NRW fördert ab 2016 neue Hochhäuser

Zwei Hochhäuser

Maßnahme gegen Wohnungsnot

NRW fördert ab 2016 neue Hochhäuser

Von Martin Teigeler

  • Mitte Januar 2016 sollen neue Regeln für Hochhäuser in Kraft treten
  • Bauminister Groschek spricht sich für "Dorf in der Vertikalen" aus
  • Städtebau-Experte warnt vor "Aktionismus" beim Bau neuer Wohnungen

NRW-Bauminister Michael Groschek (SPD) spricht von "vertikaler Verdichtung" oder "Dörfern in der Vertikalen". Um bezahlbare Wohnungen vor allem für sozial Schwache und Flüchtlinge zu schaffen, will das Land vermehrt den Bau von Hochhäusern fördern. "Voraussichtlich Mitte Januar" 2016 würden neue Förderbestimmungen in Kraft treten, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag (28.12.2015) auf WDR-Anfrage. In den Städten Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln und Münster sollen künftig Wohnhäuser mit bis zu sieben Geschossen gefördert werden. Bisher gibt es staatliche Unterstützung nur für Häuser mit vier oder maximal fünf Etagen. Unter bestimmten Voraussetzungen soll künftig per Erlass des Ministeriums "generell auf Höhenbegrenzungen verzichtet werden können".

Groschek gegen "restriktive" Regeln

Michael Groschek

NRW-Bauminister Michael Groschek

"In der Regel fördern wir bisher nur viergeschossige Gebäude, also Erdgeschoss plus drei Obergeschosse, in Köln sogar eins mehr. Aber selbst das ist mir zu restriktiv", sagt Groschek. "Zwischen drei und sieben Obergeschossen", so der Minister, sei "jede Menge Platz für pragmatisches Handeln". Solche Gebäude müsse man sich vorstellen wie ein "Dorf in der Vertikalen", sagt der SPD-Politiker. "Dabei ist die soziale Durchmischung wichtig. Das lebt genauso davon, dass sozialer Kitt durch ehrenamtliches Engagement da ist, dass soziale Betreuung jenseits professioneller Strukturen eingebracht wird." Groschek betont, er wolle keineswegs "Bausünden der Vergangenheit wiederholen und neue Problemgebäude schaffen, mit denen die Städte noch jahrzehntelang zu kämpfen haben".

Forscher: "Akt der Verzweiflung"

Volker Eichener

Wohnungsbau-Experte Volker Eichener

Kann Groscheks Plan funktionieren? Auch wenn der Minister nicht zurück möchte zu Trabantenstädten der 60er- und 70er-Jahre (in NRW zum Beispiel in Dortmund-Scharnhorst, Köln-Meschenich, Köln-Chorweiler oder Ratingen-West) gibt es Kritik. Von einem "aktionistischen Akt der Verzweiflung" spricht der Soziologie-Professor Volker Eichener von der Hochschule Düsseldorf (ehemals Fachhochschule Düsseldorf). Eichener gilt als Experte für Stadtentwicklung und Immobilienwirtschaft. Zahlreiche Studien zeigten, dass Hochhaus-Siedlungen sehr anfällig seien, zu sozialen Problemvierteln zu werden. Eine funktionierende Nachbarschaft dürfe nicht zu groß, nicht zu anonym werden, so Eichener. "Irgendwann kennen sich die Bewohner nicht mehr", warnt der Forscher. Dann steige etwa die Gefahr, dass es zu Vandalismus komme.

Deshalb wäre es nach Meinung des Forschers besser, auf einfache, ein- bis zweigeschossige, dezentrale Reihenhäuser mit flexiblen Wohneinheiten zu setzen, um Flüchtlinge unterzubringen. "Es gibt in den Großstädten noch genug Freiflächen, wo gebaut werden könnte - selbst in Kommunen wie Düsseldorf", so Eichener. Anbieter für kostengünstige Fertighäuser seien auch in NRW am Markt aktiv. Außerdem müssten die Städte in NRW ihre Planungsverfahren bei Bauprojekten beschleunigen, um schnell einer drohenden Wohnungsnot vorzubeugen, sagt der Wissenschaftler. Vor einer Wohnungsnot hätten Experten seit Jahren gewarnt, aber die Politik habe das Bauen durch immer schlechtere Förderbedingungen und immer höherere Standards in den letzten Jahren unattraktiver gemacht.

Noch keine Interessenten bekannt

Luftaufnahme einer Hochhaussiedlung in Ratingen

Luftaufnahme einer Hochhaussiedlung in Ratingen

Insgesamt will Groschek in den nächsten Jahren 120.000 zusätzliche Wohnungen schaffen. Gibt es überhaupt Interessenten für die öffenltich geförderte Hochhaus-Offensive? "Solche Planungen betreiben private Investoren. Ob die bereits Planungen nach voraussichtlich in Zukunft geltenden Bestimmungen 'auf Halde' produzieren, entzieht sich unserer Kenntnis", sagte ein Sprecher des Groschek-Ministeriums am Montag. Erst wenn die neuen Förderregeln ab Januar gelten, lässt sich wohl erkennen, ob Groscheks Initiative angenommen wird.

Stand: 28.12.2015, 17:31