Gefährliche Nüsse

Bei Allergien spielt das Immunsystem verrückt

Gefährliche Nüsse

Das Lesen von Zutatenlisten ist für Familie Schmidt aus Wuppertal ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden: Zutatenlisten auf Eis, auf Keksen und auf Wurst. Es wird nichts eingekauft, was keine Zutatenliste hat. Ein frisches Brötchen beim Bäcker kaufen oder ein Eis beim Italiener essen? Das geht nicht mehr. Lebensmittel, bei denen nicht drauf steht, was drin ist, sind tabu. Schon kleinste Mengen mancher Nahrungsmittel sind für den siebenjährigen Frederik lebensbedrohlich: Frederik hat eine schwere Nussallergie. Als er drei Jahre alt ist, hat er zum ersten Mal einen Allergieanfall. Auslöser: eine einzelne Cashewnuss. Kurz danach muss er sich übergeben, hat schwere Atemnot und bekommt am ganzen Körper einen roten Ausschlag. Erst im Krankenhaus kann Frederik geholfen werden. Die Diagnose: eine schwere Allergie auf Cashewnüsse.

Im schlimmsten Fall kann ein Allergieanfall tödlich enden
Nahrungsmittelallergien entstehen, wenn das Immunsystem ein Nahrungsmittel irrtümlich als gefährlich einstuft – genauer gesagt bestimmte Eiweiße darin. Wenn ein Allergiker ein bestimmtes Nahrungsmittel zum ersten Mal isst, wird das Immunsystem sensibilisiert: Im Körper werden die Eiweiße von Immunzellen aufgenommen und eine ganze Kaskade von Reaktionen verschiedener Immunzellen ausgelöst – übrigens sowohl bei Allergikern als auch bei Nicht-Allergikern. Doch bei Allergikern werden am Ende dieser Kettenreaktion fälschlicherweise Antikörper gegen diese Eiweiße aus dem Essen gebildet. Wenn der Allergiker dieses Nahrungsmittel erneut isst, schütten die sensibilisierten Immunzellen Botenstoffe wie das Histamin aus, die Hautausschlag oder Atemnot auslösen. Im schlimmsten Fall reagiert der Körper mit einer anaphylaktischen Reaktion, die tödlich enden kann.

Atemmaske wird im Krankenhaus vom Ständer genommen

Manche Allergiker leiden unter schwerer Atemnot, wenn sie etwas Falsches gegessen haben.

Nüsse lösen besonders heftige Reaktionen aus
Dass Kinder auf Nüsse so heftig reagieren, ist nicht ungewöhnlich. Schwere Nahrungsmittelallergien werden häufig von Nüssen verursacht und entstehen oft in den ersten Lebensjahren. Ältere Kinder oder Erwachsene entwickeln dagegen häufiger Allergien gegen Äpfel oder Pfirsiche. Solche Allergien gegen Obst sind aber meist weniger gefährlich.

Erdnüsse in einer Schale

Schwere Lebensmittelallergien werden oft durch Erdnüsse ausgelöst.

Zu wenige Informationen
Nach Frederiks erstem Anfall bekommen die Eltern von den Ärzten die Anweisung, Cashewnüsse in Zukunft zu meiden. Außerdem sollen sie immer eine Notfallspritze mit Adrenalin dabeihaben. Doch genauere Erklärungen, wie sie die Notfallspritze einsetzen oder wie sie mit der Krankheit umgehen sollen, erhält Familie Schmidt nicht. Fachleute beklagen, dass Betroffene häufig nur unzureichend informiert werden, weil es zu wenige Spezialisten für Nahrungsmittelallergien gibt und viel zu wenige Schulungsangebote existieren.

Rätselhafte Anfälle
Etwa ein halbes Jahr nach dem ersten Anfall bekommt Frederik im Urlaub zwei weitere Allergieschübe – und das, obwohl er nichts mit Cashewnüssen gegessen hatte. Der zweite Anfall ist so heftig, dass die Eltern ihm die Notfallspritze geben wollen. Doch weil sie das nie trainieren konnten, gelingt es ihnen nicht, die Spitze in dieser Paniksituation richtig anzuwenden. Erst der Notarzt kann Frederik helfen. Mit den richtigen Medikamenten geht es ihm schnell besser.

Ein Notfallset für Allergiker

Notfallset für Allergiker

Spurensuche
Nach dem Urlaub beginnt für Familie Schmidt die Spurensuche: Was hatte die Anfälle im Urlaub ausgelöst? Bluttests zeigen, dass Frederik auch Antikörper gegen andere Lebensmittel als Cashewnüsse im Blut hat, zum Beispiel gegen Erdnüsse und Pistazien. Doch Antikörper alleine sind noch kein Beweis, dass tatsächlich eine Allergie vorliegt. Um zu testen, ob ein Patient wirklich allergisch reagiert, machen Spezialisten eine sogenannte Nahrungsmittelprovokation. Dabei essen die Patienten kleinste Mengen der allergieverdächtigen Lebensmittel im Krankenhaus und werden dabei streng überwacht. Erdnüsse verträgt Frederik problemlos. Auf den Test mit den Pistazien reagiert er dagegen mit einer heftigen allergischen Reaktion.

Nüsse werden abgewogen

Bei einem Provokationstest essen Allergiker verdächtige Lebensmittel unter ärztlicher Kontrolle im Krankenhaus.

Den richtigen Umgang trainieren
Heute vermeidet Familie Schmidt alle kritischen Nahrungsmittel konsequent. Wie sie bei einem Allergie-Anfall die verschiedenen Medikamente richtig anwenden, haben sie inzwischen in einer speziellen Schulung trainiert und Frederik ist regelmäßig bei einem Spezialisten in Behandlung. Kristina Schmidt hat außerdem eine Selbsthilfegruppe für Nussallergiker und ihre Angehörigen gegründet – damit Kinder wie Frederik lernen, mit der Allergie zurechtzukommen. Denn die Chance, dass Kinder eine schwere Nussallergie von selbst wieder verlieren, ist gering – anders als zum Beispiel bei einer Allergie gegen Milch, die mit der Zeit oft verschwindet. Bisher gibt es auch keine Möglichkeit eine Nahrungsmittelallergie zu heilen; auch nicht mit einer Hyposensibilisierung, wie sie gegen Pollenallergien angewendet wird. Es gibt zwar Wissenschaftler, die an Hyposensibilisierungen für Erdnussallergiker forschen. Aber solche Therapien sind noch nicht ausgereift.


Autorin: Alexandra Hostert

Stand: 18.09.2014, 16:00

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