"Großsiedlungen wird es nicht geben"

Wohnungen werden Düsseldorf im Stadtteil Derendorf gebaut

Wohnungsbau als Chance

"Großsiedlungen wird es nicht geben"

Ein hohes Haus ist nicht gleich ein Hochhaus. Und eine Hochhausiedlung ist keine gute Möglichkeit, viele Menschen auf wenig Fläche unterzubringen, sagt Markus Lehrmann von der Architektenkammer NRW. Er fordert von den Kommunen eine aktive Stadtgestaltung.

Seit Landesbauminister Michael Groschek von "vertikaler Verdichtung" und "Dörfern in der Vertikalen" redete, ist seine Offensive für mehr Wohnungsbau in NRW untrennbar mit dem Szenario neuer Hochhaussiedlungen an den Stadträndern verbunden. Neue Förderrichtlinien, die künftig auch sozialen Wohnungsbau mit bis zu sieben Geschossen, unter bestimmten Voraussetzungen sogar ohne Höhenbegrenzung, förderfähig machen, sollen im Januar 2016 in Kraft treten. Neue Großsiedlungen werde es aber nicht geben, sagt Markus Lehrmann. Warum und vor welchen Herausforderungen Architekten und Stadtplaner stehen, erläutert der Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW im Interview.

WDR: Was passiert da gerade, in welche Richtung entwickelt sich die Stadtplanung?

Markus Lehrmann: Wir befinden uns gerade an einem ganz wichtigen Punkt in der städtebaulichen Entwicklung. Durch die internationale Zuwanderung sind viele Bevölkerungsprognosen außer Kraft gesetzt. Aus den Schrumpfungsplanungen, die es in NRW an vielen Stellen gab, - das nördliche Ruhrgebiet ist ein gutes Beispiel – müssen jetzt wieder Wachstumsplanungen gemacht werden. Und das innerhalb von kürzester Zeit. Der neue Wohnungsbau ist dabei das Thema Nummer eins geworden.

Markus Lehrmann

Architektenkammer NRW

Markus Lehrmann ist Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Der Stadtplaner aus Bielefeld leitet seit 2009 die mit 30.000 Mitgliedern größte deutsche Architektenkammer mit Sitz im Medienhafen Düsseldorf.

WDR: Sehen Sie Chancen und Risiken, welche Formen sind denkbar?

Lehrmann: Durch die große Nachfrage ist die größte Gefahr, dass wir monostrukturierte Wohnstandorte entwickeln, also Orte, an denen es keine Nutzungsmischung gibt. Darunter versteht man nicht nur die Mischung von Wohnen und Nicht-Wohnen, sondern auch eine soziale Mischung von frei finanzierten und geförderten Wohnungen. Diese Gesamtmischung brauchen wir. Denn wir haben gelernt, dass die Wohnstandorte, die in den 70er Jahren auch im Zeichen größerer Wohnungsnot entstanden sind, die Problemstandorte von heute geworden sind. Wenn wir heute die Chance haben, diese Fehler nicht zu wiederholen und aus den Fehlern zu lernen, sollten wir das wahrnehmen.

WDR: Wie sehen denn die Alternativen aus?

Lehrmann: Da ist die Fantasie von Stadtplanern und Architekten gefragt. Wir beherrschen eine Stadtentwicklung, die durchmischte Quartiere zur Folge hat. Das können wir. Das kann der Stadtplaner, das kann der Architekt, das können Stadtsoziologen. Und das kann auch die Politik beschließen. Nur müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen haben. Zum Beispiel brauchen wir entsprechendes Bauland, und dabei geht es nicht um große Flächen auf der grünen Wiese, sondern in erster Linie um Flächen in den Innenstädten, die schon von sich aus integriert sind und viel größere Chancen haben, zu durchmischten Stadtteilen zu werden. Die Flächen stehen oft nicht zur Verfügung, etwa weil Eigentümer andere Vorstellungen als Wohnungsbau haben, die Beseitigung von Altlasten teurer ist, als die Ausweisung als grüne Wiese oder Spekulationsinteressen dahinterstehen. Grundstückspreise steigen von alleine - es gibt kein besseres Sparbuch als ein brach gefallenes Grundstück. Aber wir brauchen die Innenentwicklung. Sie ist wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung gemischter Quartiere.

WDR: Wenn Flächen begrenzt sind, geht es dann doch in die Höhe?

