Das jubelnde Volk von den Bahnhöfen ist weg

Helferin bei der Ankunft von Flüchtlingen

Immer weniger Flüchtlingshelfer

Das jubelnde Volk von den Bahnhöfen ist weg

Von Matthias Goergens

  • Die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen lässt nach
  • Rückgang bei den Ehrenamtlichen aber nicht erst seit Silvester
  • Gesucht werden Freiwillige, die langfristig helfen können

Die Zahl der freiwilligen Helfer für die Flüchtlingsarbeit lässt spürbar nach. Bei der Diakonie zum Beispiel meldeten sich im Januar weniger Menschen als in den Monaten vorher. Noch allerdings gebe es keine Lücken, sagt Sabine Damaschke, Sprecherin der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. "Die Hilfsbereitschaft vor Weihnachten war so groß, dass es zeitweise sogar zu viele freiwillige Helfer gab." Allerdings habe man ein "Auge auf die Stimmung". Die positive Willkommenskultur will die Diakonie in Düsseldorf unter anderem durch die Einrichtung von "Welcome Points" in einigen Stadtteilen pflegen. Dort können Flüchtlinge erste Unterstützung finden, es werden Fragen von Anwohnern beantwortet und ehrenamtliche Hilfe abgestimmt. Allgemein engagieren sich bei den Diakonischen Werken sehr viele Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit – "und tun dies auch mit Überzeugung nach den Silvestervorfällen weiterhin", sagt Sprecherin Damaschke.

Qualität der Helfer zeigt sich im Durchhaltevermögen

Nutzt der Staat Ehrenamtler aus?

Ehrenamtliche Hilfe in Unterkünften ist täglich gefragt

Das kann Christoph Grätz vom Caritasverband für das Bistum Essen bestätigen: "Wir beobachten nach Silvester keinen abrupten Rückgang der Zahl der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit." Das sei längst schon im September und Oktober passiert, hat neben anderen auch Rudi Löffelsend von der Essener Flüchtlingshilfe beobachtet. Nach der Euphorie rund um die Willkommenskultur sei das Engagement merklich geschwunden: "Das jubelnde Volk von den Bahnhöfen ist weg. Und es waren nicht die, die ein halbes Jahr später noch helfen." Die Qualität der ehrenamtlichen Helfer zeige sich letztlich im Durchhaltevermögen. Motivation und Stimmung hätten auch nach den Silvester-Übergriffen von Köln nicht gelitten. Allerdings müsse jeder Ehrenamtler im Bekanntenkreis mehr argumentieren als noch vor Monaten. "Es wird alles jetzt viel kritischer hinterfragt."

Diesen Fragen müssen sich auch die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes in Düsseldorf stellen. Die Silvester-Vorfälle sind natürlich ein Thema und verschärfen auch die verschiedenen Standpunkte, weiß DRK-Ehrenamtskoordinatorin Pia Rüttgers: "Die Menschen wollen nach wie vor helfen, beschränken ihr Engagement aber auf bestimmte Herkunftsländer." In Köln ist sogar von einer "Jetzt-erst-recht"-Mentalität die Rede, berichtet Thomas Zitzmann vom Kölner Flüchtlingsrat. "Kern unserer Tätigkeit ist der Flüchtlingsschutz, also der Schutz vor Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen." Diesem Ziel ordnen sich auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter gerne unter.

Rotes Kreuz will Ehrenamtler motivieren

Archivbild: Ankunft eines Flüchtlingszuges am Fernbahnhof Düsseldorf Flughafen

Auch an den Bahnhöfen wird nach wie vor Unterstützung gebraucht

Bei Claudia Seidensticker und ihrem gemeinnützigen Verein "Krass - kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche" sah das zuletzt schon schlechter aus. Das mobile Atelier des Vereins fährt mit Künstlern, Pädagogen und Kunsttherapeuten sowie gespendeten Materialien in die Unterkünfte, um dort mit Kindern zu malen und kreativ zu sein. "Vor dem Jahreswechsel hatte ich acht Anrufe und fünf Hilfsangebote per E-Mail. Seit Silvester kommt nichts mehr", sagte die Vorstandsvorsitzende im Gespräch mit der Aktuellen Stunde.

Beim DRK-Kreisverband in Düsseldorf will man es erst gar nicht so weit kommen lassen und arbeitet daran, die Motivation aufrechtzuerhalten. Benötigt werden künftig vor allem längerfristige Begleitangebote, wie eine Patenschaft für eine Flüchtlingsfamilie. "Wir benötigen Menschen, die nachhaltig helfen möchten und Unterstützung bei der Integration der Flüchtlinge anbieten können", sagt Ehrenamtskoordinatorin Rüttgers. "Wir sehen im Augenblick eine Herausforderung darin, dieses Angebot anzubieten und die freiwilligen Helfer dahingehend zu schulen."

Stand: 30.01.2016, 06:00

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