Goodbye Tommies! - Abzug der Briten aus NRW

sw-Foto: Wohnwagen für britische Soldatenfamilien

Goodbye Tommies! - Abzug der Briten aus NRW

Auf dem Höhepunkt waren mehr als 100.000 britische Soldaten in Deutschland stationiert, in den kommenden Jahren werden die letzten Einheiten nach Großbritannien zurückverlegt. Dazwischen liegt eine erstaunliche Geschichte, die von Misstrauen und Besatzung in den Anfangsjahren bis hin zu guter Nachbarschaft und Freundschaft reicht. Vor allem erzählt sie vom Siegeszug eines gemeinsamen Lebensgefühls.

Die Briten kamen 1945 als Sieger und Besatzer nach Deutschland – die Anfänge des Zusammenlebens waren für beide Seiten schwierig. Es galt ein striktes Fraternisierungsverbot. Das scheint aber häufig unterlaufen worden zu sein. Immerhin erlaubten die Briten ihren Soldaten schon im Herbst 1946, deutsche Frauen zu heiraten.

Parallele Welten

Nach einer ersten Phase, in der die Besatzer in beschlagnahmten Wohnungen untergebracht wurden, errichteten die Briten einen eigenen Kosmos für ihre Soldaten und deren Familien. Rund um die Kasernen gab es eigene Schulen, Kinos, Theater und Sportanlagen. Besonders attraktiv: die Supermärkte der Briten, von Anfang an gut gefüllt. Für Deutsche nicht zugänglich, es sei denn, jemand hatte gute Beziehungen ...

sw-Foto: Britische Soldatenfamilien in Deutschland auf einer Tribüne sitzend

Familienleben: Schon seit 1946 war es britischen Soldaten erlaubt, deutsche Frauen zu heiraten. Gemeinsame Veranstaltungen hatten dennoch lange Seltenheitswert.

Umgekehrt war es für die zumeist jungen britischen Soldaten nicht ganz einfach, Kontakte zu deutschen Nachbarn der Standorte zu knüpfen. Die wenigsten sprachen deutsch, und in vielen Kneipen und Gaststätten wollte man die trinkfreudigen und mitunter lärmenden Gäste nicht unbedingt haben. "Out of bounds" – "Für Briten verboten" hieß es an vielen Türen.

Wunderwaffe Musik

Alles änderte sich, als Anfang der sechziger Jahre auf einmal ganz neue Töne aus Großbritannien kamen: Beatles und Stones bringen das Eis zwischen Briten und Deutschen zum Schmelzen. Wie keine andere britische Einrichtung beeinflusst der Soldatensender BFBS das Leben in Deutschland. Zielgruppe sind die britischen Soldaten, mit seinem Musikprogramm prägt BFBS aber vor allem das Lebensgefühl der deutschen Jugendlichen an Rhein und Ruhr. Zahllose Teenies lernen Englisch mit "Yeah, Yeah" und "Satisfaction", werden neugierig auf Swinging London und kaufen englische Klamotten.

Neue Nachbarschaft

Für ältere Jahrgänge ist die junge Queen Elizabeth der angesagte Star, vor allem seit ihrem Deutschlandbesuch 1965. Das alles bringt in den sechziger und siebziger Jahren die Wende in den Beziehungen. Jeder deutsche Standort pflegt jetzt die Nachbarschaft zu den britischen Soldaten. Deutsch-britische Clubs, Gesellschaften und Vereine haben Konjunktur; gemeinsam wird die Liebe zum Fußball, zum Reitsport und zum Biertrinken gepflegt.

sw-Foto: Richtfest im neuen alliierten Hauptquartier in Mönchengladbach

Britischer Aufbau in Deutschland: Neben dem neuen alliierten Hauptquartier in Mönchengladbach wurde in NRW auch viel Wohnraum geschaffen.

Die britischen Streitkräfte sind für viele Erwachsene sichere und zuverlässige Arbeitgeber. Dabei ist das Zusammenleben auch jetzt nicht immer Idylle, vor allem wenn englische Panzer zum Manöver donnern oder wenn die Briten öffentlichen Raum für ihr Militär reklamieren.

Wehmut beim Abschied

Die Aufgaben der britischen Armee haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, die Präsenz der Truppen in Deutschland erscheint – vor allem seit der Wiedervereinigung – nicht mehr nötig und sinnvoll. Der Abzug der Truppen hat schon vor einiger Zeit begonnen, das ehemalige Hauptquartier in Rheindahlen bei Mönchengladbach ist längst geräumt. In Herford, Paderborn oder Bielefeld, an allen Stationierungsorten macht sich Katerstimmung breit. Die Städte verlieren die Kaufkraft der britischen Soldaten, viele Deutsche werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Und so mancher auch seine engsten Freunde.

Und etwas bleibt: Heute sind Tausende ehemaliger und aktiver britischer Soldaten mit einer Deutschen verheiratet, viele von ihnen sind nach ihrem Dienst in Deutschland geblieben oder haben das vor.

Ein Film von Heinrich Billstein
Redaktion: Beate Schlanstein

Stand: 01.06.2017, 22:24

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