Von Toten und Tänzern

Kinder vor dem Mosaik

Mit Kindern auf dem Friedhof

Von Toten und Tänzern

Von Annika Franck

Wie ist es für Kinder, wenn sie einen Ort der Trauer besuchen? Bei einem Spaziergang über den Kölner Melatenfriedhof kommen sie an einer "Kegelbahn", dem Grab einer Königin und an Luftballons vorbei: Dabei fällt es ihnen nicht schwer, über das Tabuthema Tod zu sprechen.

Köln, ein regnerischer Tag im November. In Regenjacken eingemummelt, hat sich eine Gruppe von Kölner Grundschülern auf dem Melatenfriedhof versammelt, um an der Führung "Melaten für Kinder" teilzunehmen, zu der ihre Eltern sie angemeldet haben. Susanne Viegener arbeitet für Colonia Prima, eine der Firmen, bei der man diese Rundgänge buchen kann. Viegener begrüßt die Sechs- und Siebenjährigen, die trotz des Schmuddelwetters bester Laune sind und gleich lospesen.

Wo selbst der Tod noch ganz schön teuer ist

Die Millionenallee

Die Millionenallee: Hier liegen vor allem reiche Leute begraben

Direkt am Anfang erlaufen sie sich die Millionenallee. Die heißt so, erklärt Susanne Viegener, "weil hier vor allem gut betuchte Menschen begraben sind. Denn die Gräber hier sind besonders teuer." Die Kinder staunen. "Boah, wer kann sich das denn leisten?", entfährt es Nele entgeistert. Die Gruppe ist am Grab der Bankiersfamilie Deichmann angekommen. Es ist eines der größten und prunkvollsten der 56.000 Gräber auf Kölns bekanntestem Friedhof. Und weil dieses Grab so groß und vor allem breit ist, werde es auch die Kegelbahn genannt.

Weiter geht's im Sprint, die Kinder fragen, plappern, wundern sich über die vielen Blumen, die Kerzen, die teilweise nicht mehr ganz intakten Engel und Figuren auf den Gräbern. So ist das Grab der Familie Königs nicht mehr so gut in Schuss. "Deswegen ist die Frau jetzt ohne Arme", ergänzt Viegener und deutet auf eine der Grabfiguren. Das Tor, fährt sie fort, führe zu einer Gruft, also einem Grabraum für viele Menschen. Vermutlich befinde sich hinter der Tür eine Wendeltreppe, über die man in verschiedene Grabkammern unter der Erde gelangt. "Können wir da rein?", wollen die Kinder wissen. Leider nicht, sagt Susanne Viegener. Auch wenn die Kinder den Friedhof als öffentlichen Park erleben, erfahren sie auch, dass Tod und Trauer in Deutschland sehr individuell und in der Regel sehr privat sind.

Auch eine Königin liegt hier begraben

Grab Laura Oelbermann

Eines der Gräber an der "Millionenallee" gehört Familie Oelbermann

Dass man den Tod auch feiern kann, beweist das Grab der einzigen Königin des Friedhofs: Sophia Czory, einst Roma-Königin. "Wenn ihre Verwandten kommen, bringen sie Instrumente mit und dann wird hier getanzt zu Ehren von Sophia Czory", weiß Viegener.

Und dann sind da noch die vielen, vielen Engel. "Sie sind ein Zeichen des Trostes", sagt Viegener. Und in der Regel trösten sie die Frauen, deren Männer verstorben sind. "Warum sterben denn die Männer oft früher als die Frauen?", wollen die Kinder wissen. Ebenso interessant ist das Schicksal der Familie Oelbermann, die fünf Kinder hatte, die aber alle vor der Mutter gestorben sind. "Warum sind die denn schon als Babys gestorben?", will Nele wissen. Kleine Kinder und sterben, das passt nicht zusammen.

