Fehler im System Krankenhaus?

Die negativen Auswirkungen der Fallpauschalen

Fehler im System Krankenhaus?

Das Abrechnungssystem im Krankenhaus wird immer komplexer. Während früher nach Liegetagen abgerechnet wurde, gibt es heute die "Fallpauschalen": Nach diesem System wird jeder Patient als Fall abgerechnet. Und je schneller der "Fall" das Krankenhaus verlässt, desto lukrativer ist dies für das Krankenhaus. 2004 wurde dieses neue Abrechnungssystem für die deutschen Krankenhäuser eingeführt – das sogenannte DRG-System (vom Englischen Diagnosis Related Groups; zu deutsch "diagnosebezogenen Fallgruppen"). Das neue Abrechnungssystem sollte das Gesundheitssystem transparenter machen und die Versorgung der Patienten effizienter gestalten. Nebenbei ging es aber auch darum, dass Krankenhäuser wirtschaftlicher arbeiten.

Comic-Zeichnung: Krankenhaus als Registrierkasse

Rund 70 Milliarden Euro bekommen deutsche Krankenhäuser jedes Jahr von den Krankenkassen

Das alte System: Vergütung nach Liegetagen

Vor der Einführung der Fallpauschalen war für die deutschen Klinikbetreiber die Welt noch in Ordnung: Die Krankenhäuser bekamen ihr Geld auf der Grundlage der "Liegetage": Je länger ein Patient im Krankenhaus lag, desto mehr Geld bekam das Krankenhaus für die Behandlung. Komplizierte Fälle, die eine lange Behandlung erforderten, wurden dadurch besser vergütet. Allerdings führte dieses Vergütungssystem dazu, dass manche Patienten länger im Krankenhaus blieben als medizinisch notwendig. Eine Entlassung vor dem Wochenende etwa war eher selten. Argumentiert wurde damals oft, dass die Hausärzte am Wochenende ja nicht im Dienst seien und so die medizinische Versorgung der gerade erst entlassenen Patienten nicht gewährleistet sei.

Comic-Zeichnung: Patientenzimmer mit Abreißkalender

Nach dem alten Abrechnungssystem bringt jeder Tag bares Geld

Das neue System: gleiches Geld für gleiche Behandlungen

Die Vergütung nach Fallpauschalen (vgl. den Film dazu ) sollte dieser Ausweitung der Liegezeiten entgegenwirken. Und tatsächlich: Während Patienten im Jahr 1991 noch im Schnitt 14 Tage im Krankenhaus verbrachten, sind es 20 Jahre später nur noch 7,7 Tage.

Allerdings gibt es auch viel Kritik am neuen Abrechnungssystem: Transparenter sei das Gesundheitssystem nicht geworden. Stattdessen machen Schlagworte wie "Rosinenpickerei", "blutige Entlassung", "Drehtüreffekt" und "Hamsterrad" die Runde: Kliniken würden sich lukrative Behandlungsfälle wie Rosinen aus dem Kuchen picken und weniger gewinnversprechende Patienten nicht aufnehmen. Um Geld zu sparen, würden Patienten mit noch blutigen Operationswunden entlassen, die dann sozusagen an der Drehtür des Krankenhausausgangs kehrt machten, um erneut zur Nachsorge aufgenommen zu werden. Und da manche Eingriffe eben nicht so viel Profit bringen, würden die Kliniken die Fallzahlen erhöhen. Das heißt, wenn es weniger Geld für eine Operation gibt, wird eben mehr operiert. In der Folge würden die Angestellten des Krankenhauses wie im Hamsterrad rotieren.

