Nur so gut wie die Trinkwasserverordnung

Wie gut ist unser Leitungswasser?

Nur so gut wie die Trinkwasserverordnung

In Deutschland gibt es in jedem Haushalt jederzeit frisches Leitungswasser.
Unser Trinkwasser muss "frei von Krankheitserregern, genusstauglich und rein" sein – so schreibt es die Trinkwasserverordnung vor. Sie regelt auch, wie Trinkwasser gewonnen und aufbereitet wird. Die Wasserversorger sind verpflichtet, regelmäßige Kontrollen durchführen, um sicherzustellen, dass die gesetzlichen Vorschriften und Grenzwerte eingehalten werden. Für über 40 verschiedene Stoffe und Parameter gibt es Grenzwerte. Doch sind die Prüfkriterien klar genug definiert? Ist die Trinkwasserverordnung zeitgemäß oder hat sie gar Lücken? So gibt es für Medikamente und deren Rückstände keine Grenzwerte; genauso wenig für Hormone.

Händewaschen

Frisches Leitungswasser ein Lebensquell

Grenzwerte und Reinheit – Ein Widerspruch?

Die Trinkwasserverordnung macht einen Spagat: So ist darin zu lesen, dass einerseits die Reinheit des Trinkwassers vorausgesetzt wird, andererseits werden Grenzwerte für gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe festlegt. Doch in reinem Wasser sollten überhaupt keine Schadstoffe enthalten sein. Durch die Festsetzung von Grenzwerten gehe man von einer gesetzlich akzeptierten Verunreinigung unseres Trinkwassers aus – so die Kritiker. Auf der anderen Seite ist es in einer modernen Gesellschaft fast schon utopisch, anzunehmen, dass unser Trinkwasser von jeglicher Umweltbelastung verschont bleibt. Wissenschaftlich gesehen sind Grenzwerte durchaus sinnvoll, denn was man nicht testet, das findet man auch nicht! Daher lautet die Kritik aus der Wissenschaft: Warum gibt es für bestimmte Stoffe keine Grenzwerte?

Dokumente zur Untersuchung von Wasser

Wird wirklich das Richtige untersucht?

Medikamente und Hormone – Gefahr für unser Trinkwasser?

Medikamente, Hormone und deren Rückstände haben in unserem Trinkwasser nichts zu suchen. Trotzdem werden sie bei Probenentnahmen gefunden. Derzeit sind die Konzentrationen sehr gering – und das Umweltbundesamt gibt Entwarnung: Selbst wenn man sein Leben lang Leitungswasser tränke, käme man rechnerisch im Laufe von etwa 70 Jahren nur auf eine Menge, die einer "Tagesdosis" der meisten Medikamente entspräche. Das sei unbedenklich.

Kritischer ist die Tatsache, dass es für Medikamente und deren Rückstände gar keine Grenzwerte gibt. Der Leiter der Trinkwasserkommission Professor Martin Exner fordert, dass die Konzentrationen von Medikamenten kontrolliert werden müssten. Doch bisher gibt es für die Wasserversorger in der Trinkwasserverordnung keine Verpflichtung dazu. Manche Unternehmen testen freiwillig – doch die Ergebnisse müssen nicht veröffentlicht werden.

Toilette

Medikamente kommen durch unsere Aussscheidungen in die Flüsse!

Wie gut wird das "am besten untersuchte Lebensmittel" untersucht?

Die Trinkwasserverordnung regelt, auf was das Trinkwasser regelmäßig untersucht werden muss: Das sind über 40 Chemikalien, darunter auch Pestizide und verschiedene Parameter wie zum Beispiel Geruch und Leitfähigkeit. Zudem wird auf zwei verschiedene Bakterienarten getestet. Doch reicht das aus? Martin Exner sieht Ergänzungsbedarf! Seiner Meinung nach muss man immer das Ausgangsprodukt testen – das sogenannte Rohwasser, also das Wasser, das die Wasserwerke zu Trinkwasser aufbereiten. Ist das Rohwasser "Grundwasser", dann ist die Trinkwassergewinnung meistens unkompliziert. Technisch anspruchsvoller und schwieriger wird es bei Oberflächenwasser. Kommt das Rohwasser aus einem Oberflächengewässer, wie der Ruhr oder dem Rhein, kann man davon ausgehen, dass mehr Schadstoffe und Krankheitserreger vorhanden sind.

