Der Fotograf Boris Becker in Bonn

Der Fotograf Boris Becker in Bonn

Von Thomas Köster

Die entkernte Kölner Opernbühne, ein zersägtes Schiffswrack in Belgien und ein Satellitenschüsselmeer in Syrien: Auf seinen neuen Bildern inszeniert der Fotograf Boris Becker das Chaos. Ab heute sind seine neuen Arbeiten im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen.

Boris Becker

Zuerst wollte Boris Becker seine Schau im LVR-Landesmuseum Bonn "Total Desaster" nennen. Aber das war dem Kölner Fotografen, der in den 80er Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie in der Klasse Bernd Bechers studierte, "letztendlich dann zu destruktiv". Deshalb wurde die Ausstellung im letzten Moment in "Staged Confusion" ("Inszenierte Verwirrung") umbenannt. Hier steht Becker vor seinem – noch querliegenden – Bild der Kölner Oper von 2013.

Zuerst wollte Boris Becker seine Schau im LVR-Landesmuseum Bonn "Total Desaster" nennen. Aber das war dem Kölner Fotografen, der in den 80er Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie in der Klasse Bernd Bechers studierte, "letztendlich dann zu destruktiv". Deshalb wurde die Ausstellung im letzten Moment in "Staged Confusion" ("Inszenierte Verwirrung") umbenannt. Hier steht Becker vor seinem – noch querliegenden – Bild der Kölner Oper von 2013.

Inzwischen thront "Opernhaus Köln 2013" ordnungsgemäß auf einem Sockel: Es war zu schwer für eine Hängung. Das großformatige Motiv mit der ausgekernten Hinterbühne war ein wichtiger Grund für den neuen Ausstellungsnamen. "Mein Foto ist ja lange vor dem Skandal um die explodierenden Sanierungskosten entstanden", betont Becker. "Wären wir bei 'Total Desaster' geblieben, hätte das völlig falsche Assoziationen geweckt."

Tatsächlich wollen Beckers Fotos keine politischen Anklagen sein. Vielmehr versuchen sie, chaotische Szenarien in gewerblichen, privaten oder öffentlichen Innen- oder Außenräumen eher sachlich abzubilden. Wobei die Verwirrung vor allem dadurch entsteht, dass der an unzähligen Kunstfotos geschulte Betrachterblick zwanghaft versucht, sinnhafte Ordnungen zu erkennen. In "Posamenten 2013" müsste das doch möglich sein. Oder?

In anderen Fällen ist die heillose Unordnung im urbanen Raum einfach gewachsen – und deshalb schlichtweg da. Das gilt für die Häuserdächer im syrischen Aleppo, deren unzählige Satellitenschüsseln die Stadt mit dem Rest der Welt verbinden. Das Bild entstand 2010 – also zwei Jahre, bevor der zum UNESCO-Welterbe gehörende historische Basar im Zuge des Syrischen Bürgerkriegs ein Opfer der Flammen wurde.

Verbrannt ist 2012 auch das selbstgebastelte Domizil des Kölner Outsider-Künstlers Rolf Tepel alias Ketan auf einem Brachgelände in der Nähe von Universität und Justizzentrum. Ketan verlor dabei auch sein gesamtes Archiv. 2015 musste er den Platz nach einem zweiten Start endgültig räumen: weil hier das neue Kölner Stadtarchiv entstehen soll. Beckers Bild dokumentiert das Verschwundene jenseits dieser Ironie – und ohne die bittere Geschichte dahinter.

Die Bonner Ausstellung hat für Becker eine neue Qualität: "Bisher habe ich ja zumeist in thematisch sehr eng gefassten Serien gearbeitet. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, hier in einer Sackgasse zu sein." So ist "Staged Confusion" tatsächlich weiträumiger geworden als Beckers frühere Schauen mit getarnten Hochbunkern, Brückenkonstruktionen oder Architekturen – auch wenn diese Anklänge in Bonn natürlich nicht fehlen (im Bild: "Kurmuschel", 2014).

Manchmal entsteht in "Staged Confusion" Verwirrung auch dadurch, dass Dinge in neuem Kontext und einer anderen Perspektive als der "natürlichen" erscheinen. "Zeebrugge 2013" etwa zeigt das in Scheiben geschnittene und zur Seite gekippte Gerippe eines im Ärmelkanal verunglückten Frachters vor der völligen Demontage im Hafen. Inklusive der zerquetschten Autos, die sich zwischen den Decks im Schiffsbauch verfangen haben.

"Ich habe das Schiffswrack damals in einem Bericht in der Tagesschau gesehen und direkt ein Bild vor Augen gehabt, wie ich es inszenieren könnte", erklärt Becker. Dann sei er einfach hingefahren. "Seinerzeit habe ich die Aufnahme bewusst im Abendlicht bei tiefstehender Sonne aufgenommen, um einerseits einen blauen Hintergrund zu erzielen und andererseits das Innenleben des Wracks gut auszuleuchten." Die Motive waren also vor allem ästhetischer Natur.

In "Staged Confusion" geht es aber nicht nur um desaströses Chaos. Immer wieder geht es auch um Unordnung, die nur vordergründig eine ist. So wie auf diesem "Grünwald 2010" betitelten Foto einer Küche. "Für uns mag dieses Durcheinander an Gegenständen chaotisch wirken", sagt Becker. "Für den Besitzer, der sich darin auskennt, steht und hängt aber alles ganz korrekt an seinem Platz."

Besonders anschaulich wird dies bei "Grieger" (2012), einer Aufnahme aus Beckers gleichnamigen Düsseldorfer Fotolabor. Sie zeigt eine Wand im Raum der Postproduktion, die mit unzähligen bunten Haftstreifen übersät sind. Auf ihnen stehen die Namen von Fotografen wie Thomas Struth, Candida Höfer, Thomas Ruff oder Boris Becker (BB), deren Arbeiten dort gerade retuschiert wurden. Für die Mitarbeiter hat das Chaos hier Methode.

Die meisten der in Bonn gezeigten Arbeiten sind zwischen 2000 und 2015 enstanden, zumeist mit einer analogen Großbildkamera. Einige besonders schön chaotische Aufnahmen haben es aber leider nicht in die Schau geschafft. Dazu gehören die "Gestohlenen Gummistiefel" (2015), die von einem offenbar kranken Mann über Jahre aus Vorgärten mitgenommen wurden. Oder dieser "Strickpilli" (2006), der zwar in Bonn war, aber nicht ausgepackt wurde.

Und eines ist dann doch noch etwas ärgerlich: Je nach Wetter oder Standort nämlich sind die einzelnen Motive auf den 21 Großformaten durch Sonnenlichtstreifen oder Spiegelungen kaum als Ganzes wahrzunehmen. Da beleben sich die eigentlich gespenstisch menschenleeren Straßen im syrischen Aleppo schon mal wie durch Zauberhand durch andere Besucher. Oder, wie hier, durch Museumsmitarbeiter und den stellvertretenden Direktor.

"Boris Becker, Staged Confusion" sind noch bis zum 20. März 2016 im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen. Dann fällt die Schau wieder zurück in jenes Chaos, aus dem sie entstand. Zur Ausstellung ist ein schmaler Katalog erschienen, der neben zahlreichen Abbildungen auch einen klugen Essay des ehemaligen Art-Cologne-Direktors Gérard Goodrow enthält. Der Katalog ist im Museumsshop und im Buchhandel erhältlich.

Stand: 27.01.2016, 08:30 Uhr