Die Herbizid-Zwickmühle

Etikett eines Pflanzengifts

Streit um Glyphosat

Die Herbizid-Zwickmühle

Von Marion Kretz-Mangold

Wundermittel oder tödliches Gift? Deutsche Landwirte verspritzen Glyphosat tonnenweise, weil es gründlich mit Unkräutern aufräumt. Jetzt heißt es, es könnte Krebs auslösen - und der Wirkstoff verboten werden. Aber können die Landwirte überhaupt ohne?

Noch streiten sich die Experten, wie gefährlich das Herbizid für den Menschen tatsächlich ist. Auf der einen Seite stehen Umweltschützer und die WHO, die es als "wahrscheinlich krebserregend" einstuft, auf der anderen die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln und das Bundesamt für Risikobewertung, das den Stoff für die fällige EU-Neuzulassung analysiert und für ungefährlich hält. Dazwischen stehen die Landwirte, die das Herbizid seit Jahren auf ihren Äckern mit Raps, Mais und Zuckerrüben versprühen. Die schätzen es, weil es alle Unkräuter auf einmal erledigt und der Acker vor der Aussaat nicht umgepflügt werden muss. Das, so sagen sie, spart Zeit, Arbeitskosten und beugt der Bodenerosion vor, die vor allem in den sandigen Küstengebieten des Nordens und an den Hängen im Süden ein Problem ist.

Im Brot, im Urin und in der Milch

Andererseits hat die Anwendung auch unübersehbare Nachteile: Mit den Unkräutern verschwinden viele Insekten, andere Unkräuter reagieren nicht mehr auf das Gift. In Nord- und Südamerika, wo glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel großflächig und viel öfter aufgebracht werden dürfen, wachsen inzwischen "Superunkräuter", denen selbst mit der Hacke nicht mehr beizukommen ist. Und von dort gibt es auch immer wieder Meldungen von Missbildungen und erhöhten Krebsraten bei Menschen. In Europa wurde der Stoff im Urin, in der Muttermilch und in Brötchen nachgewiesen.

Es gibt schon Einschränkungen

Auch wenn unklar ist, wie aussagekräftig die vielen Studien und Tierversuche sind: Einige Baumärkte haben diese Pflanzenschutzmittel aus dem Angebot genommen, Gemeinden in NRW dürfen sie nicht mehr auf den Straßen einsetzen. Und die "Sikkation" per Gift, die das Getreide kurz vor der Ernte chemisch trocknet und damit leichter erntbar macht, ist nur noch in Ausnahmefällen erlaubt. Eine Einschränkung, die die Landwirte begrüßen, auch weil nachgewiesene Rückstände sie in Rechtfertigungszwang brachten: "Die Sikkation brauchen wir eh nicht", sagt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. Aber gleich ganz auf das Totalherbizid verzichten?

Ohne Gift, mit Klee

Dass das möglich ist, wollen die Öko-Landwirte beweisen. In den Richtlinien von Bioland, einem Verein mit 6.000 erzeugenden und 1.000 verarbeitenden Betrieben, ist der Einsatz von Giften jeder Art verboten: Pestizide, Herbizide, Fungizide oder Insektizide haben in Beeten und auf Äckern nichts verloren. Unkräuter auf dem Getreidefeld müssen also entweder abgeflämmt oder mechanisch beseitigt werden, mit einem feinzinkigen Striegel, mit einer Hacke oder auch mit der Hand. Oder sie werden von vorneherein unterdrückt, indem mehr Abwechslung in die Fruchtfolge gebracht wird - mit Raps oder Senf als Zwischenfrucht nach der Ernte oder mit Kleegras als Hauptkultur. "Damit bekommt man auf Dauer weniger Unkräuter", sagt Bioland-Pressesprecher Gerald Wehde. "Außerdem bringt man so Stickstoff aus der Luft auf intelligente Art in den Boden."

Auch der Pflug, auf den konventionelle Landwirte dank Glyphosat-Einsatz verzichten können, spielt eine wichtige Rolle beim Unkraut-Management. "Dabei werden die Wildkräuter unterschnitten, verrotten dann im Boden und werden zu Humus" sagt BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning. "Wenn dann zum Beispiel Mais gesät wird, hat der einen Wahnsinns-Wachstumsvorsprung." Und deswegen sei der Pflug selbstverständlich eine Alternative - auch für konventionelle Landwirte.

