In der Turnhalle platzen die Träume

Flüchtlinge kehren in ihre Heimat zurück

In der Turnhalle platzen die Träume

Die Zahl der irakischen Asylbewerber, die in ihre Heimat zurückkehren, steigt. Mit dem Flugzeug geht's zurück und das oft auf eigene Kosten. Was Iraker zur Rückkehr bewegt, schildert Abbas Hussain, Flüchlingsberater bei der Caritas in Köln.

WDR: Welche Vorstellungen und Erwartungen haben die Iraker, die Sie betreuen?

Hussain: Die Leute, die seit dem vergangenen Sommer hierher gekommen sind, die haben sich wegen falscher Propaganda in den sozialen Netzwerken auf den Weg gemacht. Dort wird übertrieben, wie die Lage in Deutschland ist, wie Flüchtlinge hier empfangen werden. Die Bilder von der Willkommenskultur, wo Menschen am Bahnhof klatschen, haben sie glauben lassen, sie seien hier willkommen, aus welchen Gründen auch immer. Und dann wird von denen, die hier sind, auch vieles übertrieben. Da ist dann die Rede davon, man bekäme eine Wohnung ja sogar ein Haus, ein monatliches Gehalt und später vielleicht auch noch ein Auto und so etwas. Und weil hier alles so viel leichter erscheint, haben sie ihre Chance auf ein besseres Leben hier gesehen. So sind auch Leute hierher gekommen, die nicht wirklich schutzsuchend sind.

WDR: Wie beurteilen Sie diese Rückkehrer?

Abbas Hussain, Flüchtlingsberater Köln

Abbas Hussain

Hussain: In meiner Beratung frage ich die Leute erst mal nach ihren Gründen, warum sie hierher gekommen sind. Viele schockiert diese Frage, weil sie gar nicht verstehen, was diese soll. Schließlich hätten sich doch alle auf den Weg gemacht. Denen mache ich dann erst mal klar, dass es nicht so einfach ist. Die Gründe für ihre Flucht müssten sie dem Bundesamt vorlegen. Dann erst kommen sie in der Realität an und fragen sich, warum sie überhaupt hier sind. Und Leute, die aus sicheren Städten kommen, haben eigentlich keine Gründe. Ich kann dann verstehen, dass die Lage in den Turnhallen für sie unerträglich ist, weil es ein Vergleich zu ihrem Leben im Irak ist.

WDR: Wer profitiert denn davon, dass den Irakern solche Versprechungen gemacht werden?

Hussain: Das sind die Schleuser, die die Menschen aus dem Irak hierher locken. Ihnen geht es darum, Geld zu verdienen. Sie nutzen dann diese Gerüchte und versprechen den Leuten zum Beispiel, dass sie sie bis nach Griechenland bringen und sie dort an eine Hilfsorganisation übergeben werden. Dafür verlangen sie von jedem Einzelnen so um die 5.000 Euro.

WDR: Was passiert, wenn die Iraker bemerken, dass alles nur ein Traum war?

Hilfspass für Iraker

Ersatzpässe für den Rückflug

Hussain: Die sind sehr frustriert. Wenn deren Geduld am Ende ist, weil ihr Leben dort eigentlich besser war als das hier, gehen sie dann wieder zurück. Das sind diejenigen, die - ich sage mal - keine Gründe haben hier zu bleiben. Ich kenne selbst diese Leute. Die haben ihre Pässe, ziehen ihre Anträge zurück und fliegen eigenständig in die Heimat. Das Geld bezahlen sie dann sogar selbst. Wer viele Tausend Euro für seine Flucht ausgegeben hat, für den sind vielleicht 500 Euro nicht mehr viel, um dem Albtraum hier zu entkommen.

WDR: Und wer bleibt hier?

Hussain: Das sind Jesiden und Christen, die Angst um Leib und Leben gehabt haben, die wissen, warum sie hier Schutz brauchen. Die haben auch die Geduld, ein paar Monate oder länger in einer Turnhalle auf ihren Asylantrag zu warten.

WDR: Was bedeutet das für die Schutzbedürftigen, dass auch Iraker hierher kommen, die nach unserer Vorstellung keine Beweggründe dafür haben?

Hussain: Ich glaube, dass den Leuten der Platz genommen wird, die wirkliche Gründe haben, hierher zu kommen, die schutzbedürftig sind, die Angst um Leib und Leben haben. Das ist nicht gut.

WDR: Wie könnte diese Situation verändert werden?

Hussain: Die Leute im Irak müssen erfahren, wie die Situation hier in Deutschland wirklich ist. Aber das ist schwer, denn viele, die hier sind, spielen ihren Verwandten und Freunden in der Heimat etwas Falsches vor, weil sie sich selbst vielleicht nicht eingestehen wollen, dass ihr Traum geplatzt ist. So hat mir eine Frau geschrieben, dass sie jetzt hier als Flüchtling in einer Suite lebt und bedient wird. Das konnte ich nicht glauben und habe nachgefragt. Tatsächlich saß sie mit ihrem Sohn in einem Zimmer mit Toilette und die angebliche Bedienung war der Sozialarbeiter. Es war also falsch, was sie sagte. Aber das erweckt falsche Eindrücke im Irak. Davor warne ich die Flüchtlinge, das sollten sie besser lassen.

WDR: Mit dem was Sie sagen, werden sich manche in der Absicht bestätigt fühlen, das Asylrecht in Deutschland zu verschärfen. Was entgegenen sie diesen Menschen?

Hussain: Das Problem lässt sich damit nicht lösen, denn es gibt viele Leute, die verfolgt werden. Sie sind schutzbedürftig und brauchen unser Aslyrecht. Deshalb sollte es nicht verändert werden. Ich denke, die Leute müssen besser informiert werden, wer hier überhaupt eine Chance hat, Asyl zu bekommen. Dann würden sich weniger Menschen unnötig auf den Weg machen. Sie geben in ihrer Heimat alles auf und kehren mit nichts zurück. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in ihrer Heimat eine wirtschaftliche Perspektive haben, dass sie ein normales Leben führen können. Denn nichts anderes wollen sie ja eigentlich.

Das Gespräch führte Robert Franz.

Stand: 28.01.2016, 16:22