Vom Kleinkriminellen zum Terroristen

Das gesicherte Gebäude des Oberlandesgerichtes, aufgenommen in Düsseldorf durch einen Zaun

Prozessauftakt gegen IS-Rückkehrer

Vom Kleinkriminellen zum Terroristen

  • Angeklagter legt Geständnis zum Prozessauftakt am Mittwoch (20.01.2015) ab
  • Karriere als Kleinkrimineller
  • Für den "Islamischen Staat" in Syrien

Die Vorwürfe gegen Syrien-Rückkehrer Nils D. wiegen schwer: Die Bundesanwaltschaft wirft dem 25-Jährigen aus Dinslaken vor, einer Spezialeinheit - dem "Sturmtrupp" der Terrormiliz - angehört zu haben. Als Mitglied dieses Sturmtrupps habe er Spione und Deserteure gejagt, festgenommen und Gefängnissen des IS zugeführt. Er sei auch als Wachmann eines IS-Gefängnisses eingesetzt gewesen: "Der Angeklagte wusste, dass die Gefangenen der Folter bis zum Tod ausgesetzt waren. Er hatte Einblick in die Folterkammer", sagte die Vertreterin der Bundesanwaltschaft, Carola Bitter zum Prozessauftakt am Mittwoch (20.01.2015) in Düsseldorf. So habe er einen vermutlich zu Tode gefolterten Gefangenen beerdigt, "indem er die Leiche aus der Kühlkammer holte und auf einer Müllkippe in einem Erdloch vergrub".

Zeuge in mehreren Prozessen

Dem mutmaßlichen Terroristen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Doch es könnte ein großzügiger Strafrabatt für ihn herausspringen: Nils D. ist geständig, nennt Namen von islamistischen Weggefährten auf seinem Weg in den Dschihad und unterstützt damit Justiz und Ermittler in zahlreichen Verfahren als wertvoller Zeuge. In anderen Terrorprozessen hat er schon als Zeuge ausgesagt und dabei zugegeben, in der Spezialeinheit auch Zeuge von Folter und Hinrichtungen geworden zu sein. Mitgemacht habe er aber nicht.

"Ich war ein Kiffer"

Am ersten Prozesstag zeigte sich der junge Mann reuig und schilderte, wie er zum islamistischen Terror kam. "Ich war ein Kiffer. Ich hatte keine Lust. Partys, Drogen, Alk, Karten. Das war ein sinnloser Tagesablauf." Religion habe in seinem Leben eigentlich keine Rolle gespielt. Er erzählt, dass er seinen Cousin belächelte, der zum Islam konvertiert war. Doch mit 15 begann die Kleinkriminellen-Karriere: Die Hauptschule verließ er mit mittelmäßigen Noten, nahm Marihuana, Amphetamine, Kokain, Alkohol. Nils D. begann zu stehlen und zu dealen, wurde mehrfach zu Bewährungsstrafen verurteilt. Es folgten Einträge ins Strafregister wegen Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung, Diebstahl. Für den Einbruch in eine Bäckerei bekam er schließlich acht Monate Haft ohne Bewährung, saß davon sechs ab.

Mit 15 wurde der Angeklagte Vater

"Meine Mutter hat nie so richtig durchgegriffen. Es gab schon schwierige Phasen, aber keine Konsequenzen", sagt er. Mit 15 wurde er selbst Vater, seine Freundin war damals 16. Trotz der Vorstrafen klappte es aber dank Beziehungen, dass er trotzdem einen Ausbildungsplatz bekam. Die Arbeit habe ihm Spaß gemacht, aber die Berufsschule nicht. Also ging er nicht mehr hin und verlor den Ausbildungsplatz. Bei der Musterung zur Bundeswehr fiel er wegen seines Drogenkonsums durch.

"Sie waren ein abhängender Kiffer. Null Bock und null Ziel, wie mir scheint", sagt die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza. Nils D. widerspricht nicht. Über seinen - inzwischen vermutlich als Selbstmordattentäter gestorbenen - Cousin bekam Nils D. Kontakt zu einer islamistischen Gruppe, zu den "Leuten aus Lohberg".

2011 wurde Nils D. Moslem

"Ich bin im August 2011 Moslem geworden und habe dann sofort mit Drogen, Alkohol und allem aufgehört", sagt der Angeklagte. Dann sei er in eine radikale Gruppe reingerutscht. "Wir haben uns immer in Lohberg in diesem Institut für Bildung getroffen. Das war anfangs nicht dschihadistisch. Im Internet habe ich mir Vorträge von Pierre Vogel angesehen." Nils D. ließ seinen Bart wachsen, trug knöchellange Hosen. Islamisten-Krawalle im Mai 2012 in Nordrhein-Westfalen radikalisierten seine Gruppe noch stärker. "Da haben wir uns Videos von Millatu Ibrahim angeguckt. Das war etwas anderes, aggressiver."

Im Dezember 2012 musste Nils D. wegen einer seiner früheren Straftaten erneut ins Gefängnis. "Die anderen wollten in Mali kämpfen und haben zu mir gesagt. Komm mit, geh nicht ins Gefängnis." Nils D. kam nicht mit. Während er im Gefängnis war, setzten sich sechs seiner Glaubensbrüder aus Dinslaken nach Syrien ab, darunter sein Cousin. "Während ich Freigang hatte, hat er mich angerufen aus einem Trainingslager in Syrien." Im Juni 2013 kam Nils D. wieder frei, sammelte Spenden für Syrien, für den Verein "Helfen in Not". Schon im August beschloss er, der "Lohberger Brigade" nach Syrien zu folgen. Länger als ein Jahr war er dort. Vor einem Jahr kehrte er zurück, wurde von Spezialkräften aus seinem Kleinwagen geholt und festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft - und redet.

Das Oberlandesgericht hat für den Prozess zunächst neun Verhandlungstage angesetzt.

Stand: 20.01.2016, 17:06

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