Belohnung für Frühgeburten?

Ist die Fallpauschale schuld?

Belohnung für Frühgeburten?

Zu viele Frühgeburten
Vielen Geburtsmedizinern macht der Blick in die Geburtsstatistik seit Jahren Sorgen: Schwangere mit drohender Frühgeburt lägen zu kurz in der Klinik, warnt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), die Zahl der Frühgeburten sei zu hoch und in vielen Fällen vermeidbar.

Denn unter stationärer Beobachtung in spezialisierten „Perinatalzentren“ können Mutter und Kind oft noch einige Wochen gewinnen. Für das ungeborene Kind die beste Form der „Behandlung“ um frühe gesundheitliche Schäden und spätere Folgeerkrankungen zu vermeiden. Für das Baby ist deshalb jeder zusätzliche Tag im Mutterleib kostbar. Oft lässt sich der Geburtszeitpunkt so weit hinauszögern, dass es fast die vollständige Geburtsreife erreicht oder eine Frühgeburt ganz verhindert wird. Doch dies geschieht aus Sicht der Geburtsmediziner zu selten.

Ist die Fallpauschale schuld?
Die Ursache liegt in den Augen der Ärzte im so genannten Fallpauschalensystem, das die Krankenkassen vor 10 Jahren zur Abrechnung einführten. Längere Liegezeiten für Schwangere mit drohender Frühgeburt seien hier nicht ausreichend vergütet. "Obwohl die Maßnahme eindeutig sinnvoll ist, zahlt das Krankenhaus dabei drauf“, stellt Professor Matthias W. Beckmann, Finanzexperte der DGGG und Klinikdirektor der Universitäts-Frauenklinik Erlangen fest. Die Gynäkologengesellschaft sieht hier eine Finanzierungslücke. Die Versorgung der Frühchen auf der Intensivstation würde dagegen ausreichend vergütet und lohne sich wesentlich mehr: „Wenn ökonomische Anreize so gesetzt werden, dass Kinder möglichst kurz nach stationärer Aufnahme entbunden werden und es sogar finanzielle Belohnungen für Frühgeburten im Fallpauschalensystem gibt, ist das unseres Erachtens der falsche Regulierungsansatz“, kritisiert Beckmann.

Krankenkassen sehen keinen Handlungsbedarf
Für Schwangere mit drohender Frühgeburt bedeutet das: Sie müssen möglichst schnell gebären, damit die Klinik keine roten Zahlen schreibt. Der Kostendruck kann dazu führen, dass ihnen zu früh zu Geburtseinleitung oder Kaiserschnitt geraten wird. Medizinisch wie menschlich ist das aus Sicht der Ärzte nicht vertretbar. Mehrfach hat die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe die zuständigen Organe des Gesundheitssystems seit 2005 auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Doch bisher sieht der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen keinen Handlungsbedarf: „Wir kennen die Sorge von Frauenärzten, das ist nichts Neues für uns“, sagt Ann Marini vom GKV-Spitzenverband dazu. „Bislang müssen wir aber sagen wir können das nicht nachvollziehen. Diese Daten wurden bislang mehrfach analysiert und es konnte keine Fehlkalkulation in der Vergütung für die Betreuung von Schwangeren gesehen werden, die längere Zeit im Krankenhaus liegen müssen.“

Den Babys helfen und Kosten sparen
Dabei könnten die Kassen nach den Zahlen der Mediziner sogar viel Geld sparen, wenn sie die Fallpauschale in diesen Fällen ändern würden. Viele – teils lebenslange - Folgeerkrankungen von Frühchen ließen sich vermeiden, ebenso viele Wochen oder Monate auf der Frühchen-Intensivstation, so Matthias Beckmann: „Während die Versorgung einer Schwangeren zwischen 300-500 Euro pro Tag kostet, so kostet die Intensivstation der Frühchen pro Tag zwischen 1600 und 2000 Euro“, resümiert Matthias Beckmann. „Das bedeutet die Verlängerung einer Schwangerschaft würde zu einer deutlichen Reduktion der Kosten im System führen.“

Filmautorin: Scarlet Löhrke

Stand: 26.06.2014, 12:00

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