Auf einem Schild steht: "Aus Rohwasser wird Trinkwasser"

Trinkwasser-gewinnung aus Flüssen ist eine Herausforderung für die Wasserwerke

Kein eigener Test auf Viren und Parasiten

Für Krankheitserreger wie Viren oder Parasiten gibt es in der Trinkwasserverordnung keine Grenzwerte – und auch keine speziellen Tests. Seit über 100 Jahren gibt es zwar einen sogenannten Indikatortest auf Bakterien. Erst wenn dieser Auffälligkeiten anzeigt, sucht man weiter. Das reicht nicht, denn Viren oder Parasiten sind widerstandsfähiger als Bakterien. Zurzeit stellen jedoch Viren und Parasiten wie Sporentierchen und Giardia lamblia kein gesundheitliches Risiko dar. Doch die Forderung der Weltgesundheitsorganisation macht Sinn: Es sollte nicht nur das aufbereitete Trinkwasser, sondern auch das Rohwasser getestet werden. Denn nur wenn die Wasserversorger wissen, welche Verunreinigungen in welcher Konzentration im Rohwasser drinstecken, können sie gezielt Reinigungsstufen einsetzen. Das gäbe zusätzliche Sicherheit.

Fazit: Unser Trinkwasser ist gut und gesundheitlich unbedenklich – aber es könnte besser untersucht sein. Es gibt eher zu wenig Grenzwerte. Manche Wasserversorger testen daher schon heute viel mehr als die Trinkwasserverordnung vorschreibt.

In einem Labor wird Wasser untersucht

Veraltet oder gut bewährt? Seit 100 Jahren reicht der Test auf Indikator-Bakterien.

Ab der Wasseruhr ist der Verbraucher verantwortlich!

Die Wasserwerke garantieren die Qualität nur bis zur Wasseruhr! Für die Hausinstallation ist der Vermieter – und für Armaturen oder den Duschschlauch sind die Bewohner – verantwortlich. Auch hier können noch schädliche Stoffe in das Wasser kommen. Insbesondere wenn das Wasser länger in den Leitungen steht, können Schadstoffe wie Blei, Kupfer, Chrom und Nickel ins Trinkwasser gelangen. Sie lösen sich aus Rohren, Dichtungen, Verbindungsschläuchen und Armaturen. Dabei ist Blei besonders gesundheitsschädlich: Es schädigt nachweislich Nervenzellen und Nieren! Komplette Bleirohre gibt es heute selbst in alten Häusern kaum noch. Seit 1973 sind Bleirohre in den meisten Bundesländern verboten! Lediglich als Abflussrohr dürfen sie noch verwendet werden.

Bleirohre erkennt man daran, dass sie – auch ohne Anstrich weiß sind und vor allem sind sie "weich". Das heißt, in den Ecken wurden sie einfach nur gebogen.

Ralph Caspers zeigt Foto einer Wasseruhr

Bis zur Wasseruhr ist das Wasserwerk zuständig.

Blei – immer noch im Einsatz!

Leider werden selbst heute noch bis zu drei Prozent Blei bei der Fertigung von Eckventilen und Verbindungsteilen eingesetzt. Damit werden die Metallverbindungen weicher und bei der Fertigung das Bohren vereinfacht. Hersteller, die "bleifrei" arbeiten, sind die Ausnahme. Das Umweltbundesamt fordert schon lange eine Prüfung aller Werkstoffe, die mit Trinkwasser in Berührung kommen. Dazu gehören auch Dichtungen und Armaturen. Nicht nur Metallionen – auch Schadstoffe und Weichmacher aus Kunststoffrohren – können in das Leitungswasser übergehen.

Schild zeigt, wie viel Blei in Eckventilensteckt

Bis zu drei Prozent Blei stecken in Eckventilen.

Stehendes Wasser aus der Leitung – besser nicht trinken!

Wasser, das länger als vier Stunden in den Leitungen steht, ist nicht mehr trinkbar – und sollte auch nicht zum Kochen verwendet werden! Das empfiehlt das Umweltbundesamt! Leitungswasser, das länger in den Leitungen steht, kann Schadstoffe und Bakterien enthalten. Bei einem Test der Kollegen vom WDR-Magazin "Servicezeit" waren von 21 Proben ein Drittel mit Nickel und oder Bakterien belastet. Daher sollten Sie besonders bei Kindern und Säuglingen kein sogenanntes Stagnationswasser benutzen!

Baby trinkt Wasser aus der Flasche

Babys und Kleinkinder sollten nur frisches Wasser bekommen!

Abhilfe schaffen ist leicht: Einfach das Leitungswasser so lange fließen lassen, bis es kühl aus der Leitung kommt! Meistens sind das etwa zwei Liter. Der Temperatur-Unterschied ist eindeutig spürbar. Dann ist klar, dass das Wasser frisch und unbelastet von Schadstoffen und Bakterien ist.

Bakterien fühlen sich besonders wohl in flexiblen Schläuchen unter der Spüle – oder im Duschschlauch. Auch gegen diese potenziellen Verunreinigungen hilft es, das stehende Wasser aus den Rohren abfließen zu lassen. Kommt das Wasser dann kühl und frisch aus der Leitung, kann man sicher sein, dass auch Schadstoffe und Bakterien nicht genug Zeit hatten, in das Trinkwasser zu gelangen!

Autorin: Corinna Sachs

Stand: 30.07.2013, 00:00

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