Kleiner Waffenschein gegen große Angst

Kleiner Waffenschein zwischen einer Schreckschuss-Pistole "Walther P22", einem Magazin und einer Knallpatrone

NRW rüstet weiter auf

Kleiner Waffenschein gegen große Angst

Die sexuellen Übergriffe in Köln in der Silversternacht haben die Unsicherheit offenbar weiter verstärkt. Immer mehr Bürger wollen sich mit Schreckschusswaffen oder Pfefferspray gegen vermeintliche Bedrohungen schützen. Die Behörden sehen das mit Sorge.

Die Bürger in Nordrhein-Westfalen rüsten weiter auf. Die Polizeibehörden registrierten seit den Silvester-Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof landesweit mehr Anträge für Schreckschuss- oder Reizstoffwaffen als üblich. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presseagentur (dpa) ergeben, die am Samstag (16.01.2016) veröffentlicht wurde. Im Düsseldorfer Polizeipräsidium zum Beispiel gingen seit dem 4. Januar täglich acht bis zehn Anträge für den Kleinen Waffenschein ein, sagte Pressesprecher André Hartwich. Im ganzen Jahr 2015 seien es insgesamt nur rund 1.500 gewesen. Andere Polizeibehörden wie in Köln oder Bielefeld beobachten eine ähnliche Entwicklung - und das nicht erst seit den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln.

Kleiner Waffenschein

Der Kleine Waffenschein kostet etwa 50 Euro. Die Genehmigung erteilt die Polizei. Er berechtigt nicht dazu, Reizstoff-, Schreckschuss- oder Signalwaffen auf öffentlichen Veranstaltungen oder Versammlungen - wie zum Beispiel bei Jahrmärkten oder Demonstrationen - zu tragen. Die persönliche Eignung des Besitzers soll mindestens alle drei Jahre überprüft werden.

Erster Anstieg nach Pariser Anschlägen

Laut Wuppertaler Polizei verdoppelten sich 2015 die Anträge im Bergischen Städtedreieck im Vergleich zum Vorjahr. Die Dortmunder Polizei registrierte bereits seit Frühjahr 2015 ein steigendes Interesse am Kleinen Waffenschein. 2014 hätten 2.777 Bürger die Berechtigung beantragt, im vergangenen Jahr seien es 2.965 gewesen, teilte Sprecherin Nina Vogt mit. Die Entwicklung werde mit Besorgnis verfolgt. "Wir glauben nicht, dass die Sicherheitslage in NRW das Tragen einer Waffe in der Öffentlichkeit nötig macht", sagte Vogt weiter. Die Aachener Polizei verzeichnete 2015 insgesamt 192 Anträge. "Einen ersten Anstieg hat es nach den Anschlägen von Paris gegeben. Seit Silvester ist das Interesse noch einmal gewachsen", sagte Sprecherin Sandra Schmitz. Bereits 107 Anträge seien allein im Januar eingegangen.

Waffe kein Mittel gegen Gewalt

Sich bewaffnet in der Öffentlichkeit zu bewegen, ist allerdings kein Garant dafür, nicht angegriffen zu werden, gibt Dortmunds Polizeisprecherin Vogt zu bedenken. Gerade in einer Stresssituation sei die Reaktion des Gegenübers schwer einzuschätzen. "Und niemand weiß, ob die andere Person nicht eine scharfe Waffe dabei hat", sagte Vogt. Solche Situationen könnten schnell eskalieren. Die Polizei Dortmund warnt daher davor, in Aktionismus zu verfallen. Der Kleine Waffenschein sei kein Allheilmittel.

Pfefferspray nur gegen Tiere erlaubt

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Hans Scholzen, Waffenrechtsexperte und Präsident des Verbands Deutscher Sportschützen, sieht das wachsende Interesse am Kleinen Waffenschein ebenfalls kritisch. "Schießen darf man damit - außer im Falle der Notwehr - in der Öffentlichkeit ohnehin nicht", sagte er. Dies sei nur in Schießstätten, in der eigenen Wohnung oder in den eigenen Geschäftsräumen gestattet. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen wie Fußballspielen oder im Theater dürfe die Waffe nicht mitgeführt werden. Diese Regel gelte auch an Silvester. Generell lasse sich über den Einsatz von Schreckschuss- und Reizgaswaffen zur Selbstverteidigung streiten. "Das gleiche gilt für Pfefferspray. Gegen Menschen darf es nicht eingesetzt werden", sagte Scholzen. Das Reizmittel sei nur zur Abwehr von Tieren erlaubt.

Polizei klärt über Risiken auf

Der Sportschützen-Verbandspräsident sieht das öffentliche Tragen der Waffen problematisch: "Ich bin der gleichen Meinung wie die Polizei, die sagt, dass die Waffen aus der Distanz kaum von einer echten Schusswaffe zu unterscheiden sind." Dies könne zu brenzligen Situationen führen und Unruhe stiften. "Wir versuchen, die Antragsteller persönlich über die Risiken aufzuklären", sagte Düsseldorfs Polizeisprecher Hartwich. Gleiches gilt für die Polizei Dortmund und Aachen. Außerdem werde der Antragsteller auf etwaige Vorstrafen und seine persönliche Zuverlässigkeit überprüft. Am besten dürfte jedoch sein, kühlen Kopf zu bewahren und die Finger von Waffen zu lassen, die sich im Ernstfall womöglich gegen einen selbst richten.

Stand: 16.01.2016, 12:45