Integration - einfach weiter so?

Kind schreibt Sätze

WESTPOL zu den Folgen von Köln

Integration - einfach weiter so?

  • Wie kann Integration von Flüchtlingen nach Silvester in Köln gelingen?
  • Ex-SPD-Abgeordnete Lale Akgün fordert eine Wertediskussion
  • Syrischer Flüchtling sieht Entwicklung an einem kritischen Punkt

Seit der Silvesternacht von Köln hat sich die öffentliche Debatte über Flüchtlinge verändert. Gesetze werden verschärft. Immer mehr Menschen bewaffnen sich. Trittbrettfahrer aus dem rechten politischen Spektrum versuchen seit Bekanntwerden der Übergriffe, gezielt Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Wie kann in diesem gesellschaftlichen Klima der Angst und der Verunsicherung Integration gelingen? WESTPOL hat darüber mit Menschen aus Nordrhein-Westfalen gesprochen. Es gibt besorgte, nachdenkliche, aber auch optimistische Stimmen.

Warnung vor Schwarz-Weiß-Denken

Lale Akgün macht seit Jahrzehnten Integrationspolitik. Die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete ruft dazu auf, nicht vor einem fundamentalistisch-islamischen Frauenbild zu kapitulieren. Zugleich müsse die Bundesrepublik endlich ein "Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft" entwickeln, sagt die türkischstämmige Kölnerin und Sozialdemokratin im WESTPOL-Interview. Akgün warnt von einem "Schwarz-Weiß"-Denken in Bezug auf Flüchtlinge. Auch Zuwanderer verurteilten die Übergriffe von Köln, betont sie. Eine Einwanderungsgesellschaft müsse ihr "kulturelles Selbstverständnis" klären. "Was sind Dinge, die uns so wichtig sind, dass sie nicht auszudiskutieren sind."

Syrer: "An einem kritischen Punkt"

Und was sagen Flüchtlinge? Wessam Al-Hallak ist Syrer. Seit acht Monaten lebt er in Deutschland. Was in Köln geschah, sei "kriminell", sagt Al-Hallak gleich zu Beginn des Gesprächs mit WESTPOL. Es sei "nicht akzeptabel", wenn Männer Frauen sexuell belästigen, "wer auch immer der Täter ist und woher er auch kommt". Zum gesellschaftlichen Klima in Deutschland nach den Ereignissen in Köln sagt der Syrer: "Ich denke, dass wir jetzt an einem kritischen Punkt sind." Al-Hallak zeigt Verständnis dafür, wenn viele Deutsche jetzt Angst vor Flüchtlingen haben. Aber er und andere Flüchtlinge wollten durch ihr Beispiel zeigen, dass "wir das Gesetz respektieren". Al-Hallak ermuntert die deutschen Politiker sogar dazu, kriminelle Flüchtlinge abzuschieben. Dies wäre für die große Mehrheit der friedlichen Flüchtlinge gut.

Pater: Stimmung kippt nicht

Pater Oliver – der gute Mann von Marxloh

Pater Oliver

Pater Oliver Potschien arbeitet mit muslimischen Jugendlichen in Duisburg-Marxloh. Im vergangenen Spätsommer diskutierten er und andere Marxloher mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, als die CDU-Politikerin den "Problemstadtteil" besuchte. Wie sieht er die Lage nach Köln? Es trauen sich "mehr Leute aus ihren dumpfen Löchern raus", sagt Pater Oliver über die Fremdenfeindlichkeit. Er glaube aber nicht, dass "die Stimmung kippt, das halte ich für Blödsinn". Es gebe "noch genug Menschen", die "in ihrem Herzen verstehen", dass Flüchtlinge Menschen sind, so der katholische Sozialarbeiter. Der Pater spricht aber auch Probleme bei der Integration offen an. Es müsse geklärt werden: "Wie gehen wir mit Frauen um? Was erwarten wir von Menschen, die hier hinkommen? Wie kommen wir zusammen?"

"Integration funktioniert nur mit den Menschen gemeinsam", sagt der Pater weiter. Es sei zum Beispiel "völlig selbstverständlich, dass libanesische Jugendliche beim katholischen Träger eine Ausbildung machen". Für die nächsten Tage und Wochen hat Pater Oliver angesichts der aufgeheizten politischen Debatte noch eine Empfehlung: "Wir holen jetzt mal alle tief Luft." Der "gesunde Menschenverstand" dürfte ebenfalls eingeschaltet werden. "Und wir kümmern uns um unsere Nachbarn und gucken, dass wir im Kleinen klarkommen und dann geht das auch im Großen."

WESTPOL: Weitere Themen der Sendung

Außerdem am Sonntag (17.01.2016, ab 19.30 Uhr) Thema bei WESTPOL: Übergriffe Köln: Was genau geschah in der Silvesternacht? Noch immer sind einige Fragen offen. Dass es offenbar zum überwiegenden Teil Marokkaner und Algerier waren, die Frauen sexuell belästigt haben und zugleich auf Beutezug gegangen sind, scheint mittlerweile klar. Aber wie genau es zu dem Zusammentreffen von mehreren hundert Männern gekommen ist, darauf hat die Polizei bislang keine zufriedenstellende Antwort. Umso erstaunlicher, mit welcher Deutlichkeit sie eine Verbindung in die polizeibekannte "Antänzer"-Szene der Domstadt ausschließt. Außerdem geht es in der Sendung um die politischen Folgen von Köln, nachdem nun ein Untersuchungsausschuss kommen wird.

Terrornetzwerk NRW: Von NRW in den Nahen Osten, von Dinslaken in den Dschihad. Mehr als ein Jahr verbrachte Nils D. im selbsternannten "Islamischen Staat". Er kehrte zurück und wurde vor einem Jahr verhaftet. In Dutzenden Vernehmungen packte der 25-Jährige aus: Die Protokolle liegen Reportern von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung vor. Sie zeigen, wie eng Islamisten aus NRW auch mit den Attentätern von Paris verbunden waren. Welche Rolle D. dabei spielte, soll sein Prozess klären, der in der kommenden Woche beginnt.

Stand: 15.01.2016, 16:33