Sexuelle Übergriffe: "Kein Wunder, dass die Frauen nichts sagen"

Scham, Frau

Sexuelle Übergriffe: "Kein Wunder, dass die Frauen nichts sagen"

Zunächst hatte keine der etwa 50 befragten Frauen in einer Kölner Notunterkunft einen sexuellen Übergriff angezeigt. Opferorganisationen wundert das nicht. Sie kritisieren die Situation in den Notunterkünften - aber auch das Vorgehen der Flüchtlingshelfer.

Ursula Enders leitet seit vielen Jahren den Kölner Verein Zartbitter e.V., der Opfer von sexuellem Missbrauch berät und regelmäßig Informationsmaterial zu dem Thema herausbringt. Sie wundert es nicht, dass die befragten Frauen in der Flüchtlingsunterkunft in Köln keine Zeugenaussagen gemacht oder sexuelle Übergriffe angezeigt haben. Es sei kein Wunder, dass die Frauen schweigen. "Das ist in so einer belastenden Lebenssituation normal", sagt die erfahrene Beraterin.

Opfer reagieren unterschiedlich

Sie habe Fälle von Frauen aus dem Iran aber auch - noch vor der Wende - aus der DDR erlebt, die in Flüchtlingsunterkünften missbraucht wurden, aber erst Jahre später, als ihre Lebenssituation wieder stabil war, bei Zartbitter Hilfe gesucht hätten. Das müsse allerdings nicht heißen, dass es alle geschilderten Übergriffe in der Unterkunft in Köln Humboldt/Gremberg wirklich gegeben habe, so Enders. In diesem Zusammenhang kritisiert sie auch das Vorgehen der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer. Frauen aus der Kölner Notunterkunft hatten den ehrenamtlichen Helfern der Organisation "Dignity for Refugees" von sexuellen Übergriffen durch das Wachpersonal berichtet. Daraufhin veröffentlichten die Ehrenamtler einen offenen Brief mit den Vorwürfen und organisierten eine spontane Demonstration.

Erst aufklären, dann an die Öffentlichkeit

Sie könne die Empörung der Helfer gut verstehen, sagte Enders dem WDR. Es wäre allerdings wichtig gewesen, zunächst den Flüchtlingsrat oder auch Organisationen wie Zartbitter oder Agisra über die Vorfälle zu informieren. "Dann hätte man überlegen können, wie man weiter vorgeht", so Enders. Die Frauen hätten erst beraten und über ihre Rechte aufgeklärt werden müssen, bevor die Öffentlichkeit informiert wird, so Enders. Sie selbst hält die Zustände in den Notunterkünften grundsätzlich für unhaltbar. Die Atmosphäre sei grenzverletzend und Mindeststandards, um Frauen und Kinder gegen sexuelle Gewalt zu schützen, würden nicht eingehalten.

Die Turnhalle auf dem Gelände des Berufskollegs im Stadtteil Gremberg

In Humboldt/Gremberg sind 200 Menschen in einer Halle untergebracht

Hinzu komme, dass die eingesetzten Sozialarbeiter in den Unterkünften häufig überlastet seien. "Meistens werden dort Berufsanfänger eingesetzt, die für zu viele Dinge auf einmal zuständig sind", beobachtet Ursula Enders. In der Unterkunft in Humboldt/Gremberg sind nach Angaben des Deutsche Rote Kreuzes (DRK) täglich zwei Sozialarbeiterinnen vor Ort - zuständig sind sie für insgesamt 200 Menschen. Am Freitagmorgen (19.02.2016) - einen Tag nach den ersten Befragungen durch die Kölner Polizei - habe in der Unterkunft eine ruhige Atmosphäre geherrscht, berichtet DRK-Mitarbeiterin Marita Bosbach dem WDR. Bei den Sozialarbeiterinnen habe es in der Vergangenheit keine Anzeigen wegen Übergriffen gegeben.

Forderung nach externer Beschwerdestelle

Flüchtlings- und Opferorganisationen fordern eine externe Beschwerdestelle, damit Menschen in Gemeinschaftsunterkünften die Möglichkeit bekommen, ihre Probleme bei einer objektiven Stelle vorzutragen. Denn schließlich seien die Sozialarbeiter vor Ort immer bei den entsprechenden Trägern beschäftigt und darum auch nicht immer objektiv, so das Argument. Aber auch der Betreuungsschlüssel durch die Sozialarbeiter der Träger müsse deutlich verbessert werden, fordert auch Ursula Enders. Um unter anderem Frauen in Flüchtlingsunterkünften über ihre Rechte bei sexuellen Übergriffen zu informieren, bringt Zartbitter am Montag (22.02.2016) die Broschüre "Alle Mädchen haben Rechte" heraus und möchte die auch gerne ins Arabische übersetzen lassen. Außerdem hat die Organisation in Zusammenarbeit mit der Diakonie Hannover Schutzkonzepte gegen Gewalt in Gemeinschaftsunterkünften erarbeitet, die sowohl für Institutionen als auch für ehrenamtliche Helfer lesenswert sind.

Stand: 19.02.2016, 17:01