Rinderhörner werden in der Zucht meistens entfernt

Das umstrittene Horn

Rinderhörner werden in der Zucht meistens entfernt

Das Horn – von Biobauern auch „Krone der Kuh" genannt – ist, anders als ein Fingernagel, keine sich ausstülpende tote Materie, sondern ein stark durchblutetes und von empfindsamen Nerven durchzogenes Körperteil. Außen hat es eine harte Hülle, innen einen knöchernen Hornzapfen, der hohl ist und Verbindung zur Stirnhöhle hat. Verliert ein Rind sein Horn, blutet der Hornzapfen stark. Sägt man erwachsenen Rindern die Hörner ab – wie in der Umstellungsphase von Anbindeställen zu Freilaufställen in den letzten 40 Jahren bei unzähligen Tieren geschehen – bleibt ein offener Zugang zur Stirnhöhle zurück, der sich erst nach Wochen vollständig schließt.

Kuh mit deutlichen Hörnern

Ein Rinderhorn ist keine tote Materie, sondern ein stark durchblutetes und von empfindsamen Nerven durchzogenes Körperteil.

Mit Hörnern reden
Ohne Horn fehlt Rindern ein wesentliches artgemäßes Mittel für Kommunikation, Konfliktregelung und Rangkampf. Der Verlust eines oder beider Hörner verändert Verhalten und Herdenstatus des Tieres: Es wird ängstlicher und steigt in der Rangordnung ab. Kühe sehen unscharf und umrisshaft, nur 1/50stel so gut wie der Mensch. Durch die Stellung des Kopfes mit der Hornsichel signalisiert ein Rind anderen Herdenmitgliedern, ob sie näherkommen dürfen, vorbeigehen können oder auf Abstand gehen sollen. Spätestens wenn ein Stier zusätzlich zu nach vorne gerichteten Hörnern die Ohren anlegt, sollte das Gegenüber die Flucht ergreifen. „Rinderflüsterer" lehren, das Verhalten einzelner aggressiver Rinder oder problematischer Herden zu verstehen und diese leichter zu dirigieren, indem sie die Deutung von Hornstellung, Kopfhaltung und weiterer Körpersignale unterrichten.

Oben ohne
70 bis 80 Prozent der deutschen Milchkühe werden enthornt oder so gezüchtet, dass ihnen erst gar keine Hörner wachsen. Viele Landwirte wollen die Verletzungsgefahr für sich selbst und ihre Mitarbeiter sowie Verletzungen der Rinder untereinander verringern. Typische Risikosituationen für Mensch und Tier entstehen durch Rangkämpfe, Futterneid und Engpass-Situationen im Stall wie beim morgendlichen und abendlichen Gedränge vor dem Melkstand. Blutergüsse, offene Wunden, Euter- und Scheidenverletzungen sind in behornten Herden keine Seltenheit. In der industriellen Massentierhaltung werden Hörner auch aus ökonomischen Gründen entfernt, um Milchkühe problemloser maschinell melken zu können. In großen Milchviehbetrieben, wo 2.000 und mehr Tiere per Melk-Karussell gemolken werden, können sich Hörner in den Gittern der zuführenden Gänge und Maschinen leicht verhaken.

Enthornen in Deutschland
Die Hornanlage ist beim Kälbchen ab ungefähr der zweiten Lebenswoche als leichte Erhebung am Kopf tastbar. Bei der sogenannten Enthornung wird das weitere Hornwachstum gestoppt, indem der Landwirt die versorgenden Blutgefäße rund um die Hornanlage durchtrennt. Dazu wird ein 600 Grad Celsius heißer ringförmiger Lötkolben für einige Sekunden tief in Haut und Gewebe gepresst. Durch die hohe Temperatur wird die entstehende Wunde gleichzeitig verödet. Rund drei von vier Millionen deutschen Kälbchen werden pro Jahr enthornt. Laut Tierschutzgesetz ist eine Amputation verboten und bedarf einer Ausnahmegenehmigung durch den Tierarzt. Doch das Enthornen von bis zu sechs Wochen alten Kälbern ist erlaubt, wenn der „…Eingriff im Einzelfall für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder dem Schutz anderer Tiere unerlässlich ist." Erstaunlicherweise erlaubt der Gesetzgeber, dass dieser schmerzhafte Eingriff bei Kälbchen unter sechs Wochen ohne Betäubung durchgeführt wird. Zahlreiche Landwirte tun dies deshalb weiterhin, auch aus Kostengründen.

