Die Amputation eines wichtigen Tastorgans ohne Betäubung

Schnabelkürzen

Die Amputation eines wichtigen Tastorgans ohne Betäubung

In der konventionellen Hühnerhaltung ist es eine Routine: Das Amputieren der Schnabelspitzen bei Eintagsküken. Verhindert werden soll durch den schmerzhaften Eingriff Federpicken und Kannibalismus unter den erwachsenen Legehennen. Auslöser für solche Verhaltensstörungen ist vor allem Stress durch das Zusammenleben auf engstem Raum oder Beschäftigungsmangel, falsches Futter oder Krankheiten. Anstatt aber die Haltungsbedingungen zu verbessern, werden die empfindlichen Schnäbel amputiert.

Eine glühende Klinge durchtrennt die Schnabelspitze eines Eintagkükens

Eine glühende Klinge durchtrennt die Schnabelspitze eines Eintagkükens

Schnabel ist empfindliches Tastorgan

Der Schnabel ist bei Hühnern vergleichbar mit unseren Fingerspitzen. Er ist ein empfindliches Tastorgan und mit zahlreichen Schmerzrezeptoren ausgestattet. Das Huhn kann mit seinem Schnabel Nahrung erkennen und fressen, sein Gefieder putzen oder Trinken. Werden Teile dieses Tastorgans abgeschnitten oder zerstört, stellt das einen erheblichen Eingriff in das Wohlbefinden des Tieres dar. Denn entfernt wird nicht nur die 3 Millimeter lange verhornte Schnabelspitze. Die Klinge oder der Infrarotstrahl schneiden meist tiefer, entfernen auch Knochen und durchblutetes Gewebe, das mit Nerven durchzogen ist. Das muss extrem schmerzhaft sein, wie pathologische Untersuchungen nahelegen.

Bild eines Kükens am 22. Tag nach der Amputation

Bild eines Kükens am 22. Tag nach der Amputation

Methoden

Als Methoden kommen das heiße Messer, der Lichtbogen oder ein heißer Infrarotstrahl zum Einsatz – immer ohne jegliche Betäubung. Die heiße Klinge – die übrigens Ende 2013 als Methode verboten werden soll – schneidet die Schnabelspitze mechanisch ab und verödet sie gleichzeitig, damit keine Blutungen auftreten. Lichtbogen und Infrarotstrahl zerstören durch Hitzeeinwirkung die Schnabelspitze. Weil der heiße Infrarotstrahl als schonender gilt und besser zu standardisieren ist, wird er heute überwiegend eingesetzt. Dabei werden die Küken manuell in ein kreisförmiges Gerät eingehängt, in dem der Kopf in eine passende Halterung gesteckt und fixiert wird. Vollautomatisch wird die korrekte Position des Kopfes mittels Sensoren überprüft. Erst dann wird das Küken zum Brenner transportiert. Der Infrarotstrahl trifft senkrecht von oben auf den Schnabel auf und verursacht Verbrennungen zweiten bis dritten Grades. Das verbrannte Gewebe wird nach einigen Tagen abgestoßen. Doch die Experten sind sich einig, dass auch bei dieser vermeintlich schonenden Methode Knochen und lebendes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen werden. Ob dabei Schmerzen auftreten, lassen die Befürworter der Methode, die vor allem aus der Geflügelindustrie stammen, bewusst offen. Die Gegner, die das Schnabelkürzen verbieten wollen, sprechen von beträchtlichen Schäden und lang andauernden erheblichen Schmerzen, die auch diese Methode bei den Tieren verursacht.

zahlreiche Küken sind in einer Maschine fixiert. Der Infrarotstrahl trifft senkrecht von oben auf den Schnabel und verbrennt Horn, Knochen und Bindegewebe

Der Infrarotstrahl verbrennt Horn, Knochen und Bindegewebe am Schnabel

Ein Übel durch ein anderes ersetzen? Was sich ändern muss!

Es ist schwer zu beurteilen, was schlimmer ist: die Amputation der Schnabelspitze oder die Verletzungen, die sich Hennen mit intakten Schnäbeln zufügen können. Einfach nur das Schnabelkürzen zu verbieten, löst das Problem nicht. Ein blutig gepicktes Huhn fällt den scharfen Schnäbeln seiner Artgenossen zum Opfer. Auch das ist qualvoll und darf nicht vorkommen. Was sich ändern muss, sind die Haltungsbedingungen! Betriebe, die den Legehennen ein wirklich artgemäßes Leben ermöglichen, haben wenig Probleme mit Federpicken und Kannibalismus unter den Hühnern. Hier leben die Tiere in kleinen Gruppen, mit Auslauf, Grünfutter und Staubbaden. Vorbildlich in diesem Sinne ist die mobile Freilandhaltung, bei der die Hennen in überschaubaren Gruppen in einem "Hühnermobil" untergebracht sind, das von einer Weide zur nächsten gefahren wird. Unter diesen artgerechten Bedingungen kann auf das Schnabelkürzen verzichtet werden.

ein mobiler Stall wird auf eine schneebedeckte Wiese gefahren

Das Hühnermobil bietet den Hennen eine artgerechte Unterbringung in kleinen Gruppen mit viel Auslauf

Autor: Martin Riebe

Stand: 26.02.2013, 00:00