Stumme Schreie: Schmerzempfinden bei Fischen

Stumme Schreie: Schmerzempfinden bei Fischen

Mit großen Schleppnetzen werden auf unseren Weltmeeren Tag für Tag Abertausende Tonnen Fisch an Bord der Schiffe gezogen. Viele von ihnen werden durch die schiere Masse schon in den Netzen zerquetscht, ersticken an Bord oder erleiden durch den plötzlichen Druckunterschied Verletzungen. Geschlachtet wird im Fließbandverfahren, meist ohne Betäubung.

Dabei gelten in Deutschland hohe Standards, wenn es um die Schlachtung von Tieren geht. Laut deutschem Tierschutzgesetz dürfen Wirbeltiere nämlich nur unter der Vermeidung von Schmerzen getötet werden, da es sich sonst um Tierquälerei handelt. Doch beim Fischfang scheint dies in der Regel keine Beachtung zu finden, da offenbar davon ausgegangen wird, dass Fische keine Schmerzen empfinden.

Fischschwarm im blauen Wasser

Es wird davon ausgegangen, dass Fische keine Schmerzempfinden haben.

Stand der Wissenschaft

Beim Mensch und vielen Säugetieren wird das Schmerzempfinden über die Großhirnrinde im Gehirn reguliert. Da Fische über eine solche Großhirnrinde nicht verfügen, können sie auch keine Schmerzen empfinden, so die Argumentation der Fischfang-Industrie. Reaktionen auf vermeintliche Schmerzen seien nur Reflexe. Leiden würden die Fische aber nicht, denn es sei ihnen anatomisch nicht möglich.

Bestätigt wurde dies unter anderem durch Studien von Prof. Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er ist der Meinung, dass es den Fischen am Bewusstsein fehle und sie deswegen nicht in der Lage seien, Schmerz zu empfinden.

Reaktion auf Schmerzmittel

Die britische Neurobiologin Dr. Lynne Sneddon von der Universität in Liverpool beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat in umfangreichen Studien gegenteilige Ergebnisse erzielt. Sie setzte unter anderem Regenbogenforellen gezielt Schmerzreizen aus, um das Verhalten, aber auch die Gehirnaktivität zu untersuchen. Dabei wurde beispielsweise die Temperatur des Wassers erhöht oder das Maul der Fische mit einem Tropfen Essigsäure beträufelt.

Das Ergebnis: Das Verhalten der Fische ging über einfache Reflexe weit hinaus. So begannen beispielsweise die Fische mit der Säure am Maul, sich dieses an Steinen auf dem Boden zu reiben. Außerdem wurde bei den Tieren die gleiche Gehirnaktivität gemessen, wie sie auch bei Menschen vorkommt, die Schmerzen erfahren. Zudem reagierten die Fische positiv auf Schmerzmittel und begannen viel schneller, wieder zu fressen und zu jagen, als Fische, denen kein Schmerzmittel verabreicht worden war.

Weiter schienen die Fische sich offenbar an den Schmerz zu erinnern und ihr Verhalten entsprechend zu verändern, indem sie lernten, die Schmerzursachen zu meiden. Entgegen landläufiger Meinung haben die Fische nämlich kein Kurzzeitgedächtnis, sondern können Erinnerungen teilweise über Jahre speichern. Ob der Schmerz exakt mit dem von Menschen vergleichbar ist, sei schwer zu sagen, ergänzt Dr. Lynne Sneddon im Interview, da schon die Schmerzwahrnehmung bei jedem einzelnen Menschen unterschiedlich sei. Klar sei aber, dass die Fische leiden.

Intelligenter als vermutet

Studien an der Macquarie University in Australien haben ferner gezeigt, dass Fische in Sachen Intelligenz den Säugetieren an Land in nichts nachstehen. Einige Fischarten sind in der Lage, zum Schutz kleine Sandburgen zu bauen, andere verwenden zur Futteraufnahme Werkzeuge, beispielsweise Steine, um Muscheln zu knacken.

