"Juden werden aus allen Gruppen beschimpft"

Ein Mitglied der juedischen Gemeinde sitzt ineiner Synagoge mit einer Kippa auf dem Kopf

"Juden werden aus allen Gruppen beschimpft"

  • Aktionswoche will jüdisches Leben in NRW anschaulich machen
  • Thema ist auch der anhaltende Antisemitismus
  • Vorstand Abraham Lehrer der Kölner Synagogen-Gemeinde schildert Anfeindungen

"Jüdisches Leben hier und heute" ist der Untertitel der Aktionswoche "Bücher bauen Brücken", die am Donnerstag (18.05.2017) in NRW startet. Rund 40 Buchhandlungen in über 20 Städten bieten Veranstaltungen an. Initiator ist der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in NRW.

WDR: Herr Lehrer, die antisemitischen Straftaten in NRW haben sich nach einem Rekord 2014 auf einem hohen Niveau eingependelt. Wie schwierig ist es, Jüdischsein offen zu leben?

Abraham Lehrer: Es ist schwieriger geworden. Auch wenn es keine konkreten Hinweise auf geplante Taten gegen jüdische Einrichtungen gibt, schätzen die Sicherheitsbehörden die sogenannte abstrakte Gefährdungslage weiterhin als sehr hoch ein.

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden und Vorstandsmitglied der Synagogen--Gemeinde Köln

Abraham Lehrer ist im Vorstand der Kölner Synagogen-Gemeinde und Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er wurde 1954 als Kind von Holocaust-Überlebenden in New York geboren.

Veranstaltungen der Synagogen-Gemeinde Köln finden zum Beispiel immer unter Polizeischutz statt. Zudem berichten unsere Gemeindemitglieder vermehrt über antisemitische Vorfälle in ihrem Alltag.

WDR: Welcher Art sind diese Vorfälle?

Lehrer: Es gibt in bestimmten Bereichen viele Anfeindungen und Pöbeleien. Besonders an Schulen kommt es immer wieder zu handgreiflichen und verbalen Übergriffen auf jüdische Schüler. Das Wort Jude ist auf Schulhöfen fast schon zum gängigen Schimpfwort geworden.

An einer Schule in NRW wurde ein jüdischer Schüler von zwei muslimischen Mitschülern in eine Mülltonne gesteckt. Der Schulleiter behauptet jedoch, an seiner Schule gebe es keinen Antisemitismus. Unseres Wissens ist allerdings bislang kein anderer Schüler im Müll gelandet.

WDR: Welche anderen Bereiche sind betroffen?

Lehrer: Schlechte Erfahrungen gibt es auch im religiösen Bereich. Die Synagogen-Gemeinde Köln hat zum Beispiel im Stadtteil Chorweiler ein Begegnungszentrum, wo auch Gottesdienste abgehalten werden. Zu diesem Zweck haben zwei ganz normal gekleidete junge Männer eine Thora-Rolle, also eine hebräische Bibel, aus der Hauptsynagoge dorthin gefahren.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Begegnungszentrum wurden sie von offenbar muslimischen Männern wüst beschimpft. Seither hüllen wir die Thora-Rolle nicht mehr nur in einen Gebetsmantel, sondern verpacken sie neutral.

WDR: Ist das Tragen einer Kippa, einer jüdischen Kopfbedeckung, ein Problem?

Lehrer: Wir geben keine Warnungen für bestimmte Gebiete heraus. Aber wenn wir von Schülern gefragt werden, sagen wir: "Du kennst dich in deiner Stadt am besten aus. Manchmal ist es vielleicht besser, die Kippa zu verbergen." Heutzutage gibt es dafür ja modische Accessoires wie Baseball-Kappen und Kapuzen-Pullover.

WDR: Wo und wie oft passieren in NRW antisemitische Vorfälle?

Lehrer: Wir kriegen die Meldungen aus den Regionen, wo es auch jüdische Gemeinden gibt. Die drei größten befinden sich in Dortmund, Düsseldorf und Köln. Es gibt kleine Unterschiede in der Quantität, aber in der Qualität sind sie gleich.

Wir führen allerdings keine Statistik, das hätten wir vielleicht besser getan. Aber es gibt mit Sicherheit eine Zunahme. Nicht immer muss man dabei Angst um seine körperliche Integrität haben, aber man fühlt sich immer unwohl und abgestempelt.

WDR: Aus welcher Ecke kommt der Antisemitismus?

Lehrer: Laut einer vom Bundestag eingesetzten Expertenkommission werden rund 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten von Rechtsextremisten begangen. Außerdem seien bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Denkmuster vorhanden.

Letzteres entspricht unserer Erfahrung. Jüdische Menschen werden aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten beschimpft. Seit der Zuwanderung von muslimischen Flüchtlingen seit zwei Jahren werden uns vereinzelt auch Fälle von Flüchtlingskindern gemeldet, die sich an solchen Aktivitäten beteiligen.

WDR: Verunsichert die Zuwanderung von Muslimen die jüdische Bevölkerung?

Lehrer: Um es klar zu sagen: Es gibt keinen Generalverdacht gegen Muslime. Aufgrund seiner besonderen Geschichte darf Deutschland seine Grenzen für Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte nicht schließen.

Da die Flüchtlinge aber teilweise aus Ländern kommen, in denen Israelfeindlichkeit und Antisemitismus propagiert werden, müssen wir ihnen bei der Integration unsere Werte nahebringen. Ansonsten handeln wir uns für die Zukunft ein dickes Problem ein.

WDR: Welche Rolle spielt der israelbezogene Antisemitismus?

Lehrer: Er ist eine moderne Form des Antisemitismus, die nicht zu unterschätzen ist. Angeblich geht es um Kritik an Israels Regierungspolitik, tatsächlich wird aber die Vernichtung des israelischen Staates und der Juden angestrebt. Vertreten wird dieser Antisemitismus von islamistischen und rechtsextremen Akteuren, aber auch von vermeintlich linken Boykott-Gruppen gegen israelische Waren.

WDR: Manche Rechtspopulisten geben sich allerdings betont israelfreundlich.

Lehrer: Das ist nicht ehrlich gemeint. Wenn bei Demonstrationen gegen Moscheen Israelfahnen zu sehen sind, wird Verbundenheit mit dem Staat Israel nur vorgetäuscht. Es wird so getan, als sei auch Israel grundsätzlich gegen Muslime – so wie die Rechtspopulisten.

WDR: Wie reagieren in NRW Juden auf den Hass, der ihnen entgegenschlägt?

Lehrer: Als es in den 1990er Jahren massive Ausschreitungen gegen Asylbewerber gab, war in der jüdischen Gemeinschaft die Überlegung, Deutschland zu verlassen, relativ verbreitet. Davon sind wir heute weit entfernt – auch wenn einzelne bei uns nachfragen: "Ist es schon so weit?"

WDR: Die Aktionswoche "Bücher bauen Brücken" soll Verständnis für jüdisches Leben wecken. Kann man in Buchhandlungen Menschen erreichen, die im Alltag Juden diskriminieren?

Lehrer: Nein, aber man kann Menschen erreichen, die dem einen oder anderen Vorurteil zu erliegen drohen. Und man kann so verhindern, dass sie den rechten Rattenfängern auf dem Leim gehen.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 18.05.2017, 06:00