Frauenhäuser müssen Frauen abweisen

Geballte männliche Faust

Finanzielle Notsituation

Frauenhäuser müssen Frauen abweisen

Von Carmen Krafft

Viele Frauenhäuser im Ruhrgebiet bangen um ihre Existenz. Denn immer mehr Flüchtlinge, Studentinnen und junge Azubis suchen Unterschlupf nach Gewalttaten. Sie können für die Not-Bleibe nicht selbst aufkommen, ihre Unterbringung tragen zurzeit die Frauenhäuser selbst. Die Frauenhäuser fordern von der Politik mehr Unterstützung.

Für die 28-jährige Lisa (Name geändert) war es die einzige Möglichkeit, den Gewaltausbrüchen ihres Mannes zu entkommen. Die zierliche Frau mit den blonden langen Haaren zittert, wenn sie von den letzten Monaten erzählt, bevor sie ins Frauenhaus Bochum flüchtete: "Er hat meinen Kopf vor die Wand gestoßen, auch an den Kindern hat er sich vergriffen." Lisa kommt heute noch zur Beratung ins Frauenhaus, in dem sie drei Monate lang Zuflucht fand. "Ich wusste, hier bin ich sicher, hier findet er mich nicht."

Sozialhilfe finanziert den Platz

Frauenhaus Bochum

"Lisa" und die Leiterin des Bochumer Frauenhauses, Ulrike Langer

Die Leiterin der Einrichtung Ulrike Langer bedauert, dass schnelle Hilfe für Frauen immer schwieriger wird. "Leider müssen wir vor der Aufnahme erst klären, wie der Platz für die jeweiligen Frauen bezahlt werden kann." In den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres hat das Haus in Trägerschaft der Caritas zum Beispiel elf Frauen abweisen müssen. Zuweilen vermittle man die Frauen in andere Bundesländer, wo es andere Finanzierungsmöglichkeiten gibt oder prüft, ob die Betroffene doch bei einer Freundin oder einem Verwandten unterkommen kann. Für die Versorgung der bis zu 14 Frauen im Bochumer Frauenhaus steuert das Land nämlich wie bei allen Häusern ausschließlich einen festen Betrag für vier Personalstellen bei. Die Aufstockung der tatsächlichen Personalkosten, der Unterhalt des Hauses und das Geld für Essen und Kleidung der Bewohnerinnen werden wie bei Ex-Bewohnerin Lisa über Tagessätze bezahlt. Das sind in Bochum rund 30 Euro. Dazu müssen Anträge auf Sozialhilfe beim Jobcenter genehmigt werden. "Leider sind immer weniger Frauen sozialhilfeberechtigt", sagt Ulrike Langer. Die Arbeitsgemeinschaft autonomer Frauenhäuser in NRW fordert deshalb, dass das Land neben den Personalkosten auch für den Unterhalt der Häuser einen festen Grundbetrag bezahlt und ein Landesfinanzierungs-Gesetz für die Frauenhäuser verabschiedet. "Wir wollen über das Schicksal der Frauen aber nicht nach Kassenlage entscheiden", betont Ulrike Langer. Spenden könnten ein Minus nicht kompensieren. Zum Vergleich: Das Frauenhaus Mülheim in privater Trägerschaft muss zum Beispiel 50.000 Euro ausgleichen und befürchtet das Aus.

Ministerium fordert einheitliche Regelung

Gesundheitsministerin Barbara Steffens

Barbara Steffens fordert eine einheitliche Regelung

Das zuständige Gesundheitsministerium weist diese Forderung zurück: 2010 bis 2016 habe man die Zuwendungen für 62 Frauenhäuser auf neun Millionen gesteigert. "Das sind 70 Prozent mehr für Schutz vor häuslicher Gewalt", so Pressesprecher Christoph Meinerz. Ein Landesfinanzierungsgesetz lehne man ab. "Die Folge wäre, dass wir die Finanzierung komplett übernehmen müssen – jetzt beteiligen sich noch Land und Bund." Zehn Millionen Euro müsste das Land bezahlen, um die Zuschüsse der Städte und des Bundes zu ersetzen – "ohne dass sich dadurch die Lage der Frauenhäuser verbessert." Wenn es nach NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens geht, muss der Bund eine einheitliche Regelung und Finanzierung der Frauenhäuser vorgeben.

Frauenhäuser wie Bochum weisen darauf hin, dass sich Kommunen zurzeit nur freiwillig beteiligen: "Wir bekommen zum Beispiel überhaupt keine städtischen Zuschüsse für den Unterhalt des Hauses", so Ulrike Langer. Lisa hatte Glück: Über die Sozialhilfe konnte ihr Platz bezahlt werden. Gerade hat sie mit ihren beiden Kindern eine eigene Wohnung bezogen. "Ich bin einfach nur glücklich, dass wir ohne Angst in Frieden leben können."

Stand: 01.02.2016, 06:00

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