aneinanderreihung von Anekdoten. Ackermann schreibt aus der Perspektive des Historikers und Anthropologen, dem zu jeder Zeit bewusst ist, dass der Firnis der Zivilisation im unabhängigen, demokratischen Litauen dünn ist. In Litauen stößt man alle paar Kilometer auf die Stätten von Massenerschießungen aus der Zeit des Holocaust oder des Stalinistischen Terrors. Kein Wunder, dass die Gesellschaft ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Vergangenheit hat.

Ein Schlüssel zur Gegenwart

"Hier die hellen Jahre der nationalen Selbstbestimmung, dort die dunklen Jahre unter den totalitären Besatzungsregimen – dieser Kontrast bestimmt das Selbstverständnis des neuen Litauen. Doch die lokalen Morde an den litauischen Juden stehen in offenem Widerspruch zum Versuch, eine Kontinuität zwischen der Republik der Zwischenkriegszeit und der Republik der Gegenwart herzustellen. Denn unter den Tätern von Mažeikiai, Alytus und Utena waren nicht nur Mörder, die spontan ihrer Freude am Quälen und Töten freien Lauf ließen. Unter ihnen waren litauische Polizisten, Verwaltungsbeamte und Armeeangehörige, die frohlockten, unter deutscher Herrschaft vermeintliche Staatsfeinde beseitigen zu können."

Felix Ackermann

Felix Ackermann

Die Kenntnis der litauischen Geschichte ist für Ackermann auch ein Schlüssel, um die Gegenwart besser zu verstehen. Er veranschaulicht das am Beispiel des Krieges im Osten der Ukraine.

"Anders als in Westeuropa, wo der Krieg in der Ukraine zwar als bedrohliches, aber doch entferntes Ereignis wahrgenommen wird, werden in Litauen und Belarus die militärischen Entwicklungen in Luhansk, Donezk und Mariupol minutiös verfolgt. Was im Osten der Ukraine passiert, ist für meine Kollegen, Nachbarn und Freunde kein fremder Krieg, sondern eine Bedrohung für die Souveränität des Staats und damit auch für die Autonomie des Einzelnen."

Ein reiches Wissen mit dem richtigen Kontext

"Mein litauischer Führerschein" ist humorvoll, nachdenklich, differenziert, kritisch und historisch informiert geschrieben. Felix Ackermann teilt sein reiches Wissen über Geschichte, Architektur, Kunstgeschichte und Stadtplanung mit den Lesern. Eine große Stärke des Buches ist, dass er Litauen dabei auch immer in den breiteren ostmitteleuropäischen Kontext einbettet. Die Selbstironie, mit der der Autor auf sein Leben und seine Tätigkeit als Universitätsdozent blickt, macht ihn überaus sympathisch. „Mein litauischer Führerschein“ ist auch ein sehr persönliches Buch, in dem der Autor die Auswirkungen politischer Entscheidungen am Beispiel seiner eigenen Lebensgeschichte und der seiner Familie veranschaulicht. So liest sich das Buch wie eine Mischung aus Reiseführer, historischem Sachbuch und Erlebnisbericht des Autors.

"Auf der Rückfahrt nach Wilna denke ich über die Ähnlichkeiten zwischen Autofahren und dem Eintauchen in eine Gesellschaft nach. Solange man sich noch Gedanken über jede Handlung am Steuer oder die Bedeutung einzelner Verkehrsschilder macht, ist das Fahren eine Qual – auch weil zu viele Punkte gleichzeitig zu beachten sind. […] Es gibt noch eine andere Parallele. In einer Gesellschaft zu leben heißt auch, sich in den Fluss der anderen einzufügen. […] Trotz des Gefühls, in diesem Strom aufzugehen, fahre ich in Litauen noch immer mit größter Vorsicht."

Wissenschaftler und Schriftsteller

Manchmal verliert sich der Autor in seinen Schilderungen, was das Buch streckenweise etwas langatmig wirken lässt. Vor allem, wenn es um die vielen eher flüchtigen Begegnungen oder die Schilderung der zermürbenden und desolaten Verhältnisse an der Universität geht, die während seiner Arbeit dort offenbar mehrfach kurz vor dem Aus gestanden hat. Insgesamt wünscht man sich als Leser manchmal etwas mehr sprachliche Raffinesse und einen spielerischeren, feuilletonistischeren Zugang, aber dafür steckt in Ackermann vielleicht ein bisschen zu viel Wissenschaftler und zu wenig Schriftsteller. Positiv hervorzuheben ist, dass Ackermann nicht auf dem hohen Ross desjenigen sitzt, der den Litauern, Belarussen oder Polen jetzt endlich mal erklärt, wie sie ihr jeweiliges Land zu organisieren haben. Das heißt nicht, dass Ackermann die gesellschaftlichen Verhältnisse in seiner zeitweiligen Wahlheimat nicht immer wieder kritisch kommentiert. Schließlich liest sich „Mein litauischer Führerschein“ auch als ein leidenschaftliches Plädoyer für ein starkes, vereintes Europa. Der zweite Teil des Titels „Ausflüge zum Ende der Europäischen Union“ ist also tatsächlich nur räumlich zu verstehen. Ein ebenso erkenntnisreiches wie unterhaltsames Buch, lesenswert sowohl für beschlagene Osteuropa-Kenner als auch für alle, die das, was aktuell östlich von Oder und Weichsel passiert, endlich besser verstehen wollen.

Felix Ackermann - Mein litauischer Führerschein

WDR 3 Buchrezension | 08.05.2017 | 05:48 Min.

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Stand: 07.05.2017, 14:29