3. Prozesstag: Holocaust-Überlebende als Zeugin (6)

Irene Weiss

3. Prozesstag: Holocaust-Überlebende als Zeugin (6)

Irene Weiss hat das KZ Auschwitz als 13-jähriges Mädchen überlebt. Ihre Familie nicht. Heute lebt sie in den USA. Für den "Auschwitz-Prozess" am Landgericht Detmold ist sie am Donnerstagmorgen (18.02.2016) als Zeugin geladen.

Irene Weiss wirkt angespannt und konzentriert. Wenn die 85-Jährige über Auschwitz spricht, dann leise und überlegt. Es gibt viel zu erzählen, und Irene Weiss macht das immer wieder. In Schulklassen zum Beispiel und sie führt Gruppen durch das Holocaust Museum in Washington, ihrer Heimat seit 1947. Jetzt will sie ihre Geschichte vor Gericht erzählen. In einem Raum mit einem Mann, der, wie sie sagt, ihre Familie zerstört hat: "Ich kann mich ganz genau daran erinnern, wie ein Nazi-Soldat aussah und wie er sich verhielt, als ich ein 13-jähriges Mädchen war. Und wenn er dort in seiner Uniform sitzen würde, dann hätte ich wieder Angst."

Irene Weiss lebte in der damaligen Tschechoslowakei. Im Rahmen der sogenannten Ungarn-Aktion deportierten die Nazis die ganze Familie nach Auschwitz. Ihre Eltern und drei Geschwister wurden dort vergast. Vor zwanzig Jahren entdeckte sie in einem Buch ein Foto von sich.
Es zeigt die 13-Jährige auf der Rampe am Bahngleis - bei der Selektion. Ihre Mutter wurde bereits von ihr getrennt und gerade hat man ihre 12-Jährige Schwester von ihrer Hand gerissen. Beiden blickt sie hinterher: "Ich bewegte mich nicht. Ich stehe einfach da, bin gebückt und ich gucke, wohin meine Schwester geht, ob sie meine Mutter einholen kann. Aber ich konnte das nicht sehen. Ich habe da ein paar Sekunden gestanden. Ich hätte das gar nicht gedurft." Ein paar Sekunden später geht sie weiter. Ihre Mutter und ihre Schwester hat sie nie wieder gesehen.

In dem Buch findet sich ein weiteres Foto. Es zeigt die Mutter und die beiden Brüder in einem Wäldchen - kurz vor der Vergasung: "Diese beiden kleinen Jungs hier, das sind meine Brüder. Und das kleine Gesicht da, das ist meine Mutter. Die anderen Leute sind Leute aus dem Zug. Man sieht viele Kinder und Mütter. Die Leute sitzen da und warten auf die Gaskammer."

Stand: 18.02.2016, 10:27