Unterwegs mit der "Yacht Gottes"

Hafengesichter: Das Kirchenschiff

Unterwegs mit der "Yacht Gottes"

Der Evangelische Binnenschifferdienst und die Deutsche Seemannsmission schicken gemeinsam Seelsorger per Boot auf die Flüsse und Kanäle im Westen Deutschlands – das klingt nach Verwaltung. Die Binnenschiffer haben einen anderen Namen. Sie nennen es "die Yacht Gottes".

"Johann Hinrich Wichern" heisst das Schiff. Doch es ist viel mehr als ein Schiff: Es ist eine schwimmende Kirche. Taufen und Hochzeiten gibt es an Bord, sogar Gottesdienste. Und sie finden immer dort statt, wo die Gemeinde gerade ist - zum Beispiel im Hafen Duisburg oder in Emmerich. Oder irgendwo anders auf der Mosel oder der Ruhr. Denn das Gemeindegebiet umfasst etwa 700 Flusskilometer. Deshalb ist das Schiff auch von allen Kirchen die einzige, in der man nicht nur beten, sondern auch schlafen kann. Denn auf den oft wochenlangen Reisen bleibt der Pastor immer an Bord - auch nachts.

Der Pastor ist da, wo die Binnenschiffer sind

Pastor Frank Wessel

Pastor Frank Wessel

"Manchmal sehen wir einen Schiffer zwei- oder dreimal in der Woche. Und dann wieder zwei Jahre nicht. Binnenschiffer sind halt ständig unterwegs", erzählt Pastor Frank Wessel. Er kennt sie trotzdem beinahe alle, denn er ist schon seit 20 Jahren auf dem Kirchenschiff unterwegs. Der Pastor ist immer da, wo die Binnenschiffer sind. Und sie freuen sich, wenn Frank Wessel zu Besuch kommt.

"Wenn das Kirchenschiff kommt, sind wir nicht vergessen"

Gerade in der Vorweihnachtszeit tut sein Besuch besonders gut, sagen die Binnenschiffer. Seit einigen Jahren ist es schon Tradition, dass der Pastor kleine Geschenke verteilt. "Die Treffen dauern manchmal nur ein paar Minuten. Aber manchmal nutzen die Menschen auf den Frachtschiffen unsere Besuche eben auch für ein Gespräch". Genau das - nämlich Seelsorge ist die Hauptaufgabe des Kirchenschiffes und seiner Besatzung. "Wenn das Kirchenschiff kommt, dann merken wir, dass wir nicht vergessen sind", so die Binnenschiffer.

"Mancher schüttet sein Herz aus"

Kirchenschiff

Hin und wieder kommt es auch zu schwierigen Gesprächen. Da ist etwa der Binnenschiffer aus Belgien, der überhaupt nicht mehr mit der Schiffsbesatzung klarkam. Ab einer bestimmten Schiffsgröße ist eine Besatzung aber vorgeschrieben - ohne geht's nicht. Daraufhin entschied sich der Binnenschiffer, sein Schiff auf der Werft umzubauen und es kürzen zu lassen. Nun braucht er zwar keine Besatzung mehr, hat aber zunächst viele Schulden. Der Besuch des Pastors ist für ihn Gelegenheit, sein Herz auszuschütten.

Ein guter Tag

Oft sind es aber auch alltägliche Dinge. Familienangelegenheiten, Trennung – oder eben die Frage nach einem Termin zur Taufe. Viele Binnenschiffer mögen es, wenn die Kinder auf dem Wasser getauft werden. Oder die Hochzeit dort stattfindet. Bei solchen Gelegenheiten gibt es viele lachende Gesichter an Bord der Johann Hinrich Wichern. Aber: "Es war ein guter Tag, wenn wir auch nur ein einiziges lachendes Gesicht gesehen haben". Sagt Frank Wessel, Pastor auf der Yacht Gottes.

Stand: 04.01.2016, 10:16