"Wir haben abgetrieben" - Das Ende des Schweigens

Frauen demonstrieren gegen den §218 mit Schildern, auf denen beispielsweise "Mein Bauch gehört mir" steht

"Wir haben abgetrieben" - Das Ende des Schweigens

6. Juni 1971. Im "Stern" erklären 374 Frauen – unter ihnen Senta Berger, Alice Schwarzer und Romy Schneider: "Ich habe abgetrieben!" Die Bundesrepublik steht Kopf. Es wird ein Tag, der in die Geschichte eingeht. Es sind Arbeiterinnen, Lehrerinnen, Studentinnen, Hausfrauen und neun prominente Schauspielerinnen, die diesen Appell unterschreiben.

Alice Schwarzer, Publizistin

Initiatorin: Alice Schwarzer bewegte 374 Frauen, sich im "Stern" zur Abtreibung zu bekennen.

Das öffentliche Geständnis ist ungeheuer mutig, denn zum Skandal, den sie damit auslösen, machen sich die Frauen durch ihr Bekenntnis zur Abtreibung strafbar.

Recht auf Selbstbestimmung

Die Aktion wird zum Auslöser für eine breite Frauenbewegung, in der es in kurzer Zeit nicht mehr nur um eine selbstbestimmte Familienplanung geht. Abertausende Frauen emanzipieren sich von den althergebrachten Rollen als Hausfrau und Mutter, entwickeln ein neues Selbstbewusstsein, erlauben sich Freude und Lust und gehen beruflich unabhängige Wege.

Frauen demonstrieren am 15. Febraur 1975 in der Innenstadt von Frankfurt am Main für die Streichung des Abtreibungsparagraphen 218.

Für die Streichung des Abtreibungsparagraphen 218: Frauen demonstrieren am 15. Febraur 1975 in der Innenstadt von Frankfurt am Main.

Vorbild für die Initiative war eine Aktion in Frankreich. Am 5. April 1971 erschien im "Nouvel Observateur" eine Petition von 343 Frauen, die erklärten, abgetrieben zu haben. Zu den Unterzeichnerinnen zählten Simone de Beauvoir, Jeanne Moreau, Françoise Sagan, Agnès Varda und andere bekannte Persönlichkeiten.

Prägende Erfahrung

45 Jahre später sucht der Film einige Bekennerinnen noch einmal auf und erzählt, wie die Aktionen in Deutschland und Frankreich damals ihr Leben geprägt haben. Darunter die Feministin Alice Schwarzer, die Schauspielerin Senta Berger und Ulla Böll, die Nichte von Heinrich Böll, sowie die Theater- und Filmregisseurin Ariane Mnouchkine und die Frauenrechtlerin Anne Zelensky.

Barbara Meifort, Gesundheitswissenschaftlerin

Barbara Meifort, Gesundheitswissenschaftlerin

Immer noch relevant

Der Film „Das Ende des Schweigens“ zeichnet ein Sittengemälde von vier Jahrzehnten in Deutschland und Frankreich, das mit der brutal ausweglosen Situation von Frauen startet, die sich aus sozialer, beruflicher oder psychischer Not heraus Ende der 60er Jahre zu einer illegalen Abtreibung entschließen. Es ist das Verdienst der beiden Autorinnen Birgit Schulz und Anette Zinkant, dass sie mit ihren kämpferischen Protagonistinnen nicht im Gestern stehen bleiben, sondern dem Thema eine heutige politische Relevanz abgewinnen.

Ein Film von Birgit Schulz und Annette Zinkant
Redaktion: Monika Pohl

Schwerpunkt bei WDR.DOK: Die 70er

Der WDR sendet den Film in der Reihe „Die 70er“. Zehn Wochen lang rückt WDR.DOK Ereignisse und Menschen in den Fokus, die Deutschland und die Welt in den 70er Jahren gesellschaftspolitisch bewegt haben. Immer mittwochs ab 23:25 Uhr vom 16.8. bis zum 18.10.2017.

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Stand: 06.08.2017, 20:11

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