Regisseur Valentin Thurn über seinen Film "Die Essensretter"

"Ich will Alternativen zeigen"

Regisseur Valentin Thurn über seinen Film "Die Essensretter"

Als der Film "Frisch auf den Müll" im Oktober 2010 in der ARD gezeigt wurde, war Deutschland geschockt – die Hälfte aller Lebensmittel auf dem Müll, kann das sein? Wieso hat davon keiner etwas gewusst? Es dauerte keine fünf Tage, und der Ernährungsminister von Nordrhein-Westfalen Johannes Remmel meldete sich, dass er es unerträglich finde, wenn schon die Landwirtschaft Obst und Gemüse wegen kosmetischer Normen wegwerfen muss. Er kündigte die Gründung eines runden Tisches an, bei dem Bauern, Handel und Verbraucherorganisationen gemeinsam nach Lösungen suchen.

Porträt: Regisseur Valentin Thurn

Valentin Thurn

Und rund fünf Wochen nach unserer Sendung verkündete Bundesernährungsministerin Ilse Aigner auf einer Pressekonferenz, dass sie eine Studie zur Lebensmittelverschwendung in Auftrag geben will. Wir hatten in unserem Film noch mit Hochrechnungen gearbeitet, die auf britischen und österreichischen Studien basierten, weil es in Deutschland keinerlei Forschung zum Thema gab.

Kochaktionen und öffentliche Diskussionen

Wir freuten uns natürlich über diese unmittelbaren politischen Reaktionen auf unseren Film, aber zum Feiern blieb keine Zeit, weil wir bereits den Nachfolgefilm fürs Kino vorbereiteten. "Taste the Waste" kam im September 2011 ins Kino, und parallel dazu erschien unser Buch "Die Essensvernichter". Das Thema bewegte die Menschen, und obwohl wir nur mit wenigen Filmkopien starteten, zog "Taste the Waste" über 130.000 Zuschauer in die deutschen Kinos (und war damit 2011 der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm im Kino), noch mal 30.000 waren es in Österreich und auch in Japan wird er in diesem Jahr im Kino starten. "Die Essensvernichter" schafften es auf die Spiegel-Bestsellerliste, inzwischen ist die vierte aktualisierte Auflage erschienen.

Das Besondere aber an dem Kinostart waren die Kochaktionen und öffentlichen Diskussionen, die zeitgleich stattfanden. Ich habe diesen Film gemacht, um eine gesellschaftliche Debatte auszulösen, und habe mich deshalb frühzeitig um die Zusammenarbeit mit großen Organisationen wie "Brot für die Welt", Slow Food, den Tafeln oder der Welthungerhilfe bemüht. Nicht zu vergessen die vielen Graswurzel-Gruppen, die das Projekt unterstützten, und unser Koch Wam Kat, der mit seinen Helfern bundesweit Zehntausende von Essen aus den "Misfits" zauberte, den Feldfrüchten, die die Landwirte wegen der Handelsnormen aussortieren müssen.

Lea Brumsack und Tanja Krakowski aus Berlin

Die "Culinary Misfits" aus Berlin

Deutschland ist keinesfalls europäischer Vorreiter

Die Bewegung, die damals entstand, inspirierte viele Unternehmer dazu, nach Lösungen zu suchen. Das war wie ein Auftrag für mich – zum vorliegenden Film "Die Essensretter". Ich will damit zeigen, welche Alternativen bereits funktionieren und für andere als Beispiel dienen können. Wie auch schon zweieinhalb Jahre zuvor war auch jetzt Deutschland keineswegs der europäische Vorreiter – wir recherchierten deshalb Lösungsansätze in ganz Europa.

Warum ist das so? Unternehmen können in einer Marktwirtschaft nur mit Lösungen erfolgreich sein, die auch von ihren Kunden akzeptiert werden. Und dazu braucht es eine andere Haltung dem Essen gegenüber, mehr Wertschätzung. Eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der einzelne Unternehmen eindeutig überfordert sind, hier muss die Politik die Führung übernehmen.

Bundesernährungsministerin Ilse Aigner hat das Thema in seiner Relevanz durchaus erkannt – wenn es um konkrete Aktionen geht, knickt sie aber vor den Lobbys der Wirtschaftsverbände ein. Ein Beispiel: Als sie die erste deutsche Studie über Lebensmittelverschwendung vorstellte, wurde das Ergebnis der Forscher der Uni Stuttgart in der Pressemitteilung auf die Zeile verkürzt, "zu 61 Prozent ist der Verbraucher schuld".

Eine unzulässige Schlussfolgerung, schließlich hatte das Ministerium bereits beim Beauftragen einen großen Bereich einfach außen vor gelassen: Die Landwirtschaft, sie sollte von den Forscher gar nicht erst untersucht werden. Zudem waren die Ergebnisse in vielen Sektoren mehr als unscharf: Beim Handel etwa weisen die Forscher in der Studie darauf hin, dass ihre Schätzungen sich zwischen 450.000 und 4.5 Millionen Tonnen bewegen – das Zehnfache! Die Schwankungsbreite bei der Industrie war noch größer.

Ilse Aigner

Ex-Bundesernährungsministerin Ilse Aigner will bis 2020 erreichen, dass in Deutschland nur noch halb so viele Lebensmittel weggeworfen werden wie heute.

Geteilte Verantwortung statt eines Bösewichts

Auch mit ihrer Kampagne „Zu gut für die Tonne“ konzentriert sich die Ministerin auf den Verbraucher. Der ist durchaus eine wichtige Größe, Studien aus den Nachbarländern kommen zum Schluss, dass die Konsumenten für rund 40 bis 45 Prozent des Lebensmittel-Müllbergs verantwortlich sind. Das heißt im Umkehrschluss: Das meiste wird weggeworfen, bevor es uns Verbraucher erreicht. Und alle in der Produktionskette müssen zusammenwirken. Es gibt nicht einen Bösewicht, sondern eine geteilte Verantwortung, alle müssen zusammenarbeiten.

