Warum Teamtraining im Krankenhaus lebensnotwendig ist

Das Team als Lebensretter?

Warum Teamtraining im Krankenhaus lebensnotwendig ist

Bei der medizinischen Versorgung von Patienten sind fast immer Teams im Einsatz. Aber Zeitnot, Leistungsdruck und strenge Hierarchien im Krankenhaus erschweren gute Teamarbeit. Studien zeigen, dass schlechte Teamarbeit im Krankenhaus Menschenleben kosten kann. Deshalb richten immer mehr Kliniken Simulationszentren ein, in denen Notfall- und Operationsteams geschult werden. Einer der Vorreiter ist das Universitätsspital Zürich. Alle Ärzte und Pfleger werden hier verpflichtet, am Teamtraining teilzunehmen. Dazu gehören Simulationen einer Operation ebenso wie reflektierende Gespräche über die Zusammenarbeit. Hier darf jeder jeden kritisieren – auch der Pfleger den Oberarzt.

Zwei Gesichter mit OP-Masken

Jede Operation gelingt nur im Team.

Lebensnahe Simulationen
Unter Federführung der Anästhesisten hat das Unispital Zürich ein Simulationszentrum aufgebaut, in dem unter anderem ein praxisnah eingerichteter OP-Vorraum für Teamtrainings genutzt wird. Es gibt auch einen "Patienten": eine High-Tech-Puppe, die aus einem Nebenraum ferngesteuert wird. Die Trainer können den Blutdruck variieren, die Herzfrequenz, können die Puppe schwitzen, erbrechen - und sogar sterben lassen. Geleitet werden die Trainings von der Psychologin Michaela Kolbe und dem Oberarzt der Züricher Anästhesie Bastian Grande. Sie können durch eine einseitig verspiegelte Scheibe die Teams aus Ärzten und Schwestern im Trainingsraum beobachten - und sie durch Steuerung der Puppe immer wieder neuem Notfall-Stress aussetzen. Die Szenarios orientieren sich dabei an realen Fällen des Klinikalltags, vom plötzlichen Herzinfarkt des Patienten bis zum Versagen der künstlichen Beatmung. Die Teilnehmer am Training wissen allerdings nie, was auf sie zukommt.

Die Teamtrainer beobachten, wie die Teams funktionieren.

Die Teamtrainer beobachten, wie die Teams funktionieren.

Reanimation ist Teamwork
Eine typisches Trainingszenario: die Reanimation. Der Herzschlag des Patienten wird plötzlich unregelmäßig und setzt schließlich ganz aus. Die Teamtrainer erleben dabei immer wieder Erstaunliches: Obwohl jede Reanimation ein standardisiertes und in schriftlichen Leitlinien festgelegtes Vorgehen vom Team erfordert, unterlaufen Ärzten wie Schwestern schwere Fehler. So wird oft zu geringer Druck bei der Herzmassage ausgeübt. Es vergeht auch regelmäßig wertvolle Zeit, weil die Koordination unter den Teammitglieder nicht funktioniert. Also wer macht was? So ist die Herzdruckmassage körperlich sehr anstrengend. Um den notwendigen Druck auf den Brustkorb über mehrere Zyklen aufrechterhalten zu können, reicht selbst die Kraft eines sportlichen Arztes nicht aus. Das Team müsste also rotieren. Doch häufig geschieht dies nicht. Offenbar kostet viele Ärzte eine Aussage wie "Ich habe keine Kraft mehr, kannst du übernehmen" Überwindung. Der Satz "Ich weiß nicht weiter, wer hat einen Rat?" kommt erst recht zu selten über die Lippen.

Herzmassage in einer OP

Die Herzdruckmassage erfordert zu viel Kraft für einen alleine.

Offene Kommunikation entscheidend für Teambildung
Ein Grund für die Kommunikationshürden ist laut Michaela Kolbe das immer noch häufig in hierarchischen Kategorien verhaftete Denken vieler Ärzte. "Götter in Weiß", so abgegriffen der Ausdruck scheint, er umschreibt manches Ärzteverhalten im Team dennoch treffend. Ein weiteres Problem: Die Notfallteams sind fast immer spontan zusammengewürfelt, es sind keine festen, eingespielten Gemeinschaften. Doch wenn es auf jede Sekunde ankommt, dann geht wertvolle Zeit verloren, wenn unterschwellig Rangkämpfe ablaufen oder wenn aus Unsicherheit die Kommunikation untereinander hakt. Das Rezept der Züricher Teamtrainer lautet daher: regelmäßiges Training. Ihrer Meinung nach sind die beste Medizin und die besten Leitlinien wertlos, wenn nicht gleichzeitig Ärzte und Pflegekräfte genau wissen, wie sie sie im Team umsetzen müssen. Je nach Notfall sind die Erfordernisse dabei verschieden: In sehr komplexen Situationen kann es hilfreich sein, wenn einer das Sagen hat und klare Anweisungen gibt. Ein anderer Notfall kann wiederum das Gegenteil erfordern: das strikte Aufteilen der Verantwortung im Team. Und das heißt: Auch der Chefarzt gibt Kompetenzen ab, ob an den Assistenzarzt oder die Pflegekraft.

Hand eines OP-Patienten

Trainierte Teams retten mehr Leben.

Mehr Patientensicherheit
Die Entwicklung der Teamarbeit bedeutet eine Art Kulturwechsel im Krankenhaus. Schulungen einzelner Mitarbeiter reichen daher nicht aus, um gut funktionierende Notfallteams zu etablieren. Deshalb geht das Unispital Zürich jetzt einen Schritt weiter: Alle Ärzte, Pfleger und Schwestern werden verpflichtet, an Simulationstrainings teilzunehmen - ein europaweit einmaliges Projekt. Das kostet Zeit und Geld im durchrationalisierten Medizinbetrieb. Doch internationale Studien zeigen: Es lohnt sich. Trainierte Teams retten mehr Leben als untrainierte, das haben Vergleichsstudien gezeigt. In großen Kliniken lassen sich demnach durch verbessertes Teamwork 20 Todesfälle und mehr pro Jahr vermeiden. Und auch das zeigen die Untersuchungen: Der Stress-Level der Teammitglieder sinkt deutlich. Das steigert die Arbeitszufriedenheit.

Filmautor: Thomas Liesen

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Stand: 28.01.2015, 15:00

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