Wie fair ist der faire Handel? 100 Prozent muss nicht immer sein

Mogelpackung Fairtrade

Wie fair ist der faire Handel? 100 Prozent muss nicht immer sein

Vor vierzig Jahren wurde der erste fair gehandelte Kaffee in Deutschland verkauft. Mittlerweile gibt es mehr als 1100 Produkte, die das „Fairtrade“-Siegel tragen. Im Weltladen, im Supermarkt, im Bioladen, beim Discounter, sogar an der Tankstelle finden sich Produkte mit dem blau-grünen Logo auf schwarzem Grund. Bis heute ist Kaffee das absatzstärkste „Fairtrade“-Produkt. Die Palette der Waren reicht aber von Schokolade über Früchte, Blumen und Getränke bis hin zu Sportbällen. Vergeben wird das Gütesiegel vom Verein Transfair, dem nationalen Ableger von„Fairtrade International“ (FLO). 2012 lag der Umsatz bei 533 Millionen Euro, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. Der faire Handel ist ein kontinuierlicher Wachstumsmarkt. In den letzten zehn Jahren hat sich der Umsatz mehr als verzehnfacht.

GS-Siegel

Höhere Preise für Erzeuger

Fairer Handel bedeutet, dass den Produzenten in Afrika, Lateinamerika und Asien höhere Preise als auf dem Weltmarkt für ihre Waren bezahlt werden. Meist handelt es sich bei den Produzenten um Genossenschaften aus Kleinbauern, allerdings gibt es auch gewaltige Plantagen, die im großen Stil produzieren. Wer seine Waren mit dem „Fairtrade“-Siegel auszeichnen lassen möchte, muss strenge Auflagen erfüllen und regelmäßige Kontrollen akzeptieren. Von den zertifizierten Bauern wird verlangt, dass sie ausreichende Sozialstandards einhalten, Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei Anbau und Produktion berücksichtigen und menschenwürdige Arbeitsbedingungen schaffen. Verboten sind Sklaven- und Kinderarbeit sowie ausbeuterische Löhne. Mit dem Siegel auf ihrer Ernte können die Bauern ihre Produkte deutlich teurer verkaufen. Und weil die Geschäfte direkt und ohne Zwischenhändler laufen, erhöhen sich die Einnahmen noch zusätzlich. Dazu gibt es Extra-Prämien für die Genossenschaften, etwa für Bildungseinrichtungen, Brunnenbau oder medizinische Versorgung.

Wie fair ist der faire Handel?

Den höheren Preis für faire Waren zahlt der hiesige Konsument offensichtlich gerne. Schließlich kauft er sich auch die Gewissheit, etwas für einen guten Zweck zu tun. Doch es gibt Kritik - auch in den eigenen Reihen. Bei der GEPA, der „Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt“, jedenfalls hat man sich vom „Fairtrade“-Gütesiegel verabschiedet. Die GEPA mit Sitz in Wuppertal ist der größte europäische Importeur fair gehandelter Waren und gehört zu den Gründungsmitgliedern des fairen Handels. Seit Anfang 2012 verpasst die GEPA ihren Produkten das Logo „Fair+“ und verzichtet sukzessive auf das „Fairtrade“-Siegel. „Das „Fairtrade“-Siegel ist ein Produktsiegel. Es bezieht sich ausschließlich auf den Anbau und den Verkauf der Rohware. Wir dagegen sind ein Unternehmen, das zu einhundert Prozent fair arbeitet.“ Das heißt, auf allen Verarbeitungsstufen eines Produkts kommen die Gewinne den Produzenten zugute. „Darauf wollen wir mit dem neuen Logo hinweisen“, so Geschäftsführer Thomas Speck. Die Gesellschafter der GEPA sind kirchliche Entwicklungsorganisationen, deswegen wirtschaftet das Unternehmen nicht gewinnorientiert und kann sich einhundertprozentige Fairness leisten.

Yvonne Willicks im Gespräch mit Thomas Speck, GEPA

Yvonne Willicks im Interview mit Thomas Speck, Geschäftsführer der GEPA.

„Fairtrade“-Siegel, aber nur 20 Prozent fairer Inhalt?

Große Kritik erntete eine Regelung des internationalen Dachverbandes aus dem Jahr 2011, die die Bemessungsgrenze für „Fairtrade“-Produkte vereinheitlichte. Gegen den Willen der deutschen Sektion wurde darin festgelegt, dass sogenannte „Mischprodukte“ - wie Eis, Schokolade, Kekse oder Müsli - nur noch zu einem Fünftel aus zertifizierten Zutaten bestehen müssen, um das Siegel tragen zu dürfen. Mischprodukte enthalten auch Bestandteile, die nicht aus Übersee kommen, wie Weizen, Eier oder ähnliches und die dementsprechend nicht fair gehandelt auf dem Markt sind. Auf diese Weise gelangen konventionelle Zutaten in Verpackungen, die prominent auf der Schauseite das „Fairtrade“-Siegel tragen. Alle Rohwaren, die es als „Fairtrade“-Variante gibt, müssen zwar auch ins Produkt, aber der Anteil ist manchmal erstaunlich gering. Beispielsweise beim „Bio Dinkel-Butterkeks“ von REWE, der mit 21 Prozent Zutaten aus fairem Handel nur knapp über der Mindestmenge liegt. Dennoch trägt das Produkt das bekannte Gütesiegel.

Fair-Anteil in der Zutatenliste versteckt

Erst ein Blick auf die Zutatenliste verrät dem Kunden, wie viel Fairness tatsächlich in den Keksen steckt. Denn bei Mischprodukten muss dort der Anteil fair gehandelter Zutaten aufgeführt werden. Auch Dieter Overath, langjähriger Geschäftsführer von „Fairtrade“-Deutschland, ist mit der Regelung nicht glücklich. „Wir haben bei den Verhandlungen über die Mischprodukte darauf gedrungen, genauer zu kennzeichnen, welche Zutaten fair gehandelt sind und welche nicht. Wir konnten uns leider nicht durchsetzen, weil die Kunden in anderen Ländern mit dieser Art der Kennzeichnung weniger Probleme haben“, so Overath. Übrigens: Mischprodukte machen nicht einmal zehn Prozent der „Fairtrade“-Waren aus.

Studie belegt: „Fairtrade“ verbessert die Lebensbedingungen

Trotz aller Kritik: der faire Handel verändert die Lebensbedingungen der Menschen in den Erzeugerländern positiv. Das belegt eine Studie, die „Fairtrade“-Deutschland zusammen mit „Fairtrade“-Schweiz in Auftrag gegeben hat. Die Forscher verglichen die Lebensstandards von Menschen in Regionen ohne fairen Handel mit denen, die einer „Fairtrade“-Kooperative angeschlossen sind. Außerdem beobachteten sie die Entwicklung der Lebensstandards in den „Fairtrade“-Gemeinden über Jahre hinweg. Das Ergebnis: Die Bauern profitieren vom fairen Handel. Die Armut geht zurück.

Ein Erfolg für die langjährige Arbeit, aber noch lange nicht genug, findet Dieter Overath: „Wir müssen dahin kommen, dass die Erzeuger nicht nur Rohwaren an die Industrieländer verkaufen, sondern dass sie die Produkte im Land verarbeiten. Erst dann bliebe ein großer Teil der Wertschöpfung bei den Menschen vor Ort.“

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Autorin: Stefanie von Drathen

Stand: 16.12.2013, 00:00