Mini-Kapsel kommt per Katheter ins Herz

Eine 1-Euro-münze liegt neben einem kleinen silbernen Herzschrittmacher.

Der kleinste Herzschrittmacher der Welt

Mini-Kapsel kommt per Katheter ins Herz

Von Marion Theisen

Herzschrittmacher verlängern Leben. Das ist schon seit vielen Jahren der Fall. Nun ist aber ein neues Produkt auf dem Markt, das wesentlich kleiner ist und nur noch so viel wiegt und den Durchmesser einer 1-Euro-Münze hat. Der kleinste Schrittmacher der Welt ist nicht nur für Kardiologen eine Revolution, sondern auch für Patienten. Denn eine richtige Operation ist zum Einsetzen gar nicht mehr nötig.

Der kleinste Herzschrittmacher der Welt, die so genannte Kardiokapsel, erinnert an eine etwas größere, weiße Vitamin-Tablette. Über die Leiste des Patienten können die Ärzte sie in den Körper bringen. Mit Hilfe einer Katheter-Technik wird die Kapsel bis ans Herz geführt. Das dauert etwa eine Dreiviertelstunde, erzählt Dieter Bimmel, der leitende Herzchirurg im Bonner Marienhospital.

Trotzdem war er beim ersten Eingriff dieser Art, in dieser Woche, auf alles gefasst: "Routine ist es nicht. Immer wenn Sie ein neues Verfahren anwenden, haben Sie besondere Aspekte, die Sie berücksichtigen müssen. Die Zusammenstellung des Teams, wer macht was? Und: Bin ich eingestellt auf Überraschungen oder Veränderungen, mit denen ich noch nicht gerechnet habe, weil es ein neues Verfahrenist. Und diese Situation hatten wir im OP auch. Die glückliche Erfahrung war, dass wir schon nach 45 Minuten sagen konnten: War das alles?"

Patient hat vom Eingriff so gut wie nichts bemerkt

Ein Halbportrait von Prof. Dr. med. Heyder Omran

Prof. Dr. med. Heyder Omran

Sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten dauert fast länger als der Eingriff selbst, sagt auch Professor Heyder Omran. Zusammen mit seinem Kollegen hat er sich für das neue Verfahren qualifiziert. Nun ist das Bonner Marienhospital eins von drei Zentren in NRW, in denen die Micra Kardiokapsel zum Einsatz kommt. Gerhard Ott, der erste Patient, der sie hier bekam, durfte zwei Tage nach dem Eingriff schon wieder nach Hause gehen und und sagte schon auf gepacktem Köfferchen dem WDR: "Ich habe von dem Eingriff mitbekommen, dass ich reingeschoben wurde und dass an mir etwas gearbeitet wird, aber ich habe nichts gemerkt; ich war im Halbschlaf und habe keine Schmerzen, nichts gehabt, absolut nichts."

Nicht mehr erforderliche Sonde ist der große Vorteil

Herzschrittmacher

So sieht ein herkömmlicher Herzschrittmacher bisher aus

Von der Kapsel, die seinem Herzen nun hin und wieder einen kleinen Stupser gibt, merkt er nichts. Ein herkömmlicher Herzschrittmacher wäre nicht nur um ein Vielfaches größer und schwerer, sondern auch deutlicher spürbar, weil das Gerät direkt unter der Haut liegt. Und: Das neue System hat noch einen Vorteil, so Dieter Bimmel vom Bonner Marienhospital: "Der große Vorteil dieses Systems besteht in der fehlenden Komponente der Schrittmacher-Sonde. Konventionelle Herzschrittmacher-Systeme bedürfen immer zweier Anteile. Einmal dem Gerät selbst, das unter der Haut liegt und zweitens der Sonden, die das Herz mit dem Gerät verbinden. 80-90 Prozent der Komplikationen, die wir auch im Langzeitverlauf mit konventionellen Systemen haben, betreffen die Sonden."

Besonders geeignet für schon etwas ältere Patienten

Die Studie zum neuen Verfahren mit mehr als 700 Patienten ist gerade abgeschlossen. Nun können Patienten in Bonn, Köln und Düsseldorf darauf zurückgreifen. Allerdings empfehlen die Ärzte das Verfahren bisher nur für Menschen, die an Vorhofflimmern leiden und einen Ein-Kammer-Herzschrittmacher bräuchten, also auch schon etwas älter sind.

Studien zu ähnlichen Verbesserungen für Zwei- und Drei-Kammer-Systeme laufen gerade an. Für mich, so sagt Gerhard Ott, war diese Lösung jedenfalls wie zugeschnitten: "Luft bekomme ich jetzt, aber Treppen bin ich noch nicht groß gestiegen. Kann ich momentan noch nicht beurteilen. Es war ja auch erst vorgestern. – Das wird dann also spannend. – Es wird spannend, ja. Aber ich fühle mich gut und bin sehr optimistisch."

Und das kann er die nächsten 10 Jahre auch bleiben. So lange halten die Batterien der neuen Technik. Da zumindest hat sie mit den Geräten älteren Schlags doch etwas gemeinsam.

Stand: 21.01.2016, 14:35