Verriss oder Hymne? Stefan Keims Theaterkritik

Verriss oder Hymne? Stefan Keims Theaterkritik

Diesmal hat sich unser Theaterkritiker Stefan Keim Jörg Buttgereits Inszenierung von "Die lebenden Toten oder: Monsters of Reality" am Schauspiel Essen angeschaut.

Zombies sind in. Zombies sind ein Symbol. Sie stehen für einen außer Kontrolle geratenen Kapitalismus. Hirntote ohne Gefühl, nur noch von der Gier nach Fressen angetrieben.

In einem der berühmtesten Zombiefilme aus den 1970er Jahren schwanken die Zombies durch eine Einkaufspassage. Hier im Magazin des Essener Schauspiels lagern auch die Kulissen einer Shopping Mall, denn dort in so einem Tempel des Konsums spielt die Inszenierung der Lebenden Toten.

O-Ton-Theater
Er: Europa wird von Zombies überrannt.
Sie: Sie bringen eine andere Kultur mit. Eine andere Lebensauffassung. Ein anderes Frauenbild. Einen anderen Glauben.

Der Regisseur Jörg Buttgereit ist ein Genrespezialist. Er hat selbst schräge, faszinierende Horrorfilme gedreht. Nun setzt er den Zombies von früher ein liebevolles Denkmal

Die Schauspieler sehen gruselig und grotesk aus. Meisterwerke der Maske. Einsam und melancholisch schlurfen sie durch die Einkaufspassage - sie sind die letzten, die übriggeblieben sind.

O-Ton-Theater
Er: Eine Gruppe überlebenswilliger Kämpfer für die Menschheit - die sich in einer Shopping Mall verschanzt.

Direkt neben der Casa, der Studiobühne des Essener Schauspiels, ist eine richtige shopping mall. Allerdings eine ziemlich tote oder sagen wir mal wenig belebte. Normalerweise bleiben die Zombies im Theater, aber in diesem Stück geht es vor allem um die Wirklichkeit!

O-Ton Theater
Ich heiße Frank. Ich bin 45 Jahre alt und ich komme aus Eritrea. Zur Zeit befinde ich mich auf einem überfüllten Fischerboot, gemeinsam mit 477 Leuten. Sie haben alle 1600 Dollar für die Überfahrt nach Europa bezahlt.

Das Stück des dänischen Dramatikers Christian Lollike hat eine politische Botschaft. Es geht um Geflüchtete, Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind  - und nun als Zombies das Festland erobern. Politisch unkorrekt? Ja, aber nicht nur. Denn hier macht sich niemand über die Geflüchteten lustig. Es geht um unsere Angst vor dem Fremden, um unsere Reaktionen.

O-Ton-Theater
Natürlich ist das kein Zombieheer, das da auf uns zukommt, sondern das islamische. Es wird sich ausbreiten von Innen - wie ein Virus.

Der Text an sich ist nicht besonders gut. Die Uraufführung vor einem Jahr bei den Ruhrfestspielen war sogar ein ziemliches Fiasko. Aber die Inszenierung in Essen ist ein Volltreffer. Weil Jörg Buttgereit das selbstbezügliche Theatergefasel aus dem Stück gestrichen und eine richtig gute Idee hatte - nämlich: Die Zombies, das sind wir - wir – die Europäer:

O-Ton-Theater
ER: Auf der einen Seite haben wir eine sich stetig ausbreitende globalisierende Welt - auf der anderen Seite einen beginnenden sich neu formatierenden Nationalismus !!!

Das ist starkes Diskurstheater, politisch und provokant. Diese Schauspieler haben Biss.

Autor: Stefan Keim

Realisation: Eric Brinkmann

Stand: 21.04.2017, 08:43