Plötzlich einer der sichersten Orte von Köln

Polizisten auf Patrouille

Stimmung nach Kölner Silvesternacht

Plötzlich einer der sichersten Orte von Köln

Von Andreas Poulakos

Zwei Wochen nach den Silvester-Übergriffen ist am Kölner Hauptbahnhof zumindest äußerlich wieder Ruhe eingekehrt. Doch die Angst bei den Menschen sitzt tief. Ein nächtlicher Ortstermin auf der zurzeit wohl verrufensten Gegend der Republik.

Auf dem Bahnhofsvorplatz herrscht gähnende Leere. Das bierselige Treiben, das man freitagabends zu dieser Uhrzeit im Schatten des Doms gewohnt ist, findet heute offenbar woanders statt. Stattdessen ist alles taghell erleuchtet. Die Polizei hat mehrere wattstarke Flutlichter installiert, die den gesamten Bereich vom Bahnhof bis zum Aufgang zur Kathedrale in grelles Licht tauchen. Nichts erinnert mehr an die Jagdszenen, die sich hier am Silvesterabend abgespielt haben, als ein enthemmter Mob im Schutz der Dunkelheit seine männlichen Allmachtsfantasien auslebte. Am Freitag (15.01.2016) zwei Wochen später - nur die absolute Abwesenheit von Normalität.

Massives Polizeiaufgebot

Die Polizei hat ihre Mannschaftswagen an allen strategisch wichtigen Punkten rund um den Bahnhof positioniert. Kleine Gruppen von Beamten in voller Montur sind innerhalb und außerhalb des Gebäudes ständig auf Patrouille. Wer nicht so aussieht, als hätte er einen guten Grund, hier zu sein, wird angesprochen und muss seinen Ausweis vorzeigen. Ein junger Mann mit südländischen Zügen übersteht die Kontrolle nicht. Er muss den Bahnhof umgehend verlassen, trotz aller Proteste und Beteuerungen, er warte hier nur auf seine Verabredung. Zu leiden haben auch die Obdachlosen, die gewöhnlich in der kalte Jahreszeit in den Bahnhofshallen geduldet werden. Sie werden rigoros vor die Tür gesetzt.

"Zuhause bleiben haben wir auch keine Lust"

Kölner Hauptbahnhof im Flutlicht

Der Bahnhof ist nachts hell erleuchtet

Nur hin und wieder sieht man kleine Grüppchen von jungen Leuten, die auf dem Weg zu den Clubs und Kneipen der Stadt aus ihrem Zug steigen. Julia Simon aus Bergheim ist mit einigen Freundinnen auf dem Weg zu einer 80er-Jahre-Party. "Man macht sich im Augenblick schon seine Gedanken, bevor man zum Feiern nach Köln fährt", sagt die 26-Jährige, "aber Zuhause zu bleiben, dazu haben wir auch keine Lust". Außerdem habe sie persönlich noch keine wirklich schlimmen Erlebnisse im Kölner Nachtleben gemacht. "Bekannte von mir sind schon mal in U-Bahn-Stationen blöd angemacht worden und einigen hat man in der Disko das Handy geklaut. Ich selbst hab' immer Glück gehabt."

Trickdiebe meiden den Bahnhof

Große Sorgen muss sich die Nachtschwärmerin an diesem Abend nicht machen, zumindest nicht am Hauptbahnhof. Das massive Polizeiaufgebot hat die Banden von Trickdieben, die seit Jahren am Dom und an anderen Feiermeilen der Stadt auf Beutezug gehen, offenbar verschreckt. Nach Angaben der Bundespolizei ist die Zahl der Anzeigen in den vergangenen Wochen deutlich zurückgegangen. Die massive Polizeipräsenz hat über Nacht die Gegend rund um den Bahnhof in einen der sichersten Orte in Köln verwandelt. Doch es dürfte noch eine Weile dauern, bis die Nachwirkungen der Silvesternacht ganz verklungen sind. "Wir haben deutlich weniger zu tun", sagt die Angestellte einer Bäckereifiliale im Hauptbahnhof, "besonders abends und am Wochenende".

Flüchtlingshelfer sind besorgt

Flüchtlingshelfer Alexander Schön

Flüchtlingshelfer Alexander Schön

Langeweile kommt bei Alexander Schön dagegen nicht auf. Der Mitarbeiter der Initiative "Hauptbahnhof-Engel" ist mit einigen Mitstreitern vor Ort und bietet Flüchtlingen, die im Hauptbahnhof gestrandet sind, seine Hilfe an. "Zum Beispiel haben wir eben einen noch unregistrierten Afghanen zur Polizei begleitet. Wir besorgen gerade einen Schlafplatz für den Mann." Seit den Silvester-Übergriffen sei die Arbeit der Initiative noch wichtiger als bisher, meint Schön. "Köln ist ein gefährliches Pflaster für Flüchtlinge geworden. Die Stimmung ist aggressiv."

Noch was ...

Andreas Poulakos

... Die Polizei bemüht sich um ein strenges Image, was nach dem Silvesterabend auch verständlich ist. Trotzdem fand es der Autor übertrieben, dass er seinen Ausweis im Laufe des Abends drei Mal vorzeigen musste. Es waren seine ersten Personenkontrollen in 23 Jahren in Köln.

Stand: 16.01.2016, 10:32