Schmerz als Beruhigung

Borderline lässt sich nicht heilen, aber behandeln

Schmerz als Beruhigung

Anni ist 23 Jahre jung, hat mehrere Therapien und einen Selbstmordversuch hinter sich und bekommt immer noch ihre „Zustände“, wie sie sagt. Anni meint damit Zustände mit unerträglicher Anspannung, aus denen sie keinen anderen Ausweg kennt als den Griff zur Rasierklinge. Erst wenn sie sich selbst verletzt hat und das Blut sieht, spürt sie sich wieder und wacht aus diesem tranceähnlichen Zustand auf. Anni hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. In der Regel tritt diese Störung in der Pubertät auf, häufig als Folge traumatischer Erfahrungen. Bei Anni zeigten sich erste Symptome schon in früher Kindheit. Sie wuchs in verschiedenen Heimen und bei Adoptiveltern auf.

Anni spiegelt sich in Spiegelglasscherben, die sie auf eine bemalte Leinwand geklebt hat

Statt sich damit selbst zu ritzen, benutzt Anni Scherben jetzt lieber für ihre Kunst.

Eine der häufigsten Störungen im Jugendalter
Kennzeichnend für die Borderline-Erkrankung sind heftige Stimmungsschwankungen, ein Gefühl innerer Leere und Angst vor dem Alleinsein, die Betroffenen verletzen sich häufig selbst und denken auch über Selbstmord nach. Diese Symptome treten aber bei vielen Jugendlichen auch im Rahmen einer „normalen“ Pubertätskrise auf! Jeder fünfte Teenager – die meisten davon weiblich - hat sich Studien zufolge schon einmal selbst verletzt. Im Videoportal YouTube finden sich zahlreiche Bilder von solchen Selbstverletzungen. Die Schweizer Medienwissenschaftlerin Sabina Misoch hat 2013 in einer Studie diese Videos untersucht. Ihr Ergebnis: es handelt sich hierbei nicht unbedingt um eigene Selbstverletzungen, sondern häufig um kopierte Bilder aus dem Internet. Was früher die grünen Haare oder das Piercing waren, scheint heute ein „Selbstverletzungsvideo“ zu sein. Doch auch wer sich tatsächlich schneidet und damit echte Probleme kommunizieren will, ist nicht automatisch krank: Nur ein Viertel der jugendlichen „Ritzer“ bleibt dabei und entwickelt eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Borderlinerin setzt sich auf Liege eines Kernspin-Geräts

Ein Blick ins Gehirn soll verraten, was in Borderlinern vorgeht.

Der Schlüssel liegt im Gehirn
Wissenschaftler vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim gehen der Borderline-Störung neurologisch auf den Grund. Prof. Christian Schmahl interessiert dabei besonders die Frage, warum sich seine Patienten selbst verletzen und was dabei im Gehirn passiert. Er untersucht Betroffene und Gesunde im Kernspin. Über eine Brille werden den Probanden Matheaufgaben eingeblendet, die sie über eine Tastatur unter Zeitdruck lösen müssen. Das ist für Gesunde und Borderliner gleichermaßen stressig, auf den Kernspinbildern deutlich erkennbar an einer Aktivierung der Amygdala, einer kleinen Region im Gehirn, die besonders bei Gefühlen wie Stress oder Angst aktiv ist. Dann bekommen die Teilnehmer über eine Art Sonde am Handgelenk einen Schmerzreiz zugefügt. Bei den Gesunden lässt der Schmerz die Anspannung weiter ansteigen – bei den Borderlinern hat er genau den gegenteiligen Effekt: Die Anspannung sinkt, deutlich erkennbar an einer weniger aktiven Amygdala.

Über eine Brille werden den Studienteilnehmern Matheaufgaben eingeblendet.

Die Probanden sollen Matheaufgaben im Kernspin lösen.

Blut funktioniert am besten
Die Forscher wiederholen den Versuch auch außerhalb des Kernspins und messen Atem- und Herzfrequenz sowie die Handschweißproduktion: Alle Stressparameter zeigen: Schmerz beruhigt Borderliner! Am deutlichsten ist der Effekt, wenn die Forscher den Schmerzreiz mit Kunstblut kombinieren. Dann lässt nicht nur die Anspannung nach, sondern es findet auch eine verbesserte Kommunikation zwischen jenen Hirnregionen statt, die unsere Gefühle regulieren. Erst die Selbstverletzung lässt das Gehirn der Borderliner also wieder „normal“ funktionieren. Diese Erkenntnisse kann man therapeutisch nutzen.

Künstliches Blut wird auf einen Arm gespritzt.

Künstliches Blut beruhigt einen Borderliner.

Roter Filzstift statt echtes Blut
Heilen lässt sich die Borderline-Erkrankung nicht. Aber man kann den Betroffenen trotzdem helfen. Sie lernen im sogenannten „Skills-Training“ Fertigkeiten (Skills), um überbordende Emotionen mit anderen heftigen, aber nicht verletzenden Sinnesreizen zu überlagern. Jeder Patient bekommt dazu eine Art Notfallkoffer mit seinen ganz persönlichen Utensilien: Chilischoten, stark riechender Tigerbalsam oder um das Handgelenk getragene Gummibänder, die man schmerzhaft schnipsen lassen kann. Solche Utensilien sollen im Notfall helfen, die Anspannung zu regulieren. Auch Anni helfen diese Tricks. Sie war insgesamt drei Monate lang in Mannheim in der Therapie und kann jetzt wieder ein normales Leben führen. Mit Gummis am Arm und einem roten Edding in der Tasche, mit dem sie im Notfall über die Haut malen kann – anstatt sich zu ritzen.

Filmautorin: Sonja Kolonko

Stand: 18.06.2014, 13:40

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