Die kleine Bahn von Sezuan

zwei chinesische Männer schauen durch zwei Fenster ohne Glas in einem grünen Zug, Nahaufnahme

Die kleine Bahn von Sezuan

Nur zwei Autostunden südlich der 14-Millionen-Metropole Chengdu in Sezuan im Herzen Chinas scheint die Zeit stehen geblieben. In den malerischen Tälern von Qiangwei hören die Straßen auf. Eine kleine Schmalspurdampfbahn, die letzte Chinas, ist hier seit Maos Zeiten die einzige Verbindung zwischen acht Dörfern. Sprichwörtlich alles muss mit dem kleinen Dampfzug transportiert werden, Mensch und Vieh, Gemüse und Gepäck, Möbel und Mountainbikes. Die Gleise winden sich an Felshängen entlang und durch acht Tunnel zwischen dem Marktort Shixi und der Bergbaustadt Bajagou. Straßen gibt es keine.

Die Bäuerin Wang Qizhen packt im Morgengrauen die Salaternte in ihren Tragekorb. Sie muss eine halbe Stunde den Berg hinabsteigen zum Bahnhof von Bajagou, mit dem schweren Korb über die Lehmwände der Reisfelder balancierend. Die einfachen Waggons des Zuges, ohne Fensterglas und mit harten Holzbänken, sind an Markttagen zum Bersten überfüllt.

Der große Markt von Shixi am anderen Ende der Bahnstrecke ist eine Wunderwelt. Wahrsager, Barbiere, mobile Zahnärzte und die, für europäische Augen, absonderlichsten Speisen und Zutaten. Gleich nebenan liegen die Werkstätten der kleinen Bahn. Loks und Waggons sind so alt, dass ständig an ihnen herumgeschraubt und -geschweißt werden muss. Alle Ersatzteile werden hier von Hand gefertigt. Die Mechanikerin Lu Chunli kauft Schweinebein auf dem Markt für ein Lieblingsessen der Lokführer: Eisbein Sezuan Art - gegart im Dampfkessel der Lok.

Wang Shibin, der Lokführer, fährt die Strecke zwei Mal täglich hin und her. Kein Kindheitstraum, meint er, sondern ein harter und schweißtreibender Job. Er trägt die Verantwortung dafür, dass keine Unfälle passieren. Wang zieht unentwegt am Hebel der Dampfpfeife, denn mangels Straßen nutzen die Einheimischen die Gleise auch als Fußweg oder befahren sie mit ihren Mopeds.

So auch die elf Jahre alte Shihui. Sie geht in die fünfte Klasse der einzigen Schule dieser Täler. Shihui wohnt direkt am Gleis, die Schule liegt direkt an einer Haltestelle - und doch kann sie den Zug nicht nutzen, da der Fahrplan überhaupt nicht passt. So muss sie, wie viele andere Kinder auch, jeden Morgen zwei Stunden lang zu Fuß über die Gleise und jeden Nachmittag zwei Stunden zurück - bei Wind und Wetter. Eine Taschenlampe ist immer im Schulranzen, denn Shihui geht auch jeden Tag allein durch die zwei längsten Tunnel der Strecke, immer ängstlich horchend auf das vertraute Tuten der kleinen Bahn von Sezuan.

Ein Film von Ralf Quibeldey
Redaktion: Christiane Mausbach

Stand: 16.05.2017, 06:44