Jede Stadt regelt Schulpflicht anders

WDR-Umfrage zu Flüchtlingen an Schulen

Jede Stadt regelt Schulpflicht anders

  • Landesweit gibt es hochgerechnet 1.300 Willkommensklassen für Flüchtlingskinder
  • 12.615 Flüchtlinge besuchen den regulären Unterricht
  • Lehrergewerkschaft sieht enorme Herausforderungen für Schulen

Eine aktuelle WDR-Umfrage unter den rund 400 Kommunen in NRW zeigt vor allem eins: Bei der Beschulung für Flüchtlingskinder gehen die Städte und Gemeinden höchst unterschiedlich vor. Viele Kommunen konnten oder wollten die Fragen des WDR zum Thema schulpflichtige Flüchtlingskinder nicht beantworten. Wie viele es sind, ist in etlichen Städten unbekannt. Oftmals unterscheiden die Stadtverwaltungen gar nicht zwischen Flüchtlingskindern und schulpflichtigen Kindern aus Zuwandererfamilien. Rund 270 Städte und Gemeinden haben dem WDR Zahlen nennen können. Zusammengenommen gibt es in diesen 270 Kommunen etwa 20.000 schulpflichtige Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien. Das Schulministerium rechnet landesweit mit 40.000 Kindern. Schulpflicht besteht erst dann, wenn Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt sind.

Deutsch lernen in der Willkommensklasse

Genauer sind die Angaben zu Willkommensklassen. Das sind Klassen, in denen Flüchtlingskinder, aber auch Schüler aus Zuwandererfamilien, erste Deutschkenntnisse erwerben. Nach der WDR-Umfrage sind in 291 Kommunen zusammen 963 Willkommensklassen eingerichtet worden. Hochgerechnet auf das ganze Land gibt es in NRW rund 1.300 Willkommensklassen. Die meisten solcher Klassen hat Köln, nämlich 145. Zahlreiche Flüchtlingskinder besuchen aber ganz normale Schulklassen. In 254 Kommunen nehmen 12.615 Flüchtlinge am Regelunterricht teil.

Gemeinsamer Unterricht vor allem in Grundschulen

Wie unterschiedlich die Kommunen die Beschulung regeln, zeigen einige Antworten aus der Umfrage. In Bad Münstereifel (Kreis Euskirchen) zum Beispiel wurde an der städtischen Hauptschule eine "Internationale Klasse" eingerichtet, in der täglich Deutschunterricht auf dem Stundenplan steht. Die Stadt Duisburg hingegen teilte mit, "die Beschulung im Grundschulbereich erfolgt vornehmlich in Regelklassen mit zusätzlicher Förderung". In Nettetal (Kreis Viersen) sollen Einstiegsklassen eingerichtet werden, allerdings fehlen derzeit noch Lehrer. Ehrenamtliche geben in Wachtendonk (Kreis Kleve) Deutschunterricht für Flüchtlinge. In zahlreichen Städten sind für das zweite Schulhalbjahr neue Klassen für Flüchtlinge geplant. Generell zeichnet sich ab, dass in den Grundschulen eher gemeinsamer Unterricht stattfindet. In den weiterführenden Schulen werden oft Spezialklassen für Flüchtlinge gebildet. Teils sind Aushilfslehrer im Einsatz.

Fehlt ein pädagogisches Gesamtkonzept?

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne)

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann

Laut Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ist das Land auf die vielen neuen Schüler vorbereitet. Zusätzlich würden gut 2.600 Lehrerstellen geschaffen - etwa 70 Prozent davon sind nach Angaben des Schulministeriums bereits besetzt. "NRW bildet seit Jahren mehr Lehrer aus, als eingesetzt werden", sagt Löhrmann dem WDR. Das zahle sich jetzt positiv aus. Die CDU-Opposition vermisst jedoch ein pädagogisches Gesamtkonzept für die Beschulung von Flüchtlingskindern. Nötig seien Teams aus Sozialarbeitern, Schulpsychologen und Dolmetschern, da unter den Flüchtlingskindern Analphabeten, Traumatisierte, aber eben auch Hochbegabten seien.

Gewerkschaft: Klassen überfüllt

Zuständig für die Beschulung der Flüchtlingskinder sind die Kommunen als Schulträger. Momentan werde dabei noch viel improvisiert, meint Udo Beckmann, Landeschef der Lehrergewerkschaft VBE. "Ganz viele Schulen meistern tagtäglich große Herausforderungen", sagt er. "Nach meiner Wahrnehmung geht der Trend dahin, dass immer mehr Flüchtlingskinder in die normalen Schulklassen geschickt werden, weil die Willkommensklassen ausgelastet sind." Dies führe dazu, dass immer mehr Regelklassen "überfüllt" seien. Auch im nächsten Jahr müsse NRW mit 80.000 bis 90.000 weiteren Schülern aus Flüchtlingsfamilien rechnen, wenn die Flüchtlingsprognose der Landesregierung stimme.

"Markt ist weitgehend leergefegt"

Der VBE-Landesvorsitzende warnt vor personellen Engpässen. "Das Problem ist: Es gibt nicht mehr genügend ausgebildete Lehrkräfte für alle Schulstufen. Der Markt ist weitgehend leergefegt", sagt Beckmann. Es werde zunehmend ein Problem, "dass wir mit den Anforderungen immer weiter heruntergehen müssen, um überhaupt Stellen besetzen zu können". Der Gewerkschafter fordert, "dass vorhandener Schulraum nicht abgebaut wird, etwa in Kommunen, wo aufgrund des demografischen Wandels eigentlich solche Schließungen geplant sind".

Stand: 09.12.2015, 06:00