Alice Schwarzer zum Tode der US-Feministin Kate Millett

Schriftstellerin Kate Millett

Alice Schwarzer zum Tode der US-Feministin Kate Millett

Feministin, Bildhauerin, Schriftstellerin und Farmerin: Am Mittwoch (06.09.2017) starb Kate Millett im Alter von 82 Jahren während einer Reise in ihre Lieblingsstadt Paris. In WDR 3 würdigt Alice Schwarzer ihre Freundin als eine der bedeutendsten Theoretikerinnen der Frauenbewegung. "Sie hat sehr viel gewagt, aber auch einen sehr hohen Preis bezahlt".

WDR 3: Was war Kate Millett für eine Person? Sie war ja nicht nur kämpferisch, sondern auch eine verletzliche Frau.

Alice Schwarzer: Ja, das war sie. Sie hatte aber auch Gründe, verletzt zu sein. Sie hat sich ins Auge des Taifuns gewagt. Ihre Themen waren Sexualität und Gewalt – da geht es dann wirklich um die Wurst. Das ist auch das zentrale Thema in ihrer Dissertation, die unter dem Titel "Sexus und Herrschaft" in Deutschland veröffentlicht wurde und mit der sie den Begriff Sexualpolitik geprägt hat. Das geht vom Missbrauch von Kindern über Vergewaltigung, Pornografie bis hin zur Prostitution. Die Analyse von Kate Millett und übrigens auch meine ist, dass es hier nicht um Sexualität, sondern um die Ausübung von Macht  geht. Das hat eine Menge Kritik und Widerstand mobilisiert – nicht nur aus der Männerwelt, sondern auch in feministischen Kreisen.

WDR 3: Was hat die Frauen so empört?

Porträt Alice Schwarzer, vom 18.01.2017

Alice Schwarzer kannte Kate Millett seit vielen Jahren

Schwarzer: Millett hat mit "The Basement" ein sehr mutiges Buch darüber geschrieben. Sie ist von dem realen Fall ausgegangen, wie eine 16-Jährige von ihrer Adoptivmutter zu Tode gefoltert wurde. Das war eine sexualisierte Folterung. Sie hat versucht sich sowohl in das Opfer als auch in die Täterin zu versetzen. Das ist wahnsinnig mutig. Und sie stellt die Frage: Warum ist diese Sylvia nicht gegangen? Sie hätte nämlich ein paar Mal gehen können.

WDR 3: Was man sich auch bei Frauen fragt, die von ihren Männer geschlagen werden.

Schwarzer: Oder sogar aus Frauenhäusern ein oder mehrmals zurückgehen. Da verzweifelt man ja. Millett zieht den richtigen Schluss, dass diese Frauen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gebrochen sind, dass sie sozusagen das Patriarchat verinnerlicht haben. Damit konfrontiert zu sein, ist für Frauen eine harte Sache, nicht nur die armen Bemitleidenswerten, sondern Opfer zu sein, die selber mitmachen. Das macht Angst. Und hinzu kommt bei Kate Millett, dass sie ab Anfang der 70er-Jahre ein Star war. Da gibt es Rivalitäten und Neid und es gab sehr verletzende Angriffe aus den Reihen der Frauenbewegung, die Kate Millett sogar mehrfach in die Psychiatrie getrieben haben.

WDR 3: In den letzten 20 Jahren ist es ruhig um Kate Millett geworden. Was hat sie noch gemacht?

Schwarzer: Sie war ihr Leben lang Künstlerin und Schriftstellerin. Ich habe eine schöne Kalligraphie an der Wand hängen, die aus ihrer japanischen Zeit beeinflusst ist. Vor ihrem Coming-out war sie jahrelang mit einem japanischen Künstler verheiratet gewesen. Und sie hat viel auf ihrer Farm gearbeitet. Sie war so ein richtiges "working girl", eine Amerikanerin in Stiefeln und kariertem Hemd. Sie hat eigentlich ein vielfältiges Leben gelebt. Aber die Dinge, mit denen sie sich beschäftigt hat und die vielen Angriffe sind ihr doch sehr nahe gegangen. Sie hat sehr viel gewagt, aber auch einen sehr hohen Preis bezahlt. Nach Simone de Beauvoir und Betty Frieda haben wir jetzt eine der wichtigsten und bedeutendsten Theoretikerinnen der Frauenbewegung verloren.

Die Journalistin Alice Schwarzer sprach mit WDR 3 Moderatorin Andrea Gerk . Das vollständige Interview aus der Sendung "Resonanzen" können Sie hier nachhören:

Nachruf auf Kate Millett - eine Würdigung

WDR 3 Resonanzen | 07.09.2017 | 07:43 Min.

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Stand: 08.09.2017, 10:38