Außerdem beobachteten die australischen Forscher, dass die Fische in der Lage sind, untereinander zu kommunizieren, im Verband zu jagen und einzelne Artgenossen wiederzuerkennen. Auch das Sozialverhalten ähnelt dem von Säugetieren. Fische, die beispielsweise von ihrer Gruppe getrennt wurden, zeigten alle Anzeichen von Trauer, zogen sich in eine Ecke des Beckens zurück und hörten auf zu fressen.

Bildergalerie

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Aufnahme eines Heringschwarmes

1. Kommunikation per Pups

Heringe können mithilfe von Fürzen kommunizieren. Dabei drücken sie Luft aus ihrer Schwimmblase durch den After und erzeugen damit pulsierende Töne über mehr als drei Oktaven, welche von Artgenossen verstanden werden. Kanadische Forscher fanden heraus, dass eine Pupsäußerung bis zu 8 Sekunden dauern kann.

1. Kommunikation per Pups

Heringe können mithilfe von Fürzen kommunizieren. Dabei drücken sie Luft aus ihrer Schwimmblase durch den After und erzeugen damit pulsierende Töne über mehr als drei Oktaven, welche von Artgenossen verstanden werden. Kanadische Forscher fanden heraus, dass eine Pupsäußerung bis zu 8 Sekunden dauern kann.

2. Geschlechtswechsel nach Bedarf

Alle Clownfische kommen als Männchen zur Welt. Erst wenn sie aufwachsen, entscheiden sie, ob sie sich zu einem Weibchen umwandeln. Stirbt bei einem Clownfisch-Pärchen der weibliche Fisch, wandelt sich der Witwer in ein Weibchen und sucht sich ein neues Männchen.

3. Rückwärtseinparker

Einige Fische, wie der Kofferfisch, sind in der Lage rückwärts zu schwimmen. So können sie beispielsweise rückwärts in enge Felsspalten manövrieren, wo sie sich vor Räubern verstecken.

4. Schlafgewohnheiten

Da sie keine Augenlider haben, schlafen Fische für gewöhnlich mit offenen Augen. Manche Fische legen sich dabei sogar auf die Seite. Der Papageifisch zieht sich vor dem ins Bett gehen einen Schlafanzug aus Schleim an, damit er geschützt ist.

5.Von Riesig bis Winzig

Der größte bekannte Fisch ist der Walhai, der bis zu 14 Metern lang und bis zu 34 Tonnen schwer werden kann. Der kleinste bekannte Fisch ist der Paedocypris progenetica, der mit 7,9 Millimeter gerade mal so groß wie eine Mücke ist.

6. Fische benutzen Werkzeuge

Die tropischen Lippfische wurden dabei beobachtet, wie sie mit Muscheln im Maul zu aus dem Sand herausragenden Steinen schwammen, um sie dagegen zu schlagen und sie so aufzubrechen. Ganz schön clever.

7. Eine Frage des Alters

Einige Fischarten können genauso alt werden wie Menschen. Der älteste bekannte Fisch war der rote Karpfen Hanako aus Japan, der am 7 Juli 1977 verstarb. Er soll zu diesem Zeitpunkt 226 Jahre alt gewesen sein.

8. Vielfalt der Arten

Es gibt mehr unterschiedliche Fischarten, als Arten von Reptilien, Amphibien, Vögeln und Säugetieren zusammen. Manche Fische sehen dabei nicht mal aus wie Fische, wie zum Beispiel die berühmten Seepferdchen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 15.000 Fischarten noch gar nicht entdeckt wurden.

9. Fischschuppen im Lippenstift

Der glitzernde Effekt auf dem Schuppenkleid von Fischen wird durch eine Nukleinbase namens Guanin erzeugt. Diese wird heutzutage industriell aus Fischschuppen gewonnen und ist unter anderem in glitzerndem Lippenstift und funkelndem Eye-Gloss enthalten. Bei den Inhaltsstoffen wird sie manchmal als Pearl Essence bezeichnet. Nur vegane Kosmetik ist garantiert frei von Fischschuppen.

10. Herrscher der Welt

Seit etwa 6 Millionen Jahren lebt der Mensch auf der Erde. Fische bevölkern die Ozeane bereits seit 450 Millionen Jahren. Wir sind also nur ihre Gäste.