Einsatz von Glyphosat spart Zeit und Geld

Ein solche Bodenbearbeitung setzt aber voraus, dass der Öko-Landwirt seine Felder genau beobachtet, nicht den richtigen Zeitpunkt für's Abflämmen der Unkräuter verpasst und auch bereit ist, Hunderte von Arbeitsstunden mit Jäten zu verbringen. Das kostet viel Zeit und viel Geld - und das schreckt die konventionellen Landwirte noch ab. "Wenn Glyphosat verboten wird, müssten wir häufiger über die Äcker und mehr Mittel einsetzen", sagt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbands. "Glyphosat ist der einzige Wirkstoff, der in der Breite wirkt" - und dazu eines, das so gut untersucht ist wie kein anderes. "Viele andere Unkrautvernichter sind noch schädlicher als Glyphosat", gibt sogar das Umweltinstitut München zu bedenken, das sich für ein Verbot aller Pestizide einsetzt.

Es gibt noch mehr "Was wäre, wenn"-Szenarien: Einer Studie der Universität Gießen zufolge würde weniger produziert, deswegen müsste mehr Futtermittel fürs Vieh und Brotgetreide für die Brötchen importiert werden - und das aus Ländern, in denen bedenkenlos gespritzt würde. Die Landwirte selbst finden den Umstieg auf mechanische Unkrautbekämpfung schwierig, auf den Einsatz von Pflug, Striegel und Hacke: Es gäbe keine Geräte, sie waren ja auch nicht nötig. Stimmt nicht, sagt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer. "Die Hersteller arbeiten längst an neuen Pflügen. Die haben sich schon darauf eingestellt, dass sich etwas verändert."

Eine Trendwende, aus der Not geboren?

Aufgrund der Trockenheit hängen große Staubwolken über Traktoren bei der Feldarbeit

Der Boden wird davongeweht

Tatsächlich: In Fachzeitschriften werden die ackerbaulichen Tugenden propagiert, mit mechanischen Methoden und so wenig Gift wie möglich. Ganz aufgeben möchte man das Glyphosat eigentlich nicht - sonst würden hartnäckige Unkräuter wie Quecke oder Distel ungehindert wuchern, Raps nach schweren Regenfällen sich nicht mehr ernten lassen. Ein anderer Punkt: Die pfluglose Bodenbearbeitung könnte erschwert werden, die Bodenerosion zunehmen. Andererseits gibt es die drohenden Resistenzen - und mögliche Gefahren für die Gesundheit. "Das müsste natürlich erst geklärt werden", sagt Landwirtschaftskammer-Sprecher Rüb. "Aber wenn es tatsächlich krebserregend ist, müssen wir uns natürlich davon verabschieden."

"Die Menschheit wird nicht verhungern"

Ob es soweit kommt, ist offen, das Verfahren zur Neuzulassung läuft immer noch. Und selbst wenn das Glyphosat nicht verboten würde: Deutschland könnte ein Verbot auch im Alleingang durchsetzen. Eine Aussicht, die bei den Landwirten wieder Ängste weckt, diesmal vor Wettbewerbsverzerrungen. Ansonsten wirken sie gelassen. "Die Menschheit wird nicht verhungern, wenn Glyphosat verboten wird", sagt Rüb. Ein Satz, der so oder ähnlich auch von anderen konventionellen Landwirten oder ihren Interessenvertretern zu hören ist. Rüb gibt dem Wirkstoff sowieso keine lange Laufzeit mehr: "Wenn die Politik es nicht macht, setzt es der Handel durch."

Und was würde Monsanto tun, Hersteller des Kassenschlagers Roundup und Hauptzielscheibe der Glyphosat-Gegner? "Wir gehen klar davon aus, dass die Entscheidung auf wissenschaftlicher Basis gefällt wird", sagt Thoralf Küchler, Monsanto-Repräsentant in Berlin. "Und das kann nur bedeuten, dass wir die Wiederzulassung bekommen."

Stand: 02.11.2015, 06:00