Bei der Figur des Todes wird es ein bisschen unheimlich

Sensenmann auf Melaten

Cool - und gruselig: Der Sensenmann

Und dann wird es doch noch ein bisschen unheimlich: Bei der Figur des Sensenmannes. Die Darstellung des Todes als Skelett hat schon einen gewissen Gruselfaktor. Aber der siebenjährige Yann findet das cool – und hat sich zu der Statue seine eigenen Gedanken gemacht: "Ich dachte erst, dass das an die Leute erinnert, die so viel arbeiten mussten", vermutet er. "Und mit der Sanduhr, da dachte ich, die müssten schneller arbeiten." Susanne Viegener klärt dann auf, dass die Sanduhr Zeichen der Vergänglichkeit des Lebens ist.

Vor allem die Kindergräber hinterlassen bleibenden Eindruck

Immer stärker prasselt der Regen, und irgendwie passt das Wetter zur Besichtigung der Kindergräber. Auf einer Lichtung sind viele Grabstellen besonders liebevoll geschmückt, hier sieht man wenig prunkvolle Grabsteine, dafür bunt bemalte Kreuze, Lichter und Spielzeug. Das beeindruckt die Kinder. "Also, wie die geschmückt waren, mit Spielzeug und Schleich-Tieren und Autos, das fand ich am schönsten", wird Mara am Ende sagen. Auch Amalia erinnert sich besonders an die "toll geschmückten Kindergräber". Und Yann haben die Luftballons besonders gut gefallen.

Erinnerungen an "Tom und das Erdbeermarmeladebrot"

Häufig sind es vor allem die Umstände des Todes, von denen Susanne Viegener sehr anschaulich erzählt, die bei den Kindern besonders nachwirken. Das wird auch deutlich bei einem eher schlichten Grabstein in der Nähe der Alten Kapelle. Er erinnert an eine ganze Hochzeitsgesellschaft, die während des Zweiten Weltkrieges ums Leben kam. Viegener kennt die Umstände: "Brautpaar und alle Gäste starben bei einem Bombenanschlag, weil sie die Tür zum Bunker nicht zugemacht hatten." "Das finde ich echt doof", beklagt Mara, "da ist eine Hochzeitsgesellschaft und dann sterben die." Nele pflichtet ihr bei, und fügt hinzu: "Man kann ja auch für andere Menschen traurig sein. Zum Beispiel für den, der Tom und das Erdbeermarmeladebrot gemacht hat." Damit meint sie das noch frische Grab von Dirk Bach, an dem die Gruppe zum Ende der Tour vorbeikommt.

Inzwischen sind alle klitschnass, aber immer noch gut gelaunt. Auch Führerin Susanne Viegener, die nun im Dunkeln Bilanz zieht: "Die Kinder sind wirklich sehr interessiert. Das macht fast mehr Spaß als mit Erwachsenen."

Ganz hautnah hat noch keines der Kinder in der Gruppe den Tod eines ihnen nahe stehenden Menschen miterlebt. "Mein Uropa und meine Uroma sind gestorben, als ich noch nicht gelebt habe. Aber ich war trotzdem traurig, als ich davon erfahren habe", sagt Yann. "Ich war auch schon mal am Grab meiner Uromas - und das fand' ich auch ganz, ganz traurig", berichtet Nele.

Regenwurm-Bestattung auf dem Balkon

Am Ende des Rundgangs bleibt der Eindruck, dass die Kinder recht unbefangen mit dem Thema Tod umgehen. Auch wenn sie schon erlebt haben, dass man Leben nicht immer retten kann. Das hat nämlich Mara versucht, als sie einen Regenwurm gefunden und mit nach Hause genommen hat. Trotz liebevoller Pflege starb das Tier nach einigen Tagen. Daraufhin hat sie den Wurm begraben. Zwar nicht auf der Millionenallee von Melaten, aber immerhin im Balkonkasten.

Stand: 18.11.2012, 09:30