Frisch enthorntes Kälbchen

Die ringförmige Verödung der Blutgefäße bei 600 Grad Celsius rund um die Hornanlage stoppen das Hornwachstum.

Tierfreundliches Enthornen
In fortschrittlichen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen gibt es Tierwohl-Initiativen von Landwirten, Tierärzten, Tierschützern und Züchtern, die sich für das Enthornen unter tierethisch vertretbaren Bedingungen und die Zucht von hornlosen Rindern einsetzen. Das bedeutet, dass der Landwirt das Kalb erst betäubt, ihm dann ein Schmerzmittel spritzt und es danach enthornt. Eine dritte, örtliche Betäubungsspritze, die das Schmerzgefühl des Kälbchens während des Eingriffs hundertprozentig ausschaltet, darf nur der Tierarzt geben. Diese tierärztliche Lokalanästhesie ist Vorschrift für ökologische Milchviehbetriebe. In konventionellen Milchviehbetrieben liegt sie im Ermessen des Landwirtes.

Hornlos von Geburt an
Genetisch hornlose Bullen sind derzeit die begehrtesten Besamer auf dem Rindermarkt. „Doppel-P", also Bullen mit zweifachem dominantem Hornlos-Gen (vom englischen Wort „poll" für „hornlos" abgeleitet) führen zu garantiert hornfreien Nachkommen.

enthornte Milchkühe im Stall beim Fressen

70 bis 80 Prozent der deutschen Milchkühe leben ohne Hörner.

Doch noch ist es den Züchtern nicht gelungen, die weiteren Wunsch-Eigenschaften wie Klauengesundheit, Körpervolumen und Euterform (und damit den Milchertrag) in die hornlosen Tiere zu züchten. Rinderzuchtexperte Sebastian Hoppe schätzt, dass weitere 10 bis 15 Jahre Kreuzungsarbeit nötig sein werden, bis genetisch hornlose Milchkühe genauso viel Milch geben wie behornte Tiere.

Filmautorin: Annette Wagner

Lesetipps

Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung
Autor: Florian Werner
Verlagsangaben: Goldmann Verlag, Stadt Jahr
ISBN 978-3-442-47305-2 WG 2110
Sonstiges: 252 Seiten, 8,99 Euro
Origineller und facettenreicher Blick auf die fast 10.000 Jahre alte Beziehung des Menschen zu seinem liebsten Nutztier. Die Kuh - als heilig verehrt, für blöd befunden, aber im Gegensatz zum Kuhklischee ein hochintelligentes und differenziertes Lebewesen. Verfasser des Buches ist der Berliner Texter und Journalist Florian Werner. Die unterhaltsam zu lesende Kultur- und Kuriositätengeschichte wurde 2009 als „Sachbuch des Jahres" ausgezeichnet.

Tiere auf der Weide: Die Kuh
Autor: diverse
Verlagsangaben: De Agostini, Berlin 2014
keine ISBN – da Teil eines Spiele-Sets mit Kuh und Schwein
Sonstiges: 24 Seiten, 2,99 Euro
Bestandteil eines Spielesets über das Leben auf dem Bauernhof. Buch Nr. 1 über die Kuh vermittelt kindgerecht Körperbau, Wesen und die Besonderheiten von Kuh und Stier, Kalb und Ochse. Auch Milchprodukte, Grundbegriffe des Melkens und die bekanntesten Rinderrassen werden erklärt.

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Stand: 07.02.2014, 12:00

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