Doch es blieb nicht bei den Studien, auch in anderen Ländern haben sich Bewegungen gegen die Lebensmittelverschwendung formiert. Während wir unseren Film drehten, entstand in England das Buch „Waste“ von Tristram Stuart, in Dänemark gründete Selina Juul die Bewegung "Stop wasting food" und in Italien Prof. Andrea Segrè den "Last Minute Market". Die Regierungen von den Niederlanden, Frankreich oder Norwegen traten mit innovativen Konzepten hervor.

Aber am weitesten ist die Diskussion in Großbritannien. Ausgerechnet das Land, das sonst nicht gerade als Öko-Vorreiter bekannt ist. Aber vielleicht liegt es genau daran. Denn immer noch deponieren die Briten einen großen Teil ihrer Abfälle in Müllkippen. In Deutschland wurde dieser Unsinn zum Glück bereits vor einem Jahrzehnt abgestellt, und eine EU-Richtlinie verlangt dies auch von den Briten. Inzwischen droht die EU mit Millionen-Strafzahlungen und das vergrößert den Druck noch weiter, unter dem die britische Regierung bereits steht, weil die Deponien randvoll sind.

Frau vor Supermarktregal

Zu viele Lebensmittel landen im Müll

Kampagnen und Studien in Großbritannien

Die beste Gegenmaßnahme: Verringerung der Müllmengen. Die britische Regierung gründete deshalb 2007 das "Waste Resources Action Programme" (WRAP). Es führte nicht nur detaillierte Studien durch, sondern überzog das ganze Land mit Kampagnen. Die Verbraucher überzeugte vor allem, was sie über die ökologischen Konsequenzen des Wegwerfens erfuhren, dass damit auch wertvolle Ressourcen in der Tonne landen, Wasser etwa, dass zur Bewässerung von Futterpflanzen verwendet wurde, deren Ernte für heimische Tiere importiert wurde. Kostbares Ackerland ebenso wie Energie und Arbeitskraft.

Vor allem aber wurde durch die britischen Studien die Auswirkungen auf die Klimaerwärmung klar: Die moderne Landwirtschaft funktioniert nur mit einem immensen Energie-Input, vor allem bei der Herstellung von Kunstdünger. Zudem entweicht, wenn der Bauer diesen Kunstdünger auf dem Acker ausbringt, Lachgas in die Atmosphäre, ein Treibhausgas, das 300 Mal so potent ist wie CO². Und wenn die Lebensmittel dann noch in den Tiefen der Müllkippen unter Luftabschluss vergären dann entsteht Methan – ein weiteres Treibhausgas. Unter dem Strich geht ein Zehntel der Klima-Erwärmung aufs Konto unseres Lebensmittelmülls!

Die britischen Bemühungen verschonten auch die Unternehmen nicht. Die Regierung holte sie an den Verhandlungstisch – mit sanftem Druck, drohte mit gesetzlichen Regulierungen, falls keine "freiwillige" Zielvereinbarung ausgehandelt wird. Mit Erfolg: Im "Courtauld Committment", benannt nach dem Gebäude, in dem die Vereinbarung unterzeichnet wurde. Darin verpflichteten sich die Lebensmittel-Unternehmen zu einer Müllreduzierung um fünf Prozent in zwei Jahren.

Zum Bedauern vieler Umweltpolitiker gab es keine Strafandrohung, falls dieses Ziel nicht erreicht wird. Einziges Druckmittel war, dass die Unternehmen blamiert wären. Und das reichte offenbar: Industrie und Handel schafften die angepeilten fünf Prozent. Diese Bemühungen haben auch den Regierungswechsel von Labour zu den Tories überdauert. Die aktuelle konservative Regierung verhandelt gerade mit der Gastronomie-Branche über ein weiteres "Courtauld Committment".

Junger Mann, lachend

Raphael Fellmer von Foodsharing.de verteilt übrige Lebensmittel weiter

2014 als Jahr gegen Lebensmittelverschwendung

Besonders überraschend aber ist die Vorreiterrolle, die die EU-Kommission einnimmt. Ausgerechnet unsere schwerfälligen Bürokraten aus Brüssel. Die EU rief 2014 zum "Jahr gegen Lebensmittelverschwendung" aus und diskutiert über Sinn und Unsinn der Haltbarkeitsdaten. Das wird nicht schnell gehen, in Brüssel geht fast nichts schnell, hat aber einen großen Vorteil: Keine nationale Regierung kann sich mehr hinter der Ausrede verstecken, sie sei machtlos wegen der Vorgaben durch europäische Gesetze. Auch nicht die deutsche Regierung.

Wir Deutschen hängen noch der Vorstellung hinterher, wir wären Umwelt-Musterknaben. Beim Recycling etwa ist diese Vorstellung fern der Realität. Ich habe dies bei den Dreharbeiten von "Taste the Waste" in Japan gesehen: Ein gewöhnlicher Supermarkt hatte in seinem Müllraum 21 verschiedene Mülltonnen. Das heißt: Die Mitarbeiter müssen den Müll in 21 verschiedene Fraktionen trennen. Dazu braucht es Arbeitskräfte, und die kosten. Doch für japanische Unternehmen lohnt sich das, weil die Müllentsorgungsgebühren so hoch sind, dass sie das Sortieren billiger kommt.

Und genau das könnte auch bei uns eine Lösung sein: Das Wegwerfen von Lebensmittel darf nicht mehr billiger sein als das Weiterverteilen an Menschen oder Recycling für Tiere.

Stand: 02.10.2013, 00:00

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