"Ich gebe nicht auf. Jetzt erst recht!"

Gudrun Schoengen-Oude Hengel untersucht den Bauch einer Schwangeren

Freie Hebammen in NRW werden weniger

"Ich gebe nicht auf. Jetzt erst recht!"

Von Susanne Schnabel

Die Arbeitsbedingungen für freie Hebammen werden immer schwieriger, vor allem seit der Erhöhung der Haftpflichtversicherung im Juli auf jährlich rund 6.300 Euro. Doch es gibt Kämpferinnen. Wir haben eine von ihnen in Mönchengladbach besucht.

Lina Spickmann ist in wenigen Tagen ausgezählt. Die 29-Jährige aus Korschenbroich am Niederrhein möchte ihr zweites Kind zu Hause entbinden: "Ich möchte, dass mein Kind in einer schönen und guten Umgebung geboren wird. Mir ist eine selbstbestimmte Geburt sehr wichtig." Ihr Glück: Sie hat eine Hebamme in der Nähe gefunden, die sie dabei unterstützt und begleitet. Gudrun Schoengen-Oude Hengel ist die letzte Hebamme im Großraum Mönchengladbach, die noch Hausgeburten macht. "Ich bekomme Anfragen von Schwangeren, die über 100 Kilometer entfernt wohnen", erzählt die 47-Jährige, die in 25 Jahren rund 1.500 Babys auf die Welt geholfen hat.

Lange Anfahrtswege im ländlichen Raum

Gudrun Schoengen-Oude Hengel

Etwa 2.600 freie Hebammen gibt es in Deutschland

Frauen, die zu Hause entbinden oder die im kleinen Geburtshaus statt im Kreißsaal einer großen Klinik ihr Kind zur Welt bringen möchten, die mit einer Hebamme Vorsorge, Geburt und Nachsorge erleben möchten – sie haben es im Moment sehr schwer, eine freie Hebamme zu finden. Genaue statistische Erhebungen über die aktuelle Zahl der freien Hebammen gibt es nicht. Fakt ist, es werden immer weniger. Der Deutsche Hebammenverband schätzt ihre Zahl bundesweit auf derzeit etwa 2.600, 900 weniger als im vergangenen Jahr. Allein im Juni haben 150 Hebammen aufgegeben.

Der Mangel wird deutlich auf einer digitalen Karte, die Eltern für ganz NRW erstellt haben. Dort sind die offenen und geschlossenen Entbindungskliniken und Geburtshäuser aufgelistet. Demnach müssen sich Gebärende vor allem in ländlichen Gebieten auf lange Anfahrtswege einstellen.

Wie geht es 2016 mit der Versicherung weiter?

Herztöne eines Ungeborenen werden kontrolliert

Rundumversorgung durch Hebammen

"Ich kenne viele Kolleginnen, die aufgegeben haben. Auch viele kleinere Geburtshäuser mussten bereits aus wirtschaftlichen Gründen schließen", so Schoengen-Oude Hengel. Dass wirtschaftliche Interessen schwerer wiegen als das Wohl von Mutter und Kind sei eine Entwicklung, die die Hebamme sehr nachdenklich macht. "Anstatt das Normale, Gesunde in Schwangerschaft und Geburt zu fördern und erhalten, werden Ängste geschürt und Frauen viel zu häufig mit fragwürdigen medizinischen Maßnahmen verunsichert", sagt sie.

Zudem sorgt sie sich über die finanzielle Situation, in der sich die freien Hebammen befinden. Bei dem geringen Einkommen sei es kaum noch möglich, die hohen Berufshaftpflichtbeiträge zu stemmen. 2004 kostete die Versicherung noch rund 1.350 Euro, heute ist es knapp das Fünffache. Es gibt nur noch einen Versicherer und der Vertrag mit den Hebammen läuft Ende Juni 2016 aus. Ob die Summe noch höher wird oder es überhaupt noch eine Versicherung geben wird, ist unklar.

Hebammenverbände und Kassen vor dem Schiedsgericht

Gudrun Schoengen-Oude Hengel mit einem Baby

Traumberuf Hebamme?

Hebamme Gudrun Schoengen-Oude Hengel kommt finanziell über die Runden. Eine 50-Stunden-Woche ist zwar keine Seltenheit, aber sie beschwert sich nicht. "Ich gebe nicht auf. Jetzt erst recht. Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen." Auf solche Kämpferinnen baut der Deutsche Hebammenverband und hofft, dass viele von ihnen durchhalten. "Nach wie vor ist das ein toller Beruf und die Lage verbessert sich ja auch wieder", sagt Maren Borgerding vom Verband. So soll ein sogenannter Sicherstellungszuschlag Hebammen mit wenigen Geburten finanziell entlasten und die Krankenkassen verzichten aufgrund des Versorgungsstärkungsgesetzes zukünftig darauf, Regresse für die durch Hebammen verursachten Schäden zu erheben. Der Deutsche Hebammenverband bewertet das Gesetz allerdings als problematisch. Es werde das Haftpflichtproblem nicht nachhaltig lösen.

Details verhandeln in den kommenden Wochen die Hebammenverbände mit dem Spitzenverband der Krankenkassen vor einem Schiedsgericht. Eine schnelle Einigung ist fraglich – die Parteien streiten sich seit Jahren.

Stand: 10.08.2015, 06:00