Artgerechte Schlachtung

Obwohl einzelne Wissenschaftler die Ergebnisse der oben genannten Studien anzweifeln und ihren Kollegen vorwerfen, sie würden die Fische vermenschlichen, bleibt die Frage, ob man es darauf anlegen kann, einfach nicht zu wissen, wie es den Fischen geht. Denn sollten Fische tatsächlich in der Lage sein, Schmerz zu empfinden oder zu leiden, wie es die neuesten Studien belegen, dann hätte dies weitreichende Konsequenzen für Millionen von Anglern, Fischzüchtern und Fischfang-Industrie.

Die Lösung wäre eine Regulierung für eine artgerechte Schlachtung an Bord der industriellen Trawler. Angler betäuben den Fisch schon seit langer Zeit mit einem Schlag auf den Kopf, und viele Aquakultur-Betriebe arbeiten mit einem Betäubungsbecken, bei dem die Fische vor der Schlachtung mit einem kurzen Stromschlag bewusstlos gemacht werden. Wobei auch diese Methoden bei vielen Tierschützern noch höchst umstritten sind.

Das Problem des Beifangs

Außerdem müsste das Problem des Beifangs gelöst werden. Da eine EU-Verordnung vorsieht, dass von den Fangflotten immer nur bestimmte Fischarten gefischt werden dürfen, müssen alle anderen Fische zurück ins Meer geworfen werden. Ebenfalls zurückgeworfen wird, was zu klein ist oder sich schlecht verkaufen lässt. Dieser sogenannte Beifang macht je nach Fangmethode über 70 Prozent aus. Doch was da zurück ins Meer geworfen wird, ist in der Regel kaum noch am Leben. Meistens werden die Fische in den Schleppnetzen oder an Bord der Schiffe zerquetscht und verletzt. Zurück ins Meer gekippt werden vor allem halbtote Fische und Kadaver.

Diese Regulierung, die eigentlich zum Schutz der Arten bestimmt war, heizte die Überfischung der Meere erst recht an. Doch es gibt Hoffnung. Erst kürzlich wurde vom Europäischen Parlament eine Neuerung beschlossen, die dem übermäßigen Zurückwerfen von Beifang ein Ende machen soll. Ab 2015 dürfen die EU-Länder keine Fangquoten mehr beschließen, die nicht nachhaltig sind. Die Fangmenge wird dann so begrenzt sein, dass die Fischbestände zumindest ihre Größe beibehalten und nicht weiter schrumpfen. Ein Beschluss, der ab diesem Jahr zumindest einem Teil der Fische weiteres Leiden ersparen wird.

Bunte Kois unter Wasser

Koifische sind für viele Haustiere.

Der bewusste Umgang

Fischfreunde auf der ganzen Welt fordern schon lange ein Umdenken im Umgang mit Fischen. Dabei fordern sie nicht einmal den Verzicht auf Fisch als Nahrungsmittel, sondern nur eine artgerechte Haltung und Schlachtung, wie sie auch bei Rindern oder Schweinen selbstverständlich ist. Denn Fische werden im Vergleich zu Säugetieren völlig zu Unrecht als minderwertige Lebewesen angesehen. Offenbar sind sie zu Gefühlen in der Lage, haben ein Schmerzempfinden, ein gutes Erinnerungsvermögen und eine Intelligenz, die es mit manchem Säugetier aufnehmen kann. Einen respektvollen Umgang haben sie allemal verdient.

Autor: Stefan Servos

Stand: 21.06.2016, 10:51

Kommentare zum Thema

1 Kommentar

Neuester Kommentar von "Angelika", 27.06.2016, 14:16 Uhr:

Super daß das Augenmerk auch einmal auf Fische gerichtet wird. Wieso sollten Fische kein Empfinden haben-jedes Lebwewesen hat Empfindungen. Die Ignoranz Leben gegenüber macht mich immer unglaublich wütend und traurig. Wenn die Mesncheit einmal bewusster im Umgang mit dem was bei ihnen auf dem Tisch landet umgehen würde,wäre das schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung. Es ist schon traurig daß sich Wissenschaftler damit beschäftigen müssen was jeder nicht ignorante Mensch mit bloßemAugesehen kann.