Fleisch aus dem Labor – drei Gründe, warum wir es noch nicht kaufen können

Künstliches Fleisch im Labor

Fleisch aus dem Labor – drei Gründe, warum wir es noch nicht kaufen können

1. Die Natur nachahmen: ein ehrgeiziger Plan

2004 starteten mehrere niederländische Forscher die Fleischzucht im Labor. Sie nutzten dafür Stammzellen aus dem Muskelgewebe von Kühen. Diese Prozedur ist für die Tiere quasi schmerzfrei – vergleichbar mit einer Blutabnahme. Aus einer einzigen Biopsie könne man theoretisch 20.000 Tonnen Laborfleisch züchten, sagen die Forscher. Sie lassen die Stammzellen aus dem Muskelgewebe der Kühe auf einer Nährlösung wachsen. Die Stammzellen entwickeln sich daraufhin selbstständig zu Muskelzellen und daraufhin zu Muskelfasern, die unter dem Mikroskop nicht zu unterscheiden sind vom Muskelfaser-Geflecht eines realen Steaks.

Nach fünf Jahren Forschungsarbeit hatten die Niederländer immerhin Fleischstückchen gezüchtet, die etwa 22 Millimeter lang, 8 Millimeter breit und einen halben Millimeter dick waren. Von natürlich gewachsenem Fleisch war das noch weit entfernt. Aber vier Jahre später präsentierten die Forscher dann ihren ersten Labor-Hamburger. Sie rechnen damit, dass er 2021 marktreif sein wird. Andere Fleischarten, wie zum Beispiel ein Steak, sind bis jetzt utopisch. Denn für größere Fleischstücke bräuchten die Forscher Blutgefäße oder ähnliche Versorgungskanäle, die Nährstoffe zu sämtlichen Zellen liefern.

Aber die Muskelzellen sind noch nicht alles, auch Konsistenz und Geschmack müssen stimmen. Mittlerweile ist ein weiterer entscheidender Schritt zur Geschmacks-Optimierung getan: Die Fleischforscher haben aus den Stammzellen auch Fettzellen gezüchtet – als Geschmacksträger. Weitere Zutaten: Salz, Semmelbrösel, Bindemittel.

2. Die umstrittene Zutat: Kälberserum

Bisher wachsen die Muskelzellen auf einer Nährstofflösung bestehend aus Zucker, Aminosäuren, Mineralien, Vitaminen – und aus dem Serum des Blutes von Kälberföten. Fetales Kälberserum enthält eine Vielzahl von Proteinen mit Wachstumsfaktoren, die für das Kultivieren von Zellen praktisch sind. Auch in vielen anderen Forschungsbereichen wird Kälberserum eingesetzt.

Das Risiko beim Einsatz für Laborfleisch: Das Serum könnte Krankheiten übertragen, weshalb die niederländischen Forscher schon längst nach Alternativen suchen. Auch aus ethischen Gründen: Für die Gewinnung des Serums wird das ungeborene Kalb aus der Gebärmutter entfernt und ihm wird Blut aus dem Herzen entnommen – ohne Betäubung. Das Kalb überlebt diesen Eingriff nicht.

Die niederländischen Forscher erproben zurzeit Alternativen auf der Basis von Pflanzen, zum Beispiel Algenextrakten, und Bakterien. Ihre Vision: Laborfleisch könnte irgendwann bis auf die Stammzellen fast ganz ohne tierische Rohstoffe auskommen - wenn sich die Stammzellen unter den richtigen Bedingungen immer weiter vermehren und so ständig neues Muskelfleisch produziert wird. Dann könnten, so eine theoretische Hochrechnung der Forscher, 150 Rinder die ganze Weltbevölkerung ernähren – zurzeit brauchen wir dafür etwa 1,5 Milliarden Tiere.

3. Laborfleisch auf dem Markt etablieren: eine Herausforderung 

Umfragen in mehreren europäischen Ländern und in den USA zeigen: Zwischen 20 und 50 Prozent der Befragten würden Fleisch aus dem Labor ausprobieren. Aber die Akzeptanz ist nur eine Sache. Um Laborfleisch marktreif zu machen, müsste auch die Produktion effektiver werden.

Die Forscher suchen bereits nach Alternativen zur Zucht in den kleinen Petrischalen. Der Plan: Die sich immer weiter vermehrenden Zellkulturen kommen nach und nach in immer größere Behälter. Ein Behälter, der schließlich 25.000 Liter Zellmasse fasst, könnte nach Rechnungen der Forscher ein Jahr lang den Fleischbedarf von 10.000 Menschen decken. Noch gibt es diese Infrastruktur nicht. Auch diese organisatorischen Überlegungen gehören zum Alltag der niederländischen Laborfleisch-Forscher.

Weitere Herausforderungen: Start-up-Unternehmen müssten ausreichend finanziell gefördert werden. Und: Laborfleisch wird in der EU als neuartiges Lebensmittel gewertet werden. Bis zur Genehmigung wird eine sehr umfangreiche Menge an Daten von den Wissenschaftlern gefordert werden. Auch das macht das Unterfangen so langwierig.

Für diejenigen, denen Fleischersatzprodukte nicht schmecken, die sich aber trotzdem nachhaltig ernähren wollen, könnte Laborfleisch in Zukunft aber durchaus eine Alternative sein. Dass es mit der konventionellen Fleischproduktion nicht länger so weiter geht wie bisher, steht jedenfalls fest. Denn die dafür benötigten Ressourcen werden bald nicht mehr weltweit reichen. 

Text: Ilka aus der Mark