Ein Wechselbad der Gefühle

Hospiz  - Kerze für Verstorbenen

Freiwilligendienst im Hospiz

Ein Wechselbad der Gefühle

Studentin und Autorin Florentine Degen, 23, hat vor zwei Jahren ein Freiwilliges Soziales Jahr im Hospiz absolviert. Wie sie Sterbende begleitet hat, warum sie im Pflegeteam aneckte und wie sie sich verändert hat - darüber spricht sie anläßlich des Welthospiztages am Samstag (20.10.2012).

WDR.de: Sie haben ein Jahr im Hospiz gearbeitet - für ein Taschengeld von rund 300 Euro monatlich. Sind Sie depressiv geworden?

Florentine Degen: Nein. Warum hätte ich depressiv werden sollen?

WDR.de: Weil Sie täglich mit Tod und Verlust zu tun hatten. Wie viele Menschen haben Sie beim Sterben erlebt?

Degen: Beim Sterben um die 100.

WDR.de: Und wie war das für Sie?

Degen: Manchmal erdrückend und manchmal erleichternd.

WDR.de: Wann war es erleichternd?

Degen: Wenn die Menschen schon sehr lange im Hospiz waren und sehr gelitten haben.

WDR.de: Welche Momente haben sich Ihnen am meisten eingeprägt?

Degen: Am meisten sind mir die Menschen in Erinnerung geblieben, die keine Angst vor dem Tod hatten. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an die jungen Menschen, die gestorben sind. Eine Frau war erst um die Zwanzig.

WDR.de: Warum hat sie das mehr berührt?

Degen: Einfach weil es näher an mir dran war. Wenn eine Zwanzigjährige zuckend vor einem liegt, dann kommt man ins Grübeln, ob es überhaupt noch selbstverständlich ist, zu studieren.

WDR.de: Sie haben in Ihrem Tagebuch geschrieben, dass es Ihnen wichtig war, den Sterbenden nahe zu sein. Obwohl das Pflegeteam Ihnen geraten hat, Distanz zu halten. Warum haben Sie sich über das Team hinweg gesetzt?

Degen: Weil der Sinn des Freiwilligen Sozialen Jahres für mich war, Sterbende kennen zu lernen. Und auch abzutasten, inwieweit ich selber belastbar bin. Ich hatte von Anfang an kein großes Interesse an pflegerischen Tätigkeiten.

WDR.de: Hatten Sie nicht Angst, sich zu übernehmen?

Florentine Degen

Degen: Ich habe die Ängste anderer nie verstanden. Die Frau Peters (Name geändert), mit der ich mich befreundet hatte, war charakterlich eine scharfe Frau, die war einfach nur super. Bei ihr wirkte es so, als hätte sie keine Angst vorm Sterben. Mit ihr konnte ich sogar darüber witzeln. Ich dachte mir, es wäre ein viel größerer Verlust, wenn ich mir das entgehen ließe. Denn eins war klar: Lang lebt die nicht mehr. Bei sympathischen Menschen konnte ich etwas miterleben, das bald verschwunden sein würde. Und Ängste hatte eher Frau Peters, nicht ich - sie hatte mich oft vor ihrem Tod gewarnt, hatte Angst um mein Seelenheil. Und ich hatte mich manchmal darüber lustig gemacht, weil ich diese Ängste übertrieben fand. Mein Gefühl hat mir Recht gegeben: Um die Frau Peters habe ich natürlich länger getrauert, aber ich habe es nie als schlimm erlebt. Brach ich in Tränen aus, war mir klar, dass es eine schöne Zeit mit ihr gewesen ist.

WDR.de: Und was hat Sie erdrückt?

Degen: Es wurde einmal hart, als verzweifelte Angehörige zurückblieben - da hatten wir vier Tote in einer Woche in der Einrichtung. Gruselig war es auch, wenn Bewohner meinten, sie kämen wieder lebend aus dem Hospiz raus. Ich habe einige Male erlebt, dass Sterbende und ihre Angehörige den Tod vollständig verdrängt haben. Es gab Angehörige, die dem Personal sogar verboten, zu sagen, dass ihre Lieben in einem Hospiz liegen.

WDR.de: Wie konnten Betroffene denn medizinische Befunde verleugnen?

Degen: In einigen Fällen war es die verzweifelte Hoffnung, durch die Kraft der Gedanken den Krebs zu tilgen. In anderen Fällen haben sich die Patienten im Hospiz nach einem anstrengenden Aufenthalt im Krankenhaus erholt. In einem Hospiz geht es nämlich entspannter zu. Wenn die Patienten also wieder Kräfte gesammelt hatten, kam die verzweifelte Hoffnung, dass es wieder ganz bergauf gehen könnte. Starb die Hoffnung wieder Scheibchen für Scheibchen ab, war das nicht schön.

WDR.de: Wie haben Sie die Erlebnisse im Hospiz verarbeitet?

Degen: Ich habe während des Jahres ein privates Tagebuch geführt, das mir sehr geholfen hat. Wenn ich am Tagesende etwas aufgeschrieben hatte, war das Thema für mich erst einmal erledigt. Das Tagebuchschreiben ist eine diskrete Art Eindrücke zu verarbeiten, ohne jemandem auf den Schlips zu treten.

WDR.de: Können Sie mit Gleichaltrigen oder mit Studenten über das Sterben im Hospiz reden?

Degen: Das habe ich versucht. Der Gesprächsverlauf ist immer der gleiche. Die meisten finden es makaber oder kommen mit einem statistischen Durchschnittsalter an: Wir haben noch Zeit, lass das Thema! Die schönste Antwort, die ich bekam, lautete: Wir werden eh 102 Jahre alt. Auf viele offene Ohren stößt man damit nicht.

WDR.de: Wie hat Sie das Jahr im Hospiz verändert?

Degen: Ich nehme alte Menschen auf der Straße genauer wahr. Früher sind sie mir kaum aufgefallen. Mir wird klar, mit welchen Kleinigkeiten sie im Alltag zu kämpfen haben. Außerdem ist Tod und Sterben zu einer meiner Hauptinteressen geworden. Wenn ich Literatur aus dem Mittelalter darüber lese, dann komme ich zu dem Schluss, dass es nicht per se ''normal'' ist, wie wir heute mit sterbenden Menschen umgehen. Die Gesellschaft erwartet, dass der einzelne Mensch alleine mit seiner Situation am Ende des Lebens zurecht kommt und seine Angelegenheiten selbst regelt. Sie gibt den Sterbenden insgesamt wenig Rückhalt. Und als Pfleger sollte man nicht weinen, darf kaum Gefühle zeigen und muss sich psychisch unter Kontrolle halten.

Das Interview führte Arnd Zickgraf

Stand: 20.10.2012, 00:00