Nehmen Flüchtlinge Arbeitslosen die Jobs weg?

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (M, SPD) gibt am 22.10.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) vor einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge Interviews

Nahles stellt neues Förderprogramm vor

Nehmen Flüchtlinge Arbeitslosen die Jobs weg?

Von Rainer Kellers

  • Bundesarbeitsministerin Nahles hat am Donnerstag (22.10.2015) die Arbeitsagentur in Düsseldorf besucht
  • Für Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge soll es ein milliardenschweres Hilfsprogramm geben
  • Integration in den Arbeitsmarkt bereitet große Probleme

Andrea Nahles ist spät dran. Die Bundesarbeitsministerin (SPD) kommt aus Köln. Dort hat sie eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge besucht. Jetzt eilt sie die Stufen der Arbeitsagentur in Düsseldorf hinauf, wo bereits Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) auf sie wartet. Der Empfang ist herzlich, natürlich. Schließlich ist die Berliner Ministerin hier, um die NRW-Landeschefin zu loben. Kaum hat der - sehr kurze - Rundgang durch die Arbeitsagentur begonnen, schwärmt Nahles bereits: "Mensch, so müsste es überall sein." Sie meint damit nicht die endlosen Flure der Riesenbehörde, die maroden Steinplatten der Außenfassade oder die mit Werbeplakaten gut getarnten Aufzüge. Es geht um Deutschlands ersten so genannten Integration Point.

Der Schlüssel zur Integration

Diese Kontaktstelle in der Arbeitsagentur ist im September eröffnet worden. Es ist eine Anlaufstation für Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge, an der sie beraten und - im besten Falle - an einen Arbeitgeber vermittelt werden. Rund 300 Menschen hätten das Angebot seit September angenommen, heißt es. Tatsächlich im Job ist aber erst einer - ein Koch. Trotzdem, die Besucherin aus Berlin findet das Konzept überzeugend. "'Bingo', habe ich gedacht, als ich vom Integration Point hörte", erzählt Nahles. Sie will sich dafür stark machen, ähnliche Anlaufstellen überall in Deutschland aufzubauen. Schließlich müssen Hunderttausende von Flüchtlingen früher oder später in den Arbeitsmarkt integriert werden. "Der Arbeitsmarkt ist der Schlüssel zur Integration", sagt auch Hannelore Kraft. Bis Ende des Jahres will sie in NRW Integration Points "flächendeckend" eingerichtet haben.

Ein "Neustart" für den Arbeitsmarkt

Hannelore Kraft und Andrea Nahles

Hannelore Kraft und Andrea Nahles (r.) in der Arbeitsagentur Düsseldorf

Das klingt erst mal positiv. Die beiden SPD-Politikerinnen wissen aber genau, dass längst nicht jeder mit Wohlwollen auf die Arbeitsmarkt-Integration der vielen Flüchtlinge schaut. Kraft berichtet von etlichen E-Mails an sie. "Kümmert ihr euch nur noch um Flüchtlinge?", heiße es darin zum Beispiel. Nehmen die Flüchtlinge den Arbeitslosen die Jobs weg? Nein, versuchen Nahles und Kraft zu beschwichtigen. Und sie haben eine gehörige Beruhigungspille im Gepäck: das Förderprogramm "Neustart". Dieses milliardenschwere Bundes-Programm soll Fördermöglichkeiten enthalten - und zwar gleichermaßen für Flüchtlinge wie für Langzeitarbeitslose. Es enthält unter anderem Sprachkurse und Nachqualifizierungen sowie Aus- und Weiterbildungshilfen.

Nächste Woche werde in Berlin verhandelt, wie viel Geld in dieses Programm fließen kann, sagt Nahles. Alleine für Flüchtlinge könnten es zwischen 1,8 und 3,3 Milliarden Euro sein. Man tue etwas, auch für deutsche Arbeitslose, lässt sich die Botschaft zusammenfassen. NRW-Ministerpräsidentin Kraft nickt eifrig, als Nahles dem "Neustart" verkündet. Es war Krafts Idee, auch etwas für Langzeitarbeitslose zu tun.

Das große Problem der Sprache

Ohnehin stellt sich die Frage, ob die Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan oder Eritrea überhaupt eine Konkurrenz für viele deutsche Jobsuchende sind. Nahles und Kraft haben einige Vertreter von Unternehmen nach Düsseldorf eingeladen. Und was die zu berichten haben, klingt nicht so, als stünden die meisten Flüchtlinge unmittelbar dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. "Die Sprache ist das Hauptproblem", sagt etwa Michael Grütering, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Düsseldorf. Es brauche viel Zeit, bis die Menschen halbwegs ausreichend Deutsch gelernt hätten.

Nahles: "Kein Speed-Dating zu erwarten"

Ein zweites Problem sei die Qualifikation. 80 Prozent der Flüchtlinge hätten keine formale Qualifikation, sagt die Chefin der NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Christiane Schönefeld. "Das sind Fachkräfte für morgen oder übermorgen", glaubt Schönefeld. Was heißen soll: Nicht für heute. Andrea Nahles ist derselben Meinung, formuliert aber schöner: "Es ist kein Speed-Dating zwischen Flüchtlingen und Arbeitgebern zu erwarten." Die allermeisten Flüchtlinge seien nicht sofort vermittlungsfähig.

Ist das jetzt eine gute oder schlechte Nachricht? Für Langzeitarbeitslose soll es wohl eine gute sein. Andererseits, sagt Nahles, möchte sie auch nicht, dass hunderttausende Flüchtlinge dauerhaft als Hartz-IV-Empfänger endeten. Die Lösung solle sein: Mehr Sprachkurse, Nachqualifizierung und dann Integration in den Arbeitsmarkt. Immerhin, Geld und politischer Wille sind offenbar vorhanden.

Stand: 22.10.2015, 17:30