Biennale Siegen: Heimat neu definieren

Magnus Reitschuster

Biennale Siegen: Heimat neu definieren

Der Begriff "Heimat" kann in Zeiten des Populismus etwas schal schmecken. Die Siegener Biennale setzt sich gerade deswegen mit ihm auseinander: "Heimat²" lautet das Motto des Theaterfestivals, das am Freitag (21.04.2017) eröffnet wurde. Ein Gespräch mit Intendant Magnus Reitschuster.

WDR 3: Herr Reitschuster, was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Magnus Reitschuster: Zunächst wie für alle die Landschaft der Kindheit. Dann natürlich ein Auftrag, neue Heimat zu schaffen, Heimat herzustellen, aber auch anderen Menschen zu ermöglichen, dass sie eine Heimat haben. Deswegen heißt unsere Biennale auch nicht Heimat, sondern "Heimat²". Wir öffnen unsere Biennale für das Interkulturelle, gehen zu Themen wie Flucht und Vertreibung und wollen diesen traditionell verengten, reaktionär verhunzten und missbrauchten Begriff damit neu öffnen und definieren.

WDR 3:  Steht hinter Ihrer Biennale die Hoffnung auf die Utopie, dass es eben eine Heimat für alle geben muss?

Reitschuster: Wir haben ein riesiges Herz als Bühnenbild für unser Zelt gemacht, auf dem steht: "Heimat für alle". Das ist natürlich die größtmögliche Utopie. Ernst Bloch hat am Ende von "Prinzip Hoffnung" gesagt: "Heimat gibt es noch nicht, Heimat soll endlich einmal sein und muss hergestellt werden". Aber wenn Heimat, dann nicht als abgeschottete Provinz, sondern als ein offener Raum für alle. Kein reiner Harmonieraum, sondern ein Raum, in dem kulturelle, weltanschauliche Differenzen ausgehalten werden und über den demokratischen Diskurs Harmonie und Einheit wiederherzustellen sind.

Ein Standbild aus dem Stück "The Situation" am Apollo Theater Siegen

"The Situation" von Yael Ronen & Ensemble

So erzählen es auch die Stücke, die wir eingeladen haben, insbesondere "The Situation" vom Maxim Gorki Theater in Berlin, das als das post-migrantischste Theater überhaupt gilt.

WDR 3:  Glauben Sie, dass die künstlerische Öffnung des Heimatbegriffes die gesellschaftlichen Debatten befruchten kann oder muss das Theater dezidiert ein Ort der politischen Diskussion werden?

Reitschuster: Ich glaube, mit diesem Thema, mit diesen Aufführungen, die wir haben, wird das Theater auch zum Ort der politischen Diskussion. Vor allem auch, weil wir hier Künstler zeigen, die aus dieser Stadt kommen, politische Künstler, Intellektuelle wie Navid Kermani. Wir spielen auch hier als Eigenproduktion seinen Siegen-Roman "Große Liebe".

Adolf Busch mit Geige

Der Siegener Violinist Adolf Busch

Wir haben ein Programm mit und für Adolf Busch, diesen berühmten Geiger, der sich den Nazis verweigert hat. Ich würde jetzt nicht sagen, das ist ein politisches Programm, das klingt sofort nach Zeigefinger und Langeweile. Es ist ein sehr vielfältiges Programm, das diesen Begriff "Heimat²" umkreist, neu durchdekliniert, neu definiert, ohne jemals mit dem Zeigefinder zu agieren.    

Die Fragen stellte WDR 3-Moderatorin Katja Schwiglewski.

Das gesamte Interview aus der Sendung WDR 3 Kultur am Mittag zum Nachhören:

"Heimat²" Die 4. Siegener Biennale

WDR 3 Kultur am Mittag | 21.04.2017 | 08:31 Min.

Stand: 22.04.2017, 00:22