Lehrmann: Da ist ein Fehler in der Grundthese. Hoch bauen heißt nicht automatisch dichter bauen. Und hoch bauen heißt nicht automatisch: mehr Wohnungen in weniger Gebäudehülle auf wenig Fläche. Eine dichte Bebauung entsteht naturgemäß nicht bei Punkthochhäusern. Eine der dichtesten städtebaulichen Strukturen ist die gründerzeitliche Struktur, die sogenannte Blockrandbebauung. Das ist eine schachbrettartige Stadtaufteilung, an deren Straßenrändern fünf- bis siebengeschossige Gebäude stehen, und in deren Innenräumen Platz für private Grünflächen und Rückzugsorte ist, die lärmgeschützt sind. Das ist das idealtypische Muster von Stadt, nicht nur, weil es eine klare Trennung von öffentlichen und privaten Räumen gibt, die für das Miteinander wichtig ist, sondern auch, weil die Grundstruktur sehr dicht ist.

WDR: Wie verstehen Sie in dem Zusammenhang die Aussagen von Minister Groschek?

Lehrmann: Der Minister hat mit seinen Förderrichtlinien darauf reagiert, dass bisher nur fünfgeschossige Gebäude gefördert werden können, sobald es aber sieben sind, sprechen die Richtlinien gegen eine Förderung. Da muss man nicht aufgeregt sein. Der Minister ist ja auch nicht derjenige, der die Gebäude baut, sondern sie werden gebaut von Investoren, Wohnungsbaugesellschaften und privaten Eigentümern. Und sie werden immer dann gebaut, wenn Planungsrecht da ist, also Stadtplaner tätig geworden sind und Politik darüber entschieden hat, was gebaut wird. Und wenn man im siebengeschossigen städtischen Umfeld meint, sieben Geschosse bauen zu können, dann ist das etwas völlig Normales. In der Kölner Innenstadt etwa ist das völlig unproblematisch. Was da an Ängsten mitschwingt, ist die Vorstellung, dass wir an den Rändern mittelgroßer Städte Hochhäuser haben werden, in denen geförderter Wohnungsbau stattfindet. Das wollen wir nicht, und das meint der Minister auch nicht.

WDR: Sie glauben nicht an eine Neuauflage der Großsiedlungen. Was macht Sie so sicher?

Wohngebiet Chorweiler

Wohngebiet in Köln-Chorweiler

Lehrmann: Entscheidend ist immer, wie das Thema der Anonymität in den Gebäuden geregelt ist. Im Idealfall sollten in einem Treppenhaus 20 bis 25 Parteien wohnen, nicht viel mehr. Werden es mehr, wird das Gebäude anonym, die Nachbarschaft kennt sich nicht mehr, Vandalismus findet statt. Das wissen die Wohnungsbaugesellschaften sehr wohl. Die sagen im Moment ja selber, dass sie gar nicht siebengeschossig oder höher bauen wollen, weil dann eben auch die Betriebskosten höher werden, wenn viel kaputt geht.

WDR: Und wenn dann doch ein Investor auf die Idee kommt?

Lehrmann: Die Kommunen sind aufgefordert, ihre Planungshoheit wahrzunehmen, um die Planungsschwierigkeiten und –fehler, die wir in den 70er Jahren erlebt haben, nicht zu wiederholen. Der Minister macht mit seiner Förderrichtlinie nur den Weg frei, um in Einzelfällen mal Gebäude zu fördern, die höher sind, als wir das gewohnt sind. Theoretisch wäre danach auch ein 25-geschossiges Hochhaus förderfähig – wenn es stadtplanerisch abgesichert ist, die Stadt das will, der Investor das will und die Politik das entscheidet. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir das nicht erleben werden.

WDR: Also viel Lärm um Nichts?

Lehrmann: Die Reaktionen kommen, weil viele befürchten, dass überall nun neue Großsiedlungen aus dem Boden gestampft werden, und die dann auch noch mit Steuergeld subventioniert werden. Wir sagen darum auch: Wenn Steuergeld investiert wird, dann bitte in ganz normalen Städtebau mit soliden Grundlagen und nicht in die Großsiedlung der 70er Jahre. Ich hoffe, dass Städte und Investoren jetzt nicht etwa panisch reagieren und sagen: Bauen wir lieber Türme an den Stadträndern, als dass wir Obdachlose haben. Es herrscht große Einigkeit, dass die Großsiedlung Vergangenheit bleiben muss und ungeeignet ist für die Zukunft.

Das Interview führte Ulrike Wolff

Stand: 04.01.2016, 06:00