Wer zahlt im Schadensfall?

Versicherung: Ärzte ohne Haftpflicht

Wer zahlt im Schadensfall?

Ein fataler Behandlungsfehler: Das Gericht gibt der Patientin Recht. Doch dann der Schock: Der behandelnde Arzt hat keine Haftpflichtversicherung! Das Problem: Es fehlt an Kontrolle darüber, ob Ärzte eine Berufshaftpflicht abgeschlossen haben. Ein neuer Trend, da Versicherungssummen steigen und Schadenssummen bei Behandlungsfehlern auch.

Arzt, Ansicht von hinten, Stetoskop in der Hand

Was, wenn einem Arzt ein Behandlungsfehler unterläuft und er nicht versichert ist?

Während einer Implantat-OP bekommt Sabine Huhs eine Metallplatte für vier neue Zähne eingesetzt. Dabei wird der Knochen im Oberkiefer durchstoßen, wovon sie zunächst nichts merkt. Später dann klagt sie über Naselaufen und permanente Kopfschmerzen. Bis allerdings der Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und der Zahn-OP hergestellt wird, dauert es Monate.

Ein anderer Zahnarzt entdeckt den Durchbruch im Oberkiefer. Er ist entsetzt. Bakterien sind in die Nasennebenhöhle vorgedrungen. Alles ist entzündet. Ein fataler Behandlungsfehler.

Berufshaftpflicht? Fehlanzeige

Sabine Huhs hat geklagt. Anwaltskosten, mehrere Gutachten, Gerichtskosten und Schmerzensgeld summieren sich auf insgesamt rund 24.000 Euro. Das alles muss laut Urteil jetzt der Zahnarzt, beziehungsweise seine Berufshaftpflichtversicherung, übernehmen. Aber er hat gar keine.

Modell eines Zahnimplantats

Ein Implantat zwischen zwei Zähnen. Der Zahnarzt muss dafür in den Kiefer bohren.

Ein Einzelfall? Nein. Ulrike Hundt-Neumann ist Fachanwältin für Medizinrecht. Sie hatte in den vergangenen Jahren mehrere Mandanten, die ein Problem hatten, weil der Arzt keine Berufshaftpflichtversicherung hatte. Ein Grund dafür: steigende Policen. Die sind für Praxisärzte in den letzten zwei, drei Jahren um bis zu 100 Prozent gestiegen, weil immer mehr Menschen Behandlungsfehler einklagen, wie Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg erklärt. Da wird dann so mancher Vertrag gekündigt oder nicht mehr erneuert.

Keine Versicherung – geht das überhaupt?

Jeder Arzt muss, laut ärztlicher Berufsordnung, versichert sein. Doch muss er das auch nachweisen? Nein, sagt Versicherungsmakler Bernd Helmsauer, der sich auf niedergelassene Ärzte spezialisiert hat. Ob tatsächlich Versicherungsschutz besteht, stelle sich daher erst im Falle eines Anspruches heraus.

Weiß denn wirklich niemand, wann welcher Arzt welchen Vertrag abgeschlossen hat? Wir fragen nach: Wie wird auf die Berufshaftpflicht der Ärzte, und zwar aller Fachrichtungen, geschaut? Vier Kammern sind in Nordrhein-Westfalen zuständig. Für Zahnärzte reicht hier eine Selbsterklärung. Auch Ärzten anderer Fachrichtungen wird es leicht gemacht – zumindest im Bezirk Nordrhein. Eine kurze Erklärung reicht. Nur die Ärztekammer Westfalen-Lippe fordert als einzige Kammer einmalig eine Kopie der Versicherungspolice. Immerhin.

Antrag auf Haftpflichtversicherung, auf dem Geld und eine beschädigte Brille liegen.

Nicht alle Ärzte schließen eine Berufshaftpflichtversicherung ab. Überprüft wird es nur selten.

Der Leidtragende ist der Patient - in doppelter Hinsicht

Bislang haben Patienten keine Chance, zu erfahren, ob ihr Arzt versichert ist oder nicht. Dabei gäbe es einfache Möglichkeiten, die Ärztekammern zu informieren. Bei jeder KFZ-Versicherung gebe es heute elektronische Versicherungsbestätigungen und einen einfachen Datenaustausch, sagt Versicherungsmakler Bernd Helmsauer. Dies könne man in der Arzthaftpflicht ebenso organisieren.

Sabine Huhs kämpft auch jetzt noch mit den Nachwirkungen des Behandlungsfehlers. Die Infektion ist inzwischen ausgeheilt, aber das Zahnfleisch für immer geschädigt. Inzwischen hat sie erfahren, dass ihr Arzt immer noch praktiziert. Die Situation für sie sieht schlecht aus. Denn der Zahnarzt hat inzwischen Insolvenz angemeldet. Damit schwinden die Chancen, dass sie die 24.000 Euro von ihm jemals bekommt.

Autorin: Pia Busch

Stand: 04.08.2015, 20:47

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