So funktioniert die Abrechnung nach Fallpauschalen

Auch wenn sich viele Studien mit den Auswirkungen des DRG-Systems beschäftigen, lassen sich die Vorwürfe schwer belegen, aber auch nicht entkräften. Denn es ist unmöglich fest zu stellen, welche Veränderungen direkt mit der DRG-Einführung zusammenhängen und welche mit dem sich insgesamt verändernden Gesundheitssystem.

grafische Darstellung der zunehmenden Fallzahlen und der abnehmenden Zahl der Pflegekräfte

Immer mehr Arbeit für immer weniger Hände

Mehr Arbeit für weniger Mitarbeiter

In einem Punkt aber sind sich die Studien einig: Für die Angestellten im Krankenhaus hat die Systemumstellung deutliche Folgen. Die kürzeren Liegezeiten und die Fallzahlsteigerungen führen zu einer höheren Arbeitsbelastung. Und nicht nur das: Um Kosten zu sparen, drehen viele Klinikbetreiber nicht selten an der Personalschraube. Während die Fallzahl in Krankenhäusern seit 1995 um knapp zwölf Prozent gestiegen ist, hat die Zahl der Pflegekräfte um gut 13 Prozent abgenommen. Zudem empfinden viele Mitarbeiter im Krankenhaus die Einführung der Fallpauschalen als Haupt-Triebfeder für eine Zunahme administrativer Tätigkeiten – zulasten der Beschäftigung mit dem Patienten. Bei Ärzten ziehen zwei Stunden medizinischer Arbeit – wie Untersuchungen oder Gespräche mit Patienten – im Durchschnitt eine Stunde rein bürokratischer Aufgaben nach sich, in der am Computer Prozeduren und Diagnosen verschlüsselt werden oder Anfragen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) beantwortet werden.

Comiczeichnung: ein Arzt und eine Krankenschwester im Operationssaal

Vorsicht: Nicht jede Operation ist notwendig

Fehler bei den Abrechnungen – Fehler im System

Dabei scheint die DRG-Codierung alles andere als einfach zu sein. Nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen wurden im Jahr 2010 über 2.000.000 Fälle geprüft, was etwa elf Prozent aller Krankenhausfälle entspricht. In sage und schreibe 45 Prozent der geprüften Fälle waren die Abrechnungen fehlerhaft: Von den 900.000 falsch abgerechneten Krankenhausfällen waren nicht wenige auf eine Überbehandlung zurückzuführen. Denn für die Krankenhäuser ist es durchaus verlockend, aufwändiger zu behandeln, als eigentlich nötig. Und so wird aus einem ursprünglich harmlosen Harnwegsinfekt dann auch schnell eine Blasenentzündung, weil die im Abrechnungssystem mehr Geld bringt. Bei solch harmloseren Diagnosen mag man das noch hinnehmen. Kritischer zu sehen sind die Zunahmen von womöglich unnötigen Operationen: So hat sich zum Beispiel die Zahl der Rückenoperationen seit 2005 nahezu verdoppelt. Das hat der Krankenhausreport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK ergeben. Und deren Experten sind überzeugt, dass die Operationszahlen gerade bei gewinnbringenden Eingriffen zunehmen.

Schutz vor unnötigen Operationen

Als Patient kann man sich zwar gegen falsche DRG-Codierungen nicht wehren. Unnötige Operationen sollte man allerdings schon aus Eigeninteresse versuchen zu vermeiden. Unser Tipp: Holen Sie sich unbedingt eine ärztliche Zweitmeinung ein, wenn Ihr Arzt Ihnen zu einer Operation rät. Dazu hat grundsätzlich jeder Patient das Recht. Die Kosten hierfür übernehmen in jedem Fall die Krankenkassen. Der ärztlichen Zweitmeinung räumen die Experten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK bei der Eindämmung unnötiger Operationen eine Schlüsselrolle ein.

Wirtschaftlich handeln statt heilen?

Eines hat die Umstellung auf die Fallpauschalen sicher bewirkt: dass wirtschaftliche Gesichtspunkte das Handeln von Ärzten und Pflegern beeinflussen. Vor welche Probleme das die Ärzte stellt, beschreibt Professor Matthias Pirlich, Chefarzt der Inneren Medizin in der Evangelischen Elisabeth Klinik in unserem Interview.

Text: Katrin Krieft; Filmautor: Jakob Kneser

Stand: 14.01.2014, 21:00

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