Doping West - Herde schwarzer Schafe

Medikamentenpackungen

Doping West - Herde schwarzer Schafe

Von Fred Kowasch und Ralf Meutgens

  • 31 Athleten gestehen Anabolika-Missbrauch
  • Politik und Sport fordern Aufarbeitung
  • Mediziner und Sportfunktionäre belastet

Das Telefon steht nicht mehr still. Simon Krivec hat mit seiner Doktorarbeit über Doping in Westdeutschland von 1960 bis 1988 großes Aufsehen erregt. Am Montag (03.04.17) wird die Dissertation veröffentlicht. Nach den Recherchen von Sport inside und einem Vorab-Bericht in der ARD-Sportschau sind die wichtigsten Fakten der Arbeit jedoch schon bekannt.

Über weitere Details aus der Studie, die Sport inside exklusiv vorliegt, berichten wir am Sonntag (02.04.17). Schon nach der ersten Veröffentlichung jedoch wollen nun alle den Mann kennenlernen, der mit seiner wissenschaftlichen Untersuchung aufräumt mit der Mär, Doping sei nur in der DDR weit verbreitet gewesen.

Thema in der Familie

Krivecs Vater Günter ist ein ehemaliger Dreispringer, Olympiateilnehmer 1964. Deshalb war dem Sohn das Thema nicht fremd. "Natürlich hört man Geschichten aus der Vergangenheit, hört das von ehemaligen Sportkameraden ebenso, wie sie über alte Zeiten sprechen", sagt Simon Krivec. Daraus entstand schließlich die Motivation, sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen. Die Kontakte des Vaters halfen dabei.

129 ehemalige westdeutsche Top-Leichtathleten hat Krivec für seine Arbeit angeschrieben, 61 Athleten antworteten, 31 von ihnen gaben zu, teilweise über Jahre hinweg Anabolika eingenommen zu haben. Auch noch nachdem der internationale Leichtathletik-Verband das Mittel 1970 auf die Verbotsliste gesetzt hatte.

"Vieles im Dunkeln geblieben"

Er habe gewusst, dass er mit seiner Dissertation etwas noch nie Dagewesenes geschrieben habe, aber "dass es einschlägt wie eine Bombe", damit habe er nicht gerechnet, hat der Pharmazeut aus Krefeld nun in einem der vielen Interviews gesagt.

Die Ergebnisse seiner Arbeit haben nicht nur Journalisten auf den Plan gerufen. Auch Politik und Sport wollen sich dem Thema Doping in Westdeutschland widmen. Von der Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, bis zur Vorsitzenden des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH), Ines Geipel, wird eine umfassende Aufarbeitung der Dopingvergangenheit in der früheren Bundesrepublik gefordert. "Da ist ja nach wie vor im Westen vieles im Dunkeln geblieben", sagt Freitag gegenüber Sport inside.

Zur Aufklärung gehört auch die Verwicklung von Sportmedizinern und Funktionären. Auch dazu finden sich in Krivecs Studie zahlreiche Belege. So schildert ein namentlich nicht genannter Athlet, wie Funktionäre des Deutschen Sportbundes im Hinblick auf die Olympischen Spiele in München 1972 die Sportler ermunterten, leistungssteigernde Substanzen zu nehmen.

Zitat

Krivec hat mit seiner Arbeit Sportgeschichte geschrieben. Die Geschichte des westdeutschen Leistungssport wird danach umgeschrieben und ergänzt werden müssen.

Thema in: Sport inside, WDR-Fernsehen, Sonntag, 2.4., 22.15 Uhr

Online-Bearbeitung Michael Ostermann

Stand: 02.04